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Kurzarbeit in der Autoindustrie „Umbrüche von historischer Tragweite“

Ford-Mitarbeiter arbeiten am Fließband in der Endkontrolle an einem Fiesta Quelle: dpa

Immer mehr Mitarbeiter in der Autoindustrie spüren den Einbruch der Produktion. Jetzt nutzt auch Ford Kurzarbeit in Köln. Das Mittel hat sich in der Finanzkrise 2008 bewährt. Taugt es auch jetzt?

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Der Ford Fiesta verkauft sich nicht gut. Vor allem die Konjunktur in Südeuropa und Großbritannien ist schwach, die Umsätze gehen zurück. Die Mitarbeiter in der Kölner Ford-Produktion spüren das jetzt sogar im eigenen Portemonnaie. Etwa 2200 von ihnen sind seit Januar in Kurzarbeit – statt fünf Tagen die Woche arbeiten sie aktuell nur vier. Noch bis Mai soll das so weitergehen. Man sehe sich gezwungen, die Produktion der derzeitigen Nachfrage anzupassen und habe bei der Agentur für Arbeit Kurzarbeit für die fertigenden Bereiche beantragt, bestätigt Ford.

Auch andere Unternehmen in der Auto- und Zuliefererindustrie müssen derzeit kürzertreten. Laut dem Konjunkturbericht des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall ging das Geschäft der deutschen Metall- und Elektro-Industrie zuletzt zurück. 2019 war ein Rezessionsjahr, und eine Trendwende sei nicht in Sicht, teilte der Verband der WirtschaftsWoche mit. „Sie wird das Jahr 2019 mit einem Minus von gut fünf Prozent in der Produktion abschließen, das größte Minus seit der Wirtschaftskrise 2009.“ Im Oktober 2019 waren nach Hochrechnungen bereits 72.700 Beschäftigte aus der Metall- und Elektro-Industrie aus konjunkturellen Gründen in Kurzarbeit – davon voraussichtlich 6624 in der Autoindustrie. Ähnlich hohe Werte gab es dem Verband zufolge zuletzt in den schwierigen Jahren 2012/2013.

Eine große Welle von Kurzarbeit gab es auch nach der Finanzkrise 2008. Damals rettete das Instrument die deutsche Industrie vor dem Totaleinbruch. Mit ihr konnten Unternehmen darauf reagieren, dass ihnen von einem Tag auf den anderen Kunden wegfielen und Kredite nicht verlängert wurden.



Die Situation heute ist damit nicht vergleichbar. Die damalige Krise ging von den Banken aus – war also extern verursacht. Die jetzige Krise aber ist neben konjunkturellen Einbrüchen teilweise hausgemacht: Schließlich hat die Autoindustrie den Wandel verschlafen und zu lange an Autos mit umweltschädlichen Verbrennungsmotoren festgehalten. Jetzt kommt die Quittung.

Kurzarbeit kann deren Folgen allenfalls abfedern. Die Agentur für Arbeit genehmigt die vorübergehende Reduktion der Arbeitszeit aber nur, wenn Besserung in Sicht ist.

So wie etwa bei Opel. Dort arbeitet der überwiegende Teil der Mitarbeiter aus der Rüsselsheimer Produktion seit Oktober kurz. Ende 2018 hatte Opel dort noch 2600 Beschäftigte, wie viele davon aktuell von der Kurzarbeit betroffen sind, wollte der Autobauer aber nicht sagen. In Rüsselsheim ist die Auftragslage für die dort produzierten Autos schlecht: Der dort einst produzierte Zafira wurde sogar ganz eingestellt, der Absatz des Insignia brach 2019 um 28,5 Prozent ein. Verkauft wurden nur 50.999 Autos. Jetzt arbeiten die Mitarbeiter noch bis mindestens Ende März kürzer. Allerdings würde es nicht überraschen, wenn Opel eine Verlängerung der Kurzarbeit anstrebte. Denn der Astra, der das Werk wieder auslasten soll, soll erst ab November 2021 produziert werden – der Astra Sports Tourer sogar erst ab Mai 2022. Bis Mitarbeiter auf die neuen Produktionslinien trainiert werden können, geht damit noch mehr als ein Jahr ins Land.

Auch Zulieferer hadern. So waren bei Continental zuletzt im Dezember mehr als 400 Mitarbeiter an den vier ContiTech-Standorten Eislingen, Vinnhorst, Dannenberg und Northeim in Kurzarbeit. Aktuelle Zahlen zur Kurzarbeit bekommt Continental erst wieder in der kommenden Woche. Denn Continental erhebt Daten zur Kurzarbeit nur monatlich. Im Januar aber waren nach Informationen der WirtschaftsWoche über 300 Mitarbeiter bei Continental in Korbach in Kurzarbeit. Das Unternehmen bestätigte zwar die Kurzarbeit am Standort, wollte die Zahl aber nicht kommentieren. Im hessischen Korbach ist die Industriesparte ContiTech betroffen, nicht aber die dortige Reifenproduktion. Man nutze Kurzarbeit, „um vorübergehend unvermeidlichen Arbeitsausfall“ zu kompensieren, so Continental. Die Produktionsplanung richte sich nach den Anforderungen der Kunden.

Und die gehen derzeit zurück, weil weniger Autos produziert werden, als ursprünglich prognostiziert – viele Zulieferer haben Überkapazitäten. Eigentlich soll das Kurzarbeitergeld Verdienstausfälle ausgleichen und Arbeitsplätze erhalten. Doch in der aktuellen Situation der Autoindustrie greift es zu kurz, denn viele Betriebe haben andere Probleme als einen kurzfristigen Einbruch der Nachfrage. Die Autoindustrie steckt mitten in der Transformation. Das bedeutet, dass es viele Jobs gibt, die wegen der Digitalisierung oder dem Umstieg auf Elektroautos überflüssig werden. Kurzarbeitergeld würde hier also nicht helfen, denn die Arbeit kommt oftmals nicht zurück. Das aber wäre die Voraussetzung dafür. Viele Betriebe nutzen daher aktuell andere Instrumente als Kurzarbeit. Sie trennen sich über Abfindungen, Vorruhestand oder Altersteilzeit von Mitarbeitern. Sie verlagern die Produktion nach Osteuropa oder Asien. Sie schließen Standorte.

Die IG Metall würde es lieber sehen, wenn Mitarbeiter für neue Aufgaben qualifiziert würden und Jobs in Deutschland gehalten werden. Sie fordert deswegen schon länger ein Transformationskurzarbeitergeld. So soll Beschäftigung gesichert und Qualifizierung im Betrieb gefördert werden. Denn Arbeitsplätze würden aktuell teilweise verschwinden, neue dafür aber auch entstehen. „Vor allem aber werden sich die Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen der Beschäftigten stark verändern. Neue Qualifikationen werden erforderlich, vorhandene teilweise entwertet und die Halbwertszeit erworbener Fähigkeiten und Fertigkeiten wird sinken“, heißt es in einem Faktenblatt der Gewerkschaft. In Deutschland seien allein 18,4 Prozent der Arbeitsplätze durch Automatisierung bedroht. Bei 35,8 Prozent der Jobs dürften sich die Anforderungen durch Digitalisierung stark verändern. „Wir haben es mit Umbrüchen von historischer Tragweite zu tun, zu deren Bewältigung große Kraftanstrengungen von Arbeitgebern, Staat und Beschäftigten vonnöten sein werden“, heißt es. Deswegen sei es das Ziel, dass die Beschäftigten Perspektiven im Betrieb erhielten. Das Transformationskurzarbeitergeld soll dabei ein neues Instrument werden, mit dem Unternehmen kurzfristig auf Auftragseinbrüche reagieren und Mitarbeiter für neue Aufgaben qualifizieren können.

Voraussetzung für die Zahlung des Geldes soll es laut der Gewerkschaft sein, dass die Arbeit bei bestehenden ‚alten‘ Produkten wegfalle. Zudem müsse eine erhebliche Zahl von Beschäftigten betroffen sein. Die IG Metall schlägt vor, dass ein Zehntel der Belegschaft innerhalb der kommenden drei Jahre von den Veränderungen betroffen sein müsste. Zudem müsse ein Qualifizierungsplan bestehen.

Klar ist: Es wird weitere Meldungen von Kurzarbeit geben – eine Lösung für die schwerwiegendsten Probleme der Autoindustrie aber ist sie nicht.

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