Hauptversammlung von Vitesco Technologies Nicht entlasten, nicht wieder wählen: Ärger bei Vitesco um umstrittene Aufsichtsräte

Vor allem für einen Mann sind die Streitereien um die Besetzung des Vitesco-Kontrollgremiums mehr als peinlich: Haupteigentümer Schaeffler. Quelle: imago images

Auf der anstehenden Hauptversammlung des Autozulieferers Vitesco wollen Großinvestoren dem Aufsichtsratschef Siegfried Wolf das Vertrauen entziehen – und Hauptaktionär Georg Schaeffler gleich mit.

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Die Worte von Ivox Glass Lewis haben Gewicht. Der Stimmrechtsberater bereitet große, institutionelle Investoren auf Hauptversammlungen vor – und gibt ihnen eine konkrete Empfehlung, wie sie auf der Zusammenkunft abstimmen sollen. Zeigt etwa ein roter Pfeil in seinen Reports nach unten, rät er von einer Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat ab. Und in Lewis’ jüngsten Report über wichtige Manager des Autozulieferers Vitesco Technologies wimmelt es von roten Pfeilen.

Aufsichtsratschef Siegfried Wolf? Nicht entlasten! Nicht wieder wählen! Georg Schaeffler, Haupteigentümer von Vitesco? Nicht entlasten! Nicht wieder wählen! Klaus Rosenfeld, Chef des Autozulieferers Schaeffler? Nicht entlasten! Nicht wieder wählen! Als Grund nennt Berater Lewis vor allem, dass alle drei Manager zu viele anderweitige Verpflichtungen hätten. Doch zu Wolf hagelt es noch mehr Kritik: Aufgrund „einiger Mängel“ bei Transparenz und nicht erfüllten „Governance-Anforderungen“ solle „die Entlastung von Siegfried Wolf sehr kritisch gesehen werden“, heißt es im Report.

Für das Management des jüngst abgespaltenen Autozulieferers Vitesco Technologies wird es damit ungemütlich. Auf der nun anstehenden Hauptversammlung der ehemaligen Continental-Tochter werden etliche Investoren dem Führungspersonal das Vertrauen entziehen – in der geballten Form ein ungewöhnlicher Vorgang. Im Fokus der Kritik steht vor allem Aufsichtsratschef Wolf.

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Der Österreicher steht derzeit vor allem in seinem Heimatland unter Dauerfeuer: Zuletzt musste er im „Untersuchungsausschuss betreffend Klärung von Korruptionsvorwürfen gegen ÖVP-Regierungsmitglieder“, kurz ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschuss, aussagen. Dabei kamen auch Fragen zu seinem laufenden Steuerverfahren und seiner Nähe zu dem Oligarchen Oleg Deripaska auf. Laut österreichischen Medienberichten hätte sich ein Fragender auch für ein Verfahren wegen des Transports von Gold über eine Grenze interessiert. Offenbar geht es dabei um den Verdacht der Geldwäsche. Doch Wolf machte von seinem Recht auf Auskunftsverweigerung Gebrauch, „weil es ein anhängiges Verfahren“ gebe, zitieren ihn Teilnehmer.  

Private Probleme mit der Steuer – Fahnder ermitteln

Die WirtschaftsWoche hat über Wolfs zweifelhafte Deals bereits umfassend berichtet. So hält der Millionär nicht nur zehn Prozent am russischen Autobauer GAZ, der mehrheitlich Deripaska gehört. Vor allem interessieren sich österreichische Fahnder der Zentralen Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption für seine mutmaßlichen Geschäfte. Kurz vor Weihnachten durchsuchten sie an mehreren Orten, unter anderem in einem Finanzamt. Man verdächtigte drei Beschuldigte der Bestechlichkeit und der Bestechung in unterschiedlichen Beteiligungsformen. Einer davon: Wolf. „Für jeden Bürger“, sagt Wolf, gelte „die Unschuldsvermutung – die nehme auch ich für mich in Anspruch.“ 

Nach Informationen der WirtschaftsWoche hat Wolf vor einigen Jahren vorsorglich eine Selbstanzeige gemacht. Gesetzliche Änderungen zur Besteuerung von Einkommen aus Österreich und der Schweiz, so Wolf, „waren von meinen Steuerberatern und von der Finanzbehörde übersehen“ worden. „Als wir diesen Fehler entdeckten, versuchten beide Seiten, das Problem zu lösen.“ Eine Lösung habe es gegeben, so Wolf. Er zahlte sieben Millionen Euro nach. Nun vermuten die Fahnder eine „parteiliche Behandlung“ eines Antrags auf Steuernachlass durch die damalige Leiterin des zuständigen Finanzamtes. Den Antrag hatte Wolf gestellt. Im Gegenzug für die „parteiliche Behandlung“ seines Antrages soll er die Frau bei einer Bewerbung um einen besseren Job unterstützt haben. Wolf sieht keine Fehler: Die Dame sei von einer „unabhängigen Bewertungskommission mit sechs Mitgliedern als beste Kandidatin beurteilt worden“.

Georg Schaeffler will Wolf erneut zum Aufsichtsratschef machen

Vor allem für einen Mann sind solche Dinge mehr als peinlich: Familienunternehmer Georg Schaeffler. Ihm und seiner Familie gehören bedeutende Anteile an Unternehmen wie Continental, Schaeffler – und Vitesco. Und es war Schaeffler persönlich, der Wolf für die Ämter empfahl: So sitzt Wolf bis heute im Aufsichtsrat von Schaeffler, bis vor kurzem gehörte er dem Gremium auch bei Continental an. Das verließ er jedoch, um das Amt als Chef im Aufsichtsrat von Vitesco übernehmen zu können. 

Georg Schaeffler unterstützt ihn bis heute. „Wir kennen Siegfried Wolf seit vielen Jahren als gradlinigen Menschen, zu dem wir volles Vertrauen haben“, sagte Schaeffler kürzlich der WirtschaftsWoche. „Wir sehen keinerlei Anlass, an seiner Integrität zu zweifeln.“ Und so spricht auch die Einladung zur Vitesco-Hauptversammlung Bände: Der Aufsichtsrat beabsichtige, „Herrn Prof. KR Ing. Siegfried Wolf im Falle seiner Wahl unmittelbar nach der Hauptversammlung am 5. Mai 2022 zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats“ zu wählen. Georg Schaeffler, ein Fels in der Brandung des Siegfried Wolf. 

Dabei fällt nicht nur der Stimmrechtsberater Georg Schaeffler in den Rücken – sondern auch namhafte Investoren. So will der Vermögensverwalter DWS, der mehrheitlich der Deutschen Bank gehört, den russlandnahen Wolf, den Familienunternehmer Schaeffler und Schaeffler-Chef Rosenfeld weder entlasten, noch deren Wiederwahl in den Aufsichtsrat zustimmen. „Zur Hauptversammlung von Vitesco stimmen wir 2022 aufgrund formaler Kriterien wie fehlender Unabhängigkeit gegen die Entlastung sämtlicher Aufsichtsratsmitglieder – inklusive Herrn Wolf“, sagt Analyst Hendrik Schmidt von der DWS. Zudem stimme man wegen der fehlenden Unabhängigkeit gegen die Wahl sämtlicher Aufsichtsratsmitglieder – mit Ausnahme von Sabina Jeschke. „Bei Herrn Wolf kommt außerdem seine Mandatsvielzahl als Ablehnungsgrund hinzu.“

Ähnlich sieht das die Union Investment, also die Investmentgesellschaft der DZ Bank. Auch die Sparkassen-Tochter Deka will die Wiederwahl von Wolf und Rosenfeld ablehnen. Dem Vernehmen nach soll Allianz Global Investors ebenfalls gegen die erneute Wahl von Wolf sein.

Dass die Investoren Themen wie Russlands Krieg gegen die Ukraine oder laufende Ermittlungen gegen Wolf nicht in den Vordergrund stellen, hat einen einfachen Grund: „Wir machen es uns einfach“, sagt einer hinter vorgehaltener Hand. Wenn schon die schiere Anzahl der Mandate ein Problem darstelle, dann lehne man die Person ab und analysiere den Rest der Kriterien gar nicht erst. Und da Wolf mit seinen Mandaten – zu denen zuletzt auch der Aufsichtsratsvorsitz der russischen Sberbank in Europa gehörte – bereits negativ aufgefallen war, beschränken sich die Investoren nun auf Gründe wie „zu viele Ämter“. 

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Ob sich die institutionellen Investoren mit ihrer ablehnenden Haltung durchsetzen, ist aber unwahrscheinlich: Die Familie Schaeffler hält rund 46 Prozent der Vitesco-Aktien. Und Wolf selber hält über eine Stiftung weitere fünf Prozent. Mit diesen Stimmen wird Wolf am Ende wohl erneut auf den Chefposten im Aufsichtsrat gehoben. Angesichts der massiven Vorwürfe gegen Wolf muss der Familienunternehmer Schaeffler nun allerdings aufpassen, dass sein Handeln für ihn nicht zum Bumerang wird. 

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