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Kritik am deutschen Nahverkehr „Die USA und China haben Visionen, wir haben Verbote“

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„In Großstädten braucht man kein Eigentum mehr an einem Verkehrsmittel“

Sind wir damit nicht wieder beim eigentlichen Problem: Der öffentliche Nahverkehr schwächt sich selbst, indem er die Konkurrenz der Sharingdienste zulässt?

Natürlich muss man die neue Mobilität vernünftig einregulieren. Ridesharing-Dienste boomen in China und den USA, weil es dort keinen guten Nahverkehr gibt. In Europa ist das anders. Der öffentliche Nahverkehr ist gut und eine Qualität an sich. Die darf man nicht kaputt machen. Aber Nichtstun ist keine Lösung. Digitale Plattformen können den Verkehr flüssiger und umweltfreundlicher zu machen. Voraussetzung dafür ist, dass man sie vernünftig in die bestehende ÖPNV-Struktur einführt. Noch hat keine Stadt ein Rezept. Aber wenn man es nicht ausprobiert, kann man keine Lösung finden. Das geht nur über ‚trial and error‘.

Noch nie war der Nahverkehr populärer. Und doch hängen viele Menschen an ihrem Auto. Warum ist das so?

Die Städte schaffen falsche Anreize. Parkplätze sind viel zu billig. Der Bürger zahlt nur ein paar Euro im Jahr dafür, sein Auto quasi rund um die Uhr auf öffentlichen Flächen abzustellen. Dabei kostet der Stadt ein Parkplatz allein für die Säuberung viele Tausend pro Jahr. Das Abstellen ist die verkehrte Welt. In Großstädten braucht man kein Eigentum mehr an einem Verkehrsmittel. Aber die mobilen Sharingdienste treffen in Deutschland auf eine Welt, die für sie nicht vorgesehen ist. 

Daimler und BMW fusionieren ihre beiden Carsharing-Dienste Car2Go und DriveNow. Volkswagen startet Moia. Sind deutsche Autohersteller nicht sogar führend im Bereich der neuen Mobilität?

Die Autohersteller tragen zwei Seelen in ihrer Brust. Zum einem wollen sie ihre alte Technik schützen. Sie halten daran fest wie die Stahlindustrie an ihrem Stahl. Diese Seele dominiert. Dann gibt es noch ein Seelchen. Das sind die neuen Konzepte: Carsharing wie DriveNow, Apps wie Moovel und Ridesharing wie Moia. Doch die Versuche wirken halbherzig, in Deutschland teilweise wie eine Alibi-Veranstaltung. Erfolgreich sind sie eher im Ausland.

So wird Pendeln erträglicher

Aber die deutschen Hersteller waren beim Carsharing die ersten…

Richtig. Und die Geschäftsmodelle scheinen auch zu funktionieren. Die Deutschen waren auch in anderen Bereichen innovativ, zum Beispiel im Bikesharing. Die Deutsche Bahn hat das System vor Jahren aufgebaut. Aber heute sind es vor allem die Asiaten, die Bikesharing im großen Stil in die Städte der Welt bringen. 

Apropos Bahn. Ist die Deutsche Bahn Gewinner oder Verlierer der mobilen Bedürfnisse der Menschen in Zukunft?

Die Bahn wird der Gewinner sein. Das Unternehmen kann auf der Schiene große Menschenmengen transportieren. Diese Funktion wird gebraucht. Allerdings ist die Bahn noch sehr monomodal unterwegs. Sie müsste ihre Fahrgäste von zu Hause abholen und zum Bahnhof bringen. Dann könnte sie richtig profitieren. Allerdings müssen die Züge auch pünktlicher werden. 

In Deutschland pendeln immer mehr Menschen zur Arbeit. Wie lange geht das noch so weiter?

Solange die Unternehmen ihre Zentralen in die Innenstädte bauen, wird sich daran nichts ändern. Aber es gäbe ja Möglichkeiten, die Pendlerströme zu verändern. Co-Working-Plätze könnten an den Stadtrand verlegt werden, mit besserer Verbindung. Oder Unternehmen erlauben andere Arbeitszeitmodelle. Der Pendlerverkehr könnte um ein Drittel verringert werden.

Werden autonom fahrende Autos den Nahverkehr revolutionieren?

Autonom fahrende Autos werden kommen. Aber das dauert noch ein paar Jahrzehnte.

Nicht nur die Technik muss sich entwickeln, auch die Gesetzgebung. 

Und werden wir bald auch mit dem autonomen Flugtaxi ans Ziel fliegen?

In den Neunzigerjahren gab es in Metropolen wie New York und Sao Paulo Helikopter im Nahverkehr. Das Konzept hat sich nicht durchgesetzt, weil es schlicht zu teuer ist. Außerdem ist auch der Himmel endlich. Flugtaxis haben ihre Grenzen.

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