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Innovationsmanagement-Experte Harhoff Preisdruck macht technologische Durchbrüche schwieriger

Dietmar Harhoff, Professor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, erklärt, welche Folgen der Preisdruck auf die Zulieferer für die Innovationsfähigkeit der Autobranche haben kann und was ein gutes Innovationsmanagement ausmacht.

Dietmar Harhoff:

WirtschaftsWoche: Die Zuliefererbranche steckt in einer Konsolidierungsphase. Für viele Komponenten gibt es nur noch eine Handvoll Zulieferer. Welche Auswirkungen hat das auf die Innovationsfähigkeit der Automobilindustrie?
Dietmar Harhoff: Solche Wellen hat es in der Automobilindustrie immer wieder gegeben. Positiv ist sicher die höhere Effizienz, die sich jetzt einstellt. Aber die Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit sind nicht durchgängig positiv. Der Preisdruck nimmt zum Teil auch Ressourcen aus dem System, die vorher für Innovation eingesetzt worden sind. Inkrementelle, also schrittweise erfolgende beziehungsweise aufeinander aufbauende Innovationen, sind immer noch gut durchführbar, aber Durchbrüche zu erreichen fällt schwerer, wenn der Preisdruck zunimmt. 

Zur Person

Kann ein Unternehmen mit abnehmenden finanziellen Ressourcen überhaupt innovativ bleiben?
Im Bereich der Innovation passiert etwas Paradoxes. Wir messen die Innovativität, also die Fähigkeit von Unternehmen, Innovationen hervorzubringen, manchmal daran, wie viel Geld sie für Forschung und Entwicklung ausgeben. Anstatt eine Output-Größe zu verwenden, greifen wir auf Input-Zahlen zurück. Das liegt daran, dass der Innovations-Output oft nur sehr schwer messbar ist. Natürlich müssen auch Forschungs- und Entwicklungsabteilungen kostenbewusst arbeiten – mehr Geld in diese Prozesse zu lenken ist keine Garantie für eine gute Innovationsleistung. Ob Kosten für Forschung zu hoch oder niedrig sind, ist eine schwierige Bewertungsfrage. Aber es gilt der klassische Satz: „there is no free lunch“! Ohne entsprechenden Mitteleinsatz wird ein Unternehmen auf Dauer nicht innovativ bleiben können.

Was muss ein Hersteller tun, der sich langfristig die bestmögliche Innovationsfähigkeit sichern will?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Strategien gibt es nicht von der Stange, sie reflektieren immer die besonderen Stärken und die Schwächen des jeweiligen Unternehmens. Aber es gibt natürlich feste Bestandteile einer solchen Strategie. Dazu gehören Forschungskooperationen mit den besten Einrichtungen weltweit auf dem jeweiligen Gebiet. Ein Beispiel: Alle großen Automobilproduzenten haben im Silicon Valley Entwicklungslabore, die die Entwicklung im Bereich der Digitalisierung und Vernetzung beobachten und an diesen Themen arbeiten.

Und fast alle ausländischen Produzenten haben auch in Deutschland entsprechende Einrichtungen, denn wir sind im Bereich der Automobilforschung nach wie vor führend, wenngleich nicht in allen Bereichen. Ein anderes wiederkehrendes Element sind Wagniskapitalaktivitäten – ohne Corporate Venturing kommt kein Hersteller mehr aus. Die Venturing-Einheiten sind einerseits Technologiekundschafter, andererseits sichern sie frühzeitig die Nutzung wichtiger Konzepte, die von Startups entwickelt wurden.

Wie organisieren die Hersteller die Innovationskooperation mit den Zulieferern?
In der Regel werden so genannte Entwicklungsverträge ausgeschrieben. Die ausgewählten Zulieferer arbeiten mit den Herstellern bei der Entwicklung, zum Beispiel eines neuen Bremssystems, einer Radaufhängung oder einer elektronischen Komponente zusammen. Die Verträge für die Serienfertigung werden dann oft getrennt davon vergeben. Dieses Vorgehen löst ein wichtiges Problem: die Entwicklungskosten des Zulieferers müssen dann nicht mit einer Marge auf die spätere Komponentenproduktion finanziert werden. Der beste Produzent ist ja vielleicht auch gar nicht der beste Innovator unter den Zulieferern. Oder ein besonders innovativer Zulieferer hat nicht die Produktionskapazitäten, um die Fertigungslinie des Automobilherstellers in den USA zu beschicken.

Die größten deutschen Autozulieferer

Was müssen Hersteller und Zulieferer tun, damit das Gesamtsystem „Automobilindustrie“ funktioniert – sprich innovativ und technologisch führend bleibt?
In diesem System gibt es gleichzeitig viel an Kooperation und starken Wettbewerb. Das ist ein sehr komplexes Gefüge. Daher ist es besonders wichtig, dass die Akteure sehr flexibel und schnell agieren. Die Komplexität hat sich nochmals erhöht, weil Innovationsprozesse in den letzten zehn Jahren offener geworden sind – der Grad der Arbeitsteilung nimmt zu, viele Entwicklungsarbeiten werden inzwischen vom Hersteller nur noch koordiniert, aber nicht selbst durchgeführt. „Offene Innovation“ setzt aber voraus, dass alle Unternehmen eine hohe Fähigkeit für das Management ihrer Beziehungen entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch.

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