Hilfen für die Autoindustrie Europas Regierungen müssen sich entscheiden

Bei VW bricht der Gewinn ein, Ford muss ein Werk schließen, bei PSA droht die Pleite und Opelaner fürchten den Arbeitsplatz-Kahlschlag. Schon werden die ersten Rufe nach staatlichen Rettungsaktionen laut. Die Politik steht vor der Wahl: Wird die Autoindustrie nach den Banken die zweite Branche, in der Gewinne kassiert, Verluste aber konsequent sozialisiert werden können?

Auch Volkswagen musste zuletzt in Westeuropa Absatzrückgänge hinnehmen. Die Regierung in Paris greift dem französischen PSA Konzern bereits finanziell unter die Arme. Quelle: dapd

 

Bei Europas größtem Autokonzern Volkswagen ist der Gewinn in den ersten Monaten 1,6 Prozent geschrumpft. Die Nachfrage ging zurück, die Rabatte in Europa wurden höher, teilte der Konzern am Mittwoch mit. Die Abschläge sind in Deutschland im September auf 12,2 Prozent vom Listenpreis gestiegen, das höchste Niveau seit mindestens zwei Jahren. Damit ist die Krise im europäischen Markt auch beim robusten Champion Volkswagen angekommen. Dennoch hält Volkswagen an seinen Zielen für 2012 fest, beim operativen Ergebnis das Niveau des Vorjahres zu erreichen.

Davon können die meisten Wettbewerber nur träumen. Europaweit und über fast alle Autohersteller hinweg sind die Zulassungszahlen im Sinkflug. Die Verkäufe von Neufahrzeugen sind so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dass Autohersteller wie Peugeot-Citroen (PSA), Renault, Fiat, Opel und Ford, die vorwiegend in Europa ihr Geschäft machen, nun in Schieflage geraten, liegt aber nicht an der Euro-Krise – so wie 2009 nicht die Finanzkrise schuld war. Damals wie heute könnten die Autobauer  Schwankungen in der Nachfrage wegstecken, wenn es nicht ein halbes Dutzend Autofabriken in Europa zu viel gäbe.

Ab 80 Prozent Auslastung gilt ein Autowerk als profitabel. Im europäischen Durchschnitt werden 2012 und in den Folgejahren jedoch nur 75 Prozent erreicht, wie aus einer Untersuchung des Brancheninformationsdienstes IHS Global Insight hervorgeht. Fiat schafft in diesem und im nächsten Jahr nicht einmal 60 Prozent, PSA und Renault liegen bei rund 75 Prozent. Mindestens fünf Autofabriken müssten deshalb in Europa geschlossen werden, darin sind sich fast alle Autobauer und Experten einig.

Ford macht drei Werke in Europa dicht
FordAls erster Autobauer zog Ford angesichts der Absatzkrise in Westeuropa die Notbremse und macht drei Werke mit Tausenden Beschäftigten dicht: Das Werk im belgischen Genk mit 4300 Mitarbeitern sowie die zwei Standorte Southampton und Dagenham in Großbritannien mit 1400 Beschäftigten. Abgesehen von Russland werde die Produktionskapazität in Europa um 355.000 Fahrzeuge verringert, eine Kürzung um fast ein Fünftel. Der wegen der weggebrochenen Verkaufszahlen für dieses Jahr erwartete Verlust werde über 1,5 Milliarden Dollar liegen, räumte Ford ein. Bisher war der Autobauer von lediglich über einer Milliarde ausgegangen. In Saarlouis hat Ford seine Produktion bereits gedrosselt: Sie soll von täglich 1.670 Fahrzeugen ab November 2012 auf 1.530 pro Tag sinken. Außerdem entlässt das Unternehmen Leiharbeiter. Schon im Sommer hatte Ford mehrere tausend Mitarbeiter seines Kölner Werks (Foto) in Kurzarbeit geschickt. Quelle: dpa/dpaweb
AudiStille Nacht in Neckarsulm: Über Weihnachten soll im dortigen Audi-Werk die Produktion der Modelle A7 (Foto) und A8 ruhen. Schon Anfang August stoppte der Konzern seine Fertigung in der Fabrik für eine Woche. Audi hatte bereits im Sommer 2012 angekündigt, sich schrittwiese in Neckarsulm von Leiharbeitern zu trennen. Quelle: obs
BMWBMW will sich vom europäischen Markt emanzipieren. Dabei setzt der Konzern auf vielversprechendere Märkte wie Asien, Süd- und Nordamerika. Laut der Nachrichtenagentur Reuters ist ein neues Werk in Brasilien geplant. Außerdem leitet BMW jene Modelle, die in Europas Autohäusern verstauben, nach Asien und in die USA um. Dieses wiederfuhr laut Vertriebsvorstand Ian Robertson in den vergangenen Monaten bereits mehreren zehntausend Autos, die in Europa nicht verkauft werden konnten. Quelle: REUTERS
PSA Peugeot CitroënEin eingesperrter Personalchef – das zeigt, wie kritisch die Lage von Europas zweitgrößtem Autobauer PSA Peugeot Citroën ist. Nachdem der Manager des Werks in Aulnay-sous-Bois die Löhne gekürzt hatte, sperrten ihn die Mitarbeiter am 17. Oktober ein. Eine Woche zuvor demonstrierten Werksmitarbeiter vor dem Pariser Autosalon (Foto). Das Unternehmen will die Fabrik 2014 still legen. Insgesamt sollen bei PSA Peugeot Citroën 8.000 Stellen fallen. Der französische Staat und mehrere Banken verhandeln mit der konzerneigenen Banque PSA Finance über eine Finanzspritze. Im ersten Halbjahr 2012 machte das Unternehmen 800 Millionen Euro Verlust. Quelle: Reuters
OpelDer sogenannte Deutschland-Plan soll Opel wieder auf die Beine helfen. Doch die Verhandlungen dazu sind ins Stocken geraten. Bis Ende 2012 will das Unternehmen seine Mitarbeiter in den Werken in Rüsselsheim (Foto) und Kaiserslautern an 20 Tagen in Kurzarbeit schicken. Quelle: dpa
VolkswagenDie Produktion des VW Passat in Emden (Foto) soll einige Tage ruhen. Bei Volkswagen leidet vor allem die Mittelklasse unter der Kaufzurückhaltung der Kunden. Quelle: dapd
PorschePorsche will seine Produktion im Jahr 2013 zurückfahren: Sie soll um fünf bis zehn Prozent sinken. Kurzarbeit ist jedoch nicht vorgesehen. Quelle: dapd

Bedinungen für staatliche Hilfe

Dass das nicht passiert, liegt an den Regierungen der Länder, die auf Werkschließungen ihrer automobilen Vorzeigeunternehmen allergisch reagieren. Jüngstes Beispiel: Um Peugeot kurzfristig zu stützen, stellt der französische Staat der angeschlagenen Autobank Banque PSA Finance bis zu sieben Milliarden Euro an Garantien zur Verfügung. Doch die Hilfe ist an Bedingungen geknüpft. Der französische Industrieminister Arnauld Montebourg verlangt eine Bestandsgarantie für die Werke in Frankreich und forderte Peugeot in einen Zeitungsinterview auf, Abstand von einer geplanten Werksschließung und von 8.000 Stellenstreichungen zu nehmen.

Staatliche Milliardenspritzen, die den Kollaps abwenden und doch das Problem nicht lösen, die in Unternehmen mit privatisierten Gewinnen die Verluste sozialisieren: Was in der Bankenlandschaft heute Usus ist, greift auch in der Autoindustrie um sich. Die Autoindustrie sei aufgrund ihrer gesamtwirtschaftlichen Bedeutung ähnlich „systemrelevant“ wie die Banken, begründen Auto-Lobbyisten und Politiker die industriepolitischen Sünden – und bringen für 2013 schon die nächsten Stützungsaktionen für die Autoindustrie ins Gespräch.

Wie gefährlich solche Aktionen sind, bewies eindrucksvoll die Abwrackprämie im Jahr 2009. 2.500 Euro „Umweltprämie“ gab‘s vom Staat, wenn man ein altes Auto verschrottete und sich ein neues zulegte. Die Resonanz war riesig und der erste Fördertopf von 1.500 Millionen Euro schnell aufgebraucht. Weil im Herbst 2009 die Bundestagswahl anstand, wollten sich weder SPD noch CDU Knausrigkeit vorwerfen lassen. Flugs vergrößerten die Koalitionäre den Fördertopf auf 5.000 Millionen Euro. So schenkten am Ende 38 Millionen Steuerzahler zwei Millionen Autobesitzern jeweils 2.500 Euro.

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