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Infotainment im Auto Gefahr aus der Mittelkonsole

Facebook bei voller Fahrt, telefonieren am Tempolimit: Auf der IAA werben die Hersteller wieder mit mehr Infotainment und Multimedia im Auto. Doch dadurch steigt Ablenkungsgefahr und Unfallrisiko. Neue Testergebnisse.

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Wie groß die Gefahr beim Telefonieren, Navigieren und Surfen im Internet tatsächlich ist, hat der Auto Club Europa (ACE) bei seinem dritten Test aktueller Bediensysteme erforscht. Diesmal am Start: die Topsysteme von Audi, BMW und Mercedes. Quelle: Konstantin Tschovikov

Drehen, drücken, tatschen und wischen statt lenken? Multimedia-Angebote im Auto sollen den Fahrer ja eigentlich keinesfalls unnötig ablenken und sich deshalb möglichst intuitiv, sprich kinderleicht und nebenher bedienen lassen. Doch mit ihren Touchscreens, Tastaturen und Dreh-Drück-Stellern haben sich IT- und Elektronik-Elemente mittlerweile nicht nur immer mehr Raum im Bereich von Mittelkonsole und Lenkrad erobert. Navigation, Telefonie oder Internet – der Gebrauch solcher im Pkw integrierter Kommunikationssysteme stellt die Menschen hinterm Steuer auch vor immer neue Herausforderungen, und überfordert sie teilweise erheblich.

Denn nicht alles, was im automobilen Computer technisch möglich und von Kunden gewünscht ist, scheint unter dem Aspekt der Verkehrssicherheit auch sinnvoll. Diesen Schluss zieht der Auto Club Europa (ACE) nach Auswertung einer gemeinsam mit der Universität Salzburg durchgeführten Praxisstudie. Dabei traten serienmäßige Neuwagen von BMW, Audi und Mercedes-Benz an, kompakte Premiumfahrzeuge namens 1er, A3 und und A-Klasse,

Dabei wurden die von drei führenden deutschen Autoherstellern angebotenen Kommunikationssysteme und deren Bedienarten getestet und miteinander verglichen. Zu diesem Zweck wurde mit Hilfe von aufwändiger Messtechnik während der Fahrt die Blickrichtung, das Lenkverhalten und die Herzfrequenz von insgesamt 36 Probanden aufgezeichnet und anschließend ausgewertet.

Sprachsteuerung ist besser

Ein gewisses – wenn auch vergleichsweise geringes – Unfallrisiko wegen Ablenkung geht nach Einschätzung der Experten und des ACE selbst von technisch optimierten Sprachsteuerungs-Systemen aus. Eindeutig gefährlich dagegen ist es, manuell ein Ziel im Navi-System einzugeben. Bis zu vier von der Fahrbahn abgelenkte Blicke von mehr als zwei Sekunden Dauer haben die Wissenschaftler bei dieser Bedienmethode ermittelt und als kritisch bewertet.

Erstaunlicherweise schlägt jedoch der Puls bei jenen Autofahrerinnen und Autofahrern schneller, die ihre Eingaben per Sprachsteuerung vorgenommen haben. Nach wissenschaftlicher Expertise bleibt laut ACE hier aber die Frage noch offen, ob der beschleunigte Herzschlag tatsächlich auf eine höhere mentale Belastung zurückzuführen ist, oder das Herzklopfen durch verändertes Atemverhalten beim Sprechen verursacht wird. Klar ist: Beim Sprechen mit dem Auto gibt es eine psychologische Hemmschwelle, die sich auch in einem geänderten Sprachverhalten ausdrückt.

Kein durchdachtes Nutzungskonzept

Gemessen am Ablenkungspotential und dem Bedienungsaufwand hat das System von BMW (1er) am besten abgeschnitten, dicht gefolgt von Audi (A3); mit Abstand auf dem dritten Platz landete bei dieser Bewertung Mercedes (A-Klasse).

Das Touch-Pad im Audi ist eine recht neue Eingabemethode. Auf einer berührungsempfindlichen Fläche werden mit der Fingerkuppe Buchstaben gemalt. Die Erkennungsrate ist dadurch höher, die Anforderung an das System geringer als bei der Spracheingabe. Quelle: Konstantin Tschovikov

Die Tester hielten allerdings allen drei Herstellern vor, „über kein wirklich durchdachtes Konzept zur Nutzung von Internet im Fahrzeug“ zu verfügen, entsprechende Funktionalitäten seien „nur rudimentär vorhanden“. Kritisiert wurde auch die mangelnde Qualität bestimmter kommunikativer Interaktionen zwischen Fahrer und Fahrzeug. „Die Sprachausgabe – sie wirkt unnatürlich, abgehackt – ist bei allen Systemen verbesserungswürdig“.

Die Tester bemängelten ferner die Anforderungen an die manuelle Bedienbarkeit der Systeme. In dem von der Uni Salzburg für den ACE gefertigten Abschlussbericht heißt es dazu: „Generell oft uneinheitlich ist die Scrollfunktion – einmal im, dann wieder gegen den Uhrzeigersinn und selbst innerhalb eines Systems inkonsistent – scrollen im, hineinzoomen gegen den Uhrzeigersinn“.

Am Dreh-Drück-Steller lassen sich, ähnlich einer fest montierten Computermaus, sämtliche Menüs aufrufen, Einstellungen vornehmen und Texte eingeben. Spätestens bei Texten wird es kritisch, denn die Bewegung der Hand muss sehr oft mit dem Bildschirm abgeglichen werden. Quelle: Konstantin Tschovikov

Der ACE fordert von den Fahrzeugherstellern weitere Anstrengungen auf dem Gebiet von Forschung und Entwicklung, um „berechtigte Zweifel zu zerstreuen“, wonach sich das Unfallrisiko durch Ablenkung erhöht, wenn moderne Kommunikationssysteme im Auto benutzt werden. Auch das Kraftfahrtbundesamt (KBA) muss laut ACE im Rahmen des Kfz-Zulassungsrechts klären, wie viel und welche Technik im Auto der Verkehrssicherheit noch zuträglich ist oder nicht. Die Anforderungen an die Autofahrer werden sich mit dem Einzug von Internet & Co dramatisch erhöhen, prognostiziert der ACE.

So hat der ACE getestet

„Wer aber in seinem Auto die Armaturen und Displays wie im Cockpit eines Jets bedienen will, der muss gegen sich auch die für einen Piloten üblichen Sicherheitsanforderungen gelten lassen“, mahnen die Experten des Clubs. Der ACE geht davon aus, dass 90 Prozent der Straßenverkehrsunfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind. Etwa 20 Prozent der tödlichen Unfälle würden durch eine Ablenkung des Fahrers verursacht. „Wie dem wirksam zu begegnen ist, sollte jetzt auch zu den vordringlichen Aufgaben der Verkehrsunfallforschung gehören“, sagte ein ACE-Sprecher.

Die Spracheingabe ist die scheinbar ideale Lösung. Grundsätzlich können heute ganze Adressen samt Straße und Hausnummer ohne Unterbrechung aufgesagt werden. Auch SMS, E-Mails oder Sprachmemos lassen sich inzwischen diktieren. Quelle: Konstantin Tschovikov

Beispielsweise müsse geklärt werden, inwieweit moderne Fahrerassistenzsysteme menschliche Schwächen ausgleichen könnten. Außerdem müsse mehr Augenmerk auf den absehbaren rasanten Einzug neuer Kommunikationstechniken samt Infotainment im Auto gerichtet werden.

Wer hinterm Steuer derartige Dienstleistungen in Anspruch nimmt, kann sich unter den derzeit herrschenden Bedingungen nicht mehr hinreichend auf das Straßenverkehrsgeschehen konzentrieren, vermutet der ACE.

Und zieht als Fazit: Das Internet im Auto lässt sich nicht pauschal verteufeln und erst recht nicht aufhalten. Es kommt jedoch sehr auf die Inhalte und die nötigen Bedien- und Eingabeschritte an. Besonders die extrem ablenkende, manuelle Zieleingabe am Navigationssystem ist absolut grenzwertig. Je komplexer die Aufgabe ist, umso mehr Sicherheit bietet die Sprachsteuerung. Sie ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber keinesfalls die Lösung für die gefährliche Problematik der Ablenkung am Steuer.

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