Karosserieformen Die Autoindustrie wird zur Modebranche

Um den Markt zu stimulieren, kreieren die Fahrzeughersteller immer neue Karosserieformen und Modelle. Doch die wachsende Vielfalt schafft neue Probleme.

Mercedes Hoffnungsträger: Das neue Sportcoupé AMG GT. Quelle: REUTERS

Rupert Stadler freut sich auf den neuen Audi Q7, der nicht nur 325 Kilo leichter wird als das Vorgängermodell, sondern mit präzisen Linien und einem prägnanteren Kühlergrill auch die nächste Entwicklungsstufe im Audi-Design ankündigt. Auch Martin Winterkorn war die Vorfreude ins Gesicht geschrieben, als er dieser Tage bei einem so genannten „Sneak Preview“ im Designstudio von Volkswagen in Wolfsburg gleich von vier SUVs die Tücher ziehen ließ.

Zu bestaunen gab es unter anderem den neuen Tiguan und einen noch nicht getauften Geländewagen im XXL-Format für den nordamerikanischen und chinesischen Markt. Eine ganz Reihe von Neuigkeiten kündigen sich auch bei den anderen deutschen Autoherstellern an: Hoffnungsträger bei Mercedes sind unter anderem das neue Sportcoupé AMG GT, das neue Kombicoupé CLA Shooting Brake sowie der neue GLE – die zivile Ausführung des Hardcore-Offroaders, der bei der Bundeswehr als Wolf durch unwegsames Gelände schnürt.

Die Zukunft des Audi-Designs
„Audi ist zu verwechselbar geworden.“ Dieser Satz stammt von Marc Lichte, dem neuen Designchef der Ingolstädter. Auf der LA Auto Show (21.-30.11.2014) ist auf dem Audi-Stand zu sehen, wie sich Lichte die Zukunft des Audi-Designs vorstellt. Die wichtigsten Merkmale bleiben erhalten, etwa die klare, reduzierte Linienführung und der prägende Single-Frame-Kühlergrill an der Front. Dennoch soll es wieder mehr Unterschiede zwischen den einzelnen Baureihen geben, vor allem bei dem Audi-typischen Kühlergrill.  „Aber er geht deutlich in die Breite und wird für jede Baureihe stärker variiert“, verspricht Lichte. Quelle: Audi
Das Konzeptauto, das auf den Namen „Prologue“ hört, wurde Ende Oktober erstmals bei einem Treffen von Audi-Führungskräften intern vorgeführt. Dem Vernehmen nach zeigten sich die Manager überzeugt, schließlich kommt dem aus der Studie resultierenden Serienmodell A9 eine besondere Bedeutung zu: Er soll als neue Baureihe oberhalb der Luxuslimousine A8 eine Offensive in der besonders renditestarken Oberklasse anführen. In diesem Segment lag Audi mit den aktuellen Modellen A6, A7 und A8 hinter Mercedes und BMW. Die Münchner verkauften 2013 rund 451.000 Oberklasse-Fahrzeuge, die Stuttgarter 403.000. Audi lag mit 353.000 Exemplaren ein gutes Stück zurück. Quelle: Audi
Die Oberklasse-Offensive soll neben dem Absatz vor allem die Rendite steigern. Laut Zahlen des Duisburger CAR-Instituts erlöste Audi im Schnitt pro Fahrzeug 29.400 Euro, bei Mercedes sind es hingegen mehr als 43.000 Euro. Mit dem A9, der zumindest formal eine halbe Klasse über dem mindestens 76.700 Euro teuren A8 angesiedelt ist, soll dieser Wert wieder steigen. Damit die Attacke auf BMW und Mercedes erfolgreich wird, haben die Ingolstädter auch zahlreiche Führungskräfte ausgetauscht, die die Produkte entscheidend prägen. Designchef Wolfgang Egger, der den optischen Stillstand zu verantworten hatte, musste genauso gehen wie der etwas glücklose Entwicklungsvorstand Wolfgang Dürheimer. Ersetzt wurden sie durch hochrangige VW-Manager, die Entwicklung leitet jetzt Ulrich Hackenberg. Quelle: Audi
Auch Lichte hat eine VW-Vergangenheit, wo er unter anderem die Golf-Generationen 5, 6 und 7 verantwortete. Während Entwicklungschef Hackenberg die neuen Audi-Luxusgefährte mit innovativer Technik füllen soll, muss sein Vertrauter Lichte eine dynamisch-elegante Karosserie zeichnen. Da der Wechsel von Lichte zu Audi zum 1. Februar 2014 von langer Hand geplant war, konnte er sich entsprechend gründlich auf seine neue Aufgabe in Ingolstadt vorbereiten. Quelle: Audi
Nach dem Feierabend in Wolfsburg arbeitete Lichte an seinen Ideen für eine neue Luxuslimousine von Audi. Wenige Wochen später, an seinem dritten Arbeitstag bei Audi, wurde das Design für den kommenden A8 vom Vorstand verabschiedet. Fünf verschiedene Entwürfe standen zur Wahl, am Ende setzte sich der Feierabend-Vorschlag von Lichte gegen die Entwürfe aus den Design-Studios der Marke durch. Zahlreiche Merkmale des neuen A8 hat Lichte auch in den „Prologue“ übernommen – nur welche will er noch nicht verraten. Quelle: Audi
Wie viel vom aktuellen A8 und der „Prologue“-Studie im Serienmodell übrig bleibt, wird sich für die Öffentlichkeit erst in rund zwei Jahren zeigen. Lichte deutet aber an, dass der „Prologue“ bereits einen relativ genauen Ausblick gibt, schließlich hat er die Studie erst nach dem Design-Freeze des neuen A8 entworfen. „Normalerweise machen wir ja erst die Showcars und leiten davon die Serienautos ab. Dabei bleibt naturgemäß immer ein bisschen was auf der Strecke“, sagt der Audi-Chefdesigner. „Doch diesmal waren erst die neuen Modelle da und wir haben daraus die Studie kondensiert. Deshalb wird es später auch keine Enttäuschung geben.“ Quelle: Audi
Vertraut man auf die angebliche Seriennähe des Concept Cars, wird vor allem am Heck nicht viel vom Design des aktuellen Modells übrig bleiben. Die Silhouette ist deutlich flacher, die Seitenlinie sehniger gestaltet. Die an den Ur-Quattro erinnernden weit ausgestellten Radhäuser enden in einem überraschend gestalteten Heck. Der Abschluss des Wagens ist auf den Skizzen so stark in Fahrtrichtung geneigt, dass das Heck das ganze Auto förmlich anschiebt. Der A8 des Jahrgangs 2014 dürfte dagegen regelrecht altbacken wirken. Quelle: Audi

BMW wird in der kommenden Woche versuchen, mit der Präsentation des neuen Cabriolets der Zweier-Baureihe, mit dem neuen X1 und der Siebener-Limousine Vorfreude zu wecken auf die neuen Autos des Modelljahrs 2015.
Neue Autos, seien es komplett neue Modelle oder so genannte Facelifts für bereits bestehende Baureihen, sind ein probates Mittel, um einen Markt zu stimulieren. Und an Stimulanzien wird es im kommenden Jahr wahrlich nicht fehlen: Wie die Experten des Fachmagazins „Auto, Motor, Sport“ herausgefunden haben, werden im kommenden Jahr insgesamt 190 mehr oder minder neue Modelle in den Handel kommen, bei uns in Deutschland und in Europa, aber auch in Nordamerika und in Asien.

Viel hilft viel, lautet offenbar die Antwort der Verkaufsstrategen in der Autoindustrie auf die Absatzprognosen für das kommende Jahr.

Denn die Aussichten sind alles andere als rosig: Um maximal zwei Prozent wird summa summarum der Weltmarkt für Personenwagen im kommenden Jahr wachsen. In China etwas stärker, in Deutschland etwas schwächer, in den USA und Westeuropa um einen Prozentsatz und damit irgendwo dazwischen.

Die Zeit großer Wachstumssprünge scheint erst einmal vorbei. Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber auch regional unterschiedlich: In den meisten Ländern Westeuropas sind die Automärkte weitgehend gesättigt – wenn ein neues Auto gekauft wird, dann ersetztes es ein vorhandenes Altfahrzeug.

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