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Jörg Hofmann „Tesla ist hier ziemlich ungeordnet gestartet“

Jörg Hofmann, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall. Quelle: IG Metall

Tesla will in Deutschland bis zu 40.000 Menschen einstellen, die IG Metall aber draußen halten. Nun spricht der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann.

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WirtschaftsWoche: Herr Hofmann, mit Tesla kommt ein neuer Autobauer nach Deutschland, der bis zu 40.000 Menschen einstellen will. Die Menschen arbeiten dort teilweise sogar für weniger Geld als bei ihren alten Arbeitgebern Daimler, BMW und Co. Wie sehr regt Sie das auf?
Jörg Hofmann: Wir haben den Anspruch, dass wir Arbeitsbedingungen und Entgelte einigermaßen gleich gestalten. Ich hoffe, dass wir bei Tesla in Grünheide bezüglich Entgelt, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung zu den Standards kommen, die in anderen Unternehmen auch üblich sind. Konkurrenz sollte schließlich vor allem über das Produkt und die Qualität stattfinden. Dass die Gehälter kleiner werden, ist übrigens nicht ausgemacht. Tesla hat schon versucht, Probleme mit Geld zu lösen, das betraf vor allem die Akquise von Personal.

Sie meinen bei der Tesla-Tochter Grohmann Automation?
Ja, genau dort.

Tesla will die IG Metall am liebsten ganz draußen halten. Für Sie wäre das eine Katastrophe, das Beispiel könnte in Deutschland schließlich Schule machen.
Jetzt warten wir erstmal ab. Es freut uns, dass sich Tesla-Chef Elon Musk Deutschland als Standort ausgesucht hat. Ich nehme an, dass er Fachkräfte braucht – und die sind in der IG Metall organisiert. Die Mitbestimmung hat hier eine lange Tradition. Ich weiß, dass das nicht jedem Arbeitgeber gefällt, aber wir wissen, wie man damit umgeht.

Bislang sieht es so aus, als ob Sie bei Tesla mit harten Bandagen arbeiten müssten. Sie haben angeblich einen Brief an das Unternehmen geschrieben – aber nie eine Antwort bekommen.
Ich nehme an, das liegt daran, dass Tesla hier ziemlich ungeordnet gestartet ist. Da haben die Verantwortlichen oft im Monatsrhythmus gewechselt. Herr Musk ist ein hoch innovativer Unternehmer. Wer aber meint, dass die Partizipation der Beschäftigten dafür unnötig sei, ist definitiv von gestern. Die Beschäftigten wollen an Entscheidungen teilhaben, sie wollen mitmachen. Dafür suchen sie sich ein geeignetes Sprachrohr – und das ist in Deutschland die IG Metall.

Was tun Sie konkret, um bei Tesla einen Fuß in die Tür zu bekommen?
Wir haben ein Erschließungsprojekt gestartet. Wir sind vor Ort aktiv und wenn dann die Arbeit aufgenommen wird, werden wir versuchen zusammen mit der Belegschaft, Strukturen zu beeinflussen und aufzubauen.

Mit welchem Aufwand?
Wir haben wie anderswo auch eine Geschäftsstelle vor Ort, die wir je nach Bedarf personell und finanziell unterstützen werden.

Tesla hat die über Jahrzehnte führenden deutschen Hersteller beim Thema Innovation abgehängt. Wie groß sind Ihre Sorgen um die Branche?
Das Thema Software ist eine große Herausforderung, da sind uns die Amerikaner voraus – nicht uneinholbar, aber deutlich. Ein Unternehmen wie Tesla hat hier über Jahre mehr Erfahrungen gemacht und mehr Daten gesammelt als die deutschen Hersteller. Deshalb haben diese bei wichtigen Themen Nachholbedarf, etwa beim automatisierten Fahren oder der Softwareintelligenz im Fahrzeug. Was Themen wie Fahrkomfort, Fahrzeugkonzepte und Prozesseffizienz in der Produktion angeht, sind deutsche Hersteller aber weltweit weiterhin ganz vorne dabei.

Das Thema Software ist auch für Gewerkschaften eine große Herausforderung, weil sich die Arbeitsweisen hier stark von der traditionellen, industriellen Produktion unterscheiden. Für die neue VW-Einheit Car.Software Org haben Sie im Vorstand jüngst einen eigenen Tarifvertrag abgesegnet. Wie wichtig ist dieser?
Er ist wichtig, weil er sicherstellt, dass die Car.Software Org ihre Arbeit mit einer tariflichen Regelung aufnimmt. Damit haben wir die Grundlage dafür gelegt, dass die Idee der Car.Software Org überhaupt Realität geworden ist. Nun werden wir sehen, wie es funktioniert. Wir haben im Vertrag vereinbart, dass wir in 18 Monaten nochmal bewerten, ob die Arbeitsformen, die in einer Softwarebude üblich sind, zum Vertrag passen, ob Arbeitszeiten und -orte zu den Prozessen passen. Wir wollen das zusammen mit der Belegschaft, die sich ja jetzt erst allmählich einfindet, weiterentwickeln. Der jetzt vorliegende Vertrag ist eine Grundlage, auf der wir aufbauen wollen.

Ist er ein Modell für andere Unternehmen?
Er ist hochinteressant. Wir lernen da, zugegebenermaßen, selber noch etwas dazu. Denn gerade in Softwareunternehmen entwickelt sich die Arbeitswelt so schnell fort, dass man da nicht aus dem Lehrbuch diktieren kann. Da muss man experimentieren und zu neuen Konzepten kommen.

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