Huber übernimmt Aufsichtsrat Piëch verliert Machtkampf bei VW

Mit sofortiger Wirkung treten VW-Patriarch Ferdinand Piëch und seine Ehefrau von ihren Ämtern im Aufsichtsrat zurück. Ein wechselseitiges Vertrauen habe es nicht mehr gegeben.

Seine Karriere in Bildern
Der VW-Konzern eilt von einem Rekord zum nächsten. Mitverantwortlich für diesen fast märchenhaften Aufstieg: Der Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch. 2013 hat ihm der Automobilclub ADAC den "Gelben Engel" verliehen. "Mit der Ehrung würdigt das ADAC Präsidium die langjährige Innovations- und Visionskraft des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, der heute als Aufsichtsratschef den zwölf Marken umfassenden Konzern zum erfolgreichsten Automobilhersteller der Welt entwickeln möchte", wie der Automobilclub mitteilte. Quelle: dapd
Zu seinem 75. Geburtstag erntet der mächtigste Mann der Automobilindustrie die Früchte seiner Karriere. Piëch ist der Kopf der Porsche-Eigentümer und Königsmacher von VW, MAN und Scania. Seine Karriere in Bildern. Quelle: dapd
Dabei hat es für Piëch gar nicht so einfach angefangen. Als sein Vater Anton starb, war er erst 15 Jahre alt. Da seine Mutter sich verstärkt um die Geschäfte kümmern musste, wurde auch die Legasthenie des nur mäßigen Schülers nicht erkannt. Stattdessen wurde er auf ein Schweizer Internat geschickt, als seine Noten immer schlechter wurden. Eine Zeit, die Piëch selber in seinem Buch als "finster" bezeichnete. Quelle: dapd
Aufgrund der Tatsache, dass seine Lese- und Schreibschwäche nicht erkannt wurde, traute man ihm die Nachfolge im Konzern nicht von Anfang an zu. Während seines Studiums an der ETH in Zürich änderte sich das. Piëch begeisterte sich zunehmend für Technik. Mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren schloss er sein Studium 1962 ab. Quelle: ap
Zur Ruhe kommt Piëch trotz seiner anhaltenden Erfolge nicht: „Ich kann nicht etwas Gewonnenes feiern. Das liegt mir nicht. Dann ist schon wieder das Nächste dran“, hat er einmal gesagt. Quelle: dpa
Und dabei konnte Piëch machen, was er wollte. Wann immer es kritisch wurde, erwies er sich als "Teflon"-Manager - denn an ihm perlt alles ab: Sei es die „Lopez-Affäre“ um gestohlene Disketten des US-Konkurrenten General Motors, ... Quelle: ap
... oder der Skandal um die Lustreisen des Betriebsrats auf Firmenkosten – dem kontrollfixierten Mann an der Spitze ließ sich nie etwas nachweisen. Damals ging es um Vergnügungsreisen, Bordellbesuche und Sexpartys. Unter anderem Betriebsratschef Klaus Volkert räumte nach dem Bekanntwerden der Affäre seinen Posten. Quelle: ASSOCIATED PRESS

Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat seine Konsequenzen aus dem Debakel um den VW-Chef Martin Winterkorn gezogen. Der 78-jährige VW-Patriarch hatte erfolglos versucht, Winterkorn noch vor der Hauptversammlung am 5. Mai absetzen zu lassen. Piëch wollte statt dessen Porsche-Chef Matthias Müller oder Skoda-Chef Winfried Vahland an der Spitze des Volkswagen-Konzerns sehen. Nachdem dies scheiterte, legte Piëch am Samstag mit sofortiger Wirkung den Vorsitz und die Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Volkswagen AG nieder. Auch alle anderen Aufsichtsratsmandate im Volkswagen Konzern gab er auf. Seine Ehefrau Ursula habe den Schritt ebenfalls vollzogen, teilte Volkswagen in einer Pflichtmitteilung mit. Sein Einfluss auf VW schwindet dadurch jedoch nicht völlig: Durch seine Stellung in der Porsche SE zusammen mit dem Rest der Familien Piëch und Porsche hält Ferdinand Piëch weiter 50,73 Prozent an Volkswagen.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte am Samstag in Hannover, die Entwicklung der vergangenen Wochen habe zu einem Vertrauensverlust geführt, der sich als nicht mehr lösbar erwiesen habe. "Herr Piëch hat daraus die Konsequenzen gezogen und alle seine Ämter in VW-Aufsichtsräten niedergelegt." Der SPD-Politiker dankte dem 78-jährigen Firmenpatriarchen. Piëch habe sich große Verdienste um Volkswagen und die gesamte Automobilindustrie erworben. Auch Wolfgang Porsche, Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche Automobil Holding SE, dankte Piëch: "Wir haben volles Vertrauen in die Unternehmensführung der Volkswagen AG und bedauern die Entwicklung der letzten Tage", sagte er. "Wir danken Ferdinand Piëch für die Jahrzehnte seines außergewöhnlichen und höchst erfolgreichen Einsatzes für den Volkswagen Konzern. Wir werden weiterhin mit großer Loyalität unsere Verantwortung als Großaktionär für den Volkswagen Konzern und seine 600.000 Mitarbeiter wahrnehmen."

Konsequenz aus den Querelen um Winterkorn

Ausgelöst hatte den Streit an der Spitze des VW-Konzerns Piëch Äußerung gegenüber dem „Spiegel“, er sei „auf Distanz“ zu Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn. Damit rückte der Chefkontrolleur von seinem langjährigen beruflichen Ziehsohn ab - und löste einen Machtkampf aus, der größtenteils in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Auch Experten wurden von dem offenen Ausbruch des Machtkampfs überrascht. „Dieser Showdown kam absolut unerwartet“, sagte ISI-Analyst Arndt Ellinghorst der Nachrichtenagentur „Bloomberg“. „Sie müssen das so schnell wie möglich lösen.“ Was der Konzern nun offenbar getan hat.

Die Opfer des Ferdinand Piëch
Porsche-Miteigner und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Quelle: dapd
Audi Quelle: dpa
Franz-Josef Kortüm Quelle: obs
Herbert Demel Quelle: dpa
Franz-Josef Paefgen Quelle: AP
José Ignacio López Quelle: REUTERS
Bernd Pischetsrieder Quelle: dpa

Auch einige Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gingen zuletzt auf Distanz zu Piëch. Ein Insider aus dem Gremium verwies auf den Beschluss des Aufsichtsratspräsidiums, das sich vor einer Woche hinter Winterkorn gestellt und Piëch damit eine herbe Niederlage zugefügt hatte. "Er (Piëch) muss sich sehr wohl überlegen, was das auch für ihn und seine eigene Position bedeutet", sagte die Person zu Reuters. "Natürlich hat er (Piëch) auch immer die Möglichkeit, eigene Konsequenzen zu ziehen", fügte der Insider hinzu.

Bei dem Krisentreffen am Sitz der Familien Porsche und Piëch vergangene Woche in Österreich war es beinahe zu einer Revolte gegen Piëch gekommen, der an seiner Kritik an Winterkorn festhielt. Bereits damals hatte ein Rückzug Piëch im Raum gestanden. Am Sonntag stellten sich dann mehrere Mitglieder des Präsidiums jedoch hinter Piëch, um eine Demontage des Firmenpatriarchen zu verhindern. "Es gibt keinen Grund, den Rücktritt von Dr. Piëch zu betreiben", betonte der frühere IG-Metall-Boss Berthold Huber, der im Machtzentrum des Wolfsburger Konzerns sitzt.

Piëch und seine Figuren

Piëch habe in der Vergangenheit und der Gegenwart Großes für das Unternehmen geleistet. Die Arbeitnehmer hätten die feste Absicht, den erfolgreichen Weg von Volkswagen mit Piëch und dem durch das Präsidiumsvotum gestärkten Konzernchef Martin Winterkorn fortzusetzen, sagte Huber. Auch VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh setzte sich für das Gespann aus Piëch und Winterkorn an der VW-Spitze ein. Für eine Abwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden hätten 14 der insgesamt 20 Mitglieder des Kontrollrats stimmen müssen.

Berthold Huber übernimmt Aufsichtsratsposten

Zum Rücktritt des VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch erklärte das Präsidium, die Mitglieder hätten "einvernehmlich festgestellt, dass vor dem Hintergrund der vergangenen Wochen das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige wechselseitige Vertrauen nicht mehr gegeben ist".

Kommissarisch übernimmt nun Berthold Huber die Ämter. Er wird auch die Aufsichtsratssitzung am 4. und 5. Mai leiten. Die Zukunft danach ist ungewiss: Es wird wohl kaum jemand in der Lage sein, die Machtposition so auszufüllen, wie es Ferdinand Piëch bislang getan hat.

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Den meisten Mitgliedern des Aufsichtsrates fehlt schlicht das Format – oder die machtvolle Stellung innerhalb des Gremiums. Ein Betriebsratschef mit Osterloh kann kaum Chef des Aufsichtsrats werden, ebenso wenig wie der Politiker Stephan Weil. Eigentlich kommen derzeit nur drei Kandidaten für Piëch Job in Frage: Wolfgang Porsche, Ferdinand Oliver Porsche oder Hans Michael Piëch.

Wolfgang Porsche ist allerdings zu alt und durch seine Steueraffären angeschlagen. Piëchs Bruder Michel war schon länger auf Distanz zu Ferdinand Piëch, trotzdem könnte es sein, dass er nun in Betracht gezogen wird. Ferdinand Oliver Porsche ist momentan der wahrscheinlichste Nachfolger. Hinzu kommt, dass VW-Chef Winterkorn inzwischen einen guten Draht zu den Porsches hat - sein Haus in München kaufte er von Wolfgang Porsche.

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