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Lieber aussteigen als eingehen Daimler versilbert seine Anteile an Tesla

Daimler zieht sich als Investor bei Tesla zurück. Die Gelegenheit ist günstig - und zwar nicht nur, weil Daimler einen satten Gewinn einstreicht.

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Kursgewinne XXL: Daimler macht mit Tesla-Aktie richtig Reibach

Dieter Zetsche und Bodo Uebber hatten einen guten Riecher. Im Frühjahr 2009 konnten die beiden Daimler-Vorstände den Aufsichtsrat davon überzeugen, mit einem zweistelligen Millionenbetrag bei einem kalifornischen Unternehmen einzusteigen, dessen charismatischer Besitzer sich vorgenommen hatte, mit einem Elektromobil die Autoindustrie aus den Angeln zu heben.

Elon Musk hieß der junge Mann, der mit einem Internet-Bezahldienst namens Paypal zu einigem Reichtum gekommen war, der von einer Kolonie auf dem Mars träumte und der einen Sportwagen von Lotus in ein Elektromobil verwandelte, indem er unter anderem 6831 handelsübliche Laptop-Akkus in das Heck des kleinen Zweisitzers packte.

Viele Automanager hielten Musk damals für einen Spinner und prophezeiten seinen aberwitzigen Projekten ein schnelles Ende. Auch in Stuttgart schüttelten einige Ingenieure den Kopf – bis sie eine Testfahrt mit dem Tesla Roadster unternahmen und feststellten: Ja, es könnte funktionieren.

Ein Selbstläufer war das Projekt dennoch nicht. Es dauerte länger als geplant, bis der Tesla Roadster im März 2008 endlich Fahrt aufnahm. Und kurz darauf funkte die Lehman-Pleite dazwischen. Tesla traf die Finanzkrise, die durch den Kollaps der Investmentbank ausgelöst wurde, so heftig, dass das Unternehmen in jenem Frühjahr 2009 kurz vor dem Blackout stand, wie Musk später eingestand. Doch dann kam erst Daimler, später auch Toyota – und alles wurde gut.

In drei Schritten pumpte der Stuttgarter Technologiekonzern damals insgesamt 56 Millionen Dollar in das Unternehmen im Silicon Valley. Aus heutiger Sicht war es nur eine vergleichsweise kleine Summe – in jenem Jahr investierte der Konzern ein Vielfaches davon in die Entwicklung neuer Autos, Laster und Lieferwagen.

Dennoch war die Entscheidung mutig: Nach der Finanzkrise war auch die Lage beim Stuttgarter Konzern dramatisch. In vielen Märkten ging der Absatz so stark zurück, dass das Konzernergebnis am Jahresende einen Verlust von 2,6 Milliarden Euro auswies. Überall musste der Gürtel enger geschnallt werden, die Aktionäre mussten auf eine Dividende verzichten. Dieter Zetsche, der erst drei Jahre zuvor an die Konzernspitze gerückt war, musste um seinen Job fürchten.

Satter Gewinn

Heute ist alles Geschichte und kann man den Mut des Konzernlenkers rühmen, in solch einer schwierigen Situation den Blick über den Tellerrand zu wagen und einem kleinen Startup aus der Patsche zu helfen. Daimler schoss nicht nur Geld in Tesla Motors, sondern schickte auch Ingenieure ins Silicon Valley, um Tesla beim Aufbau der Roadster-Produktion zu helfen und die Entwicklung eines neuen Fahrzeugs zu helfen.

Ohne die Hilfe der Mercedes-Ingenieure und –Zulieferer wäre das heute vielgerühmte Model S wohl nie auf die Straße gekommen. Die Stuttgarter lernten damals nicht nur viel über die Tücken der Elektromobilität. Sie bekamen auch tiefe Einblicke in die Probleme von Unternehmensgründern und die Finanzierungsmöglichkeiten von Internet-Unternehmen.

Diese Erfahrungen kamen dem Konzern später bei der Gründung unter anderem von moovel, car2go und Park2gether zugute. Im Gegenzug halfen die Experten von Tesla bei der Entwicklung der elektrogetriebenen Variante des Smart und der Mercedes B-Klasse: Der 180 PS starke Elektromotor und der Lithium-Ionen-Akku im Heck der nagelneuen Mercedes B-Klasse Electric Drive mit einer Reichweite von rund 200 Kilometern stammen von Tesla.

Die Tesla-Chronik

Die technische Zusammenarbeit zwischen Daimler und Tesla soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden. Doch als Investor zieht sich Daimler jetzt von Tesla zurück. Die Gelegenheit war günstig. Seit dem Börsengang 2010 hat sich der Börsenkurs von Tesla ordentlich nach oben bewegt – vom Emissionskurs von 17 Dollar kletterte die Aktie auf über 200 Dollar.

Der ursprüngliche Anteil von 9,1 Prozent an Tesla ist durch Kapitalerhöhungen und einen Verkauf von Aktien an Aabar Investments aus Abu Dhabi zwar im Laufe der Jahre auf knapp über vier Prozent abgeschmolzen. Doch unter dem Strich bleibt für Daimler nach dem Verkauf aller Anteile ein satter Gewinn von über 700 Millionen Dollar übrig. Das Geld soll nun in neue Projekte investiert, für die Stärkung des operativen Geschäfts und der Eigenkapitalquote genutzt werden.

Auto



Zetsche und Uebber können sich angesichts des satten Spekulationsgewinns zufrieden die Hände reiben. Die Risiken, die Tesla mit dem Aufbau der neuen, gigantischen Batteriefabrik in Nevada verbunden sind, dürfen nun andere tragen: Daimler-Aktionäre können sie dafür in den kommenden Jahren nicht wenig haftbar machen. Und sie müssen sich auch nicht den Vorwurf gefallen lassen, den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg verpasst zu haben: Jüngste Zulassungszahlen deuten darauf hin, dass die Nachfrage nach dem Tesla Model S den Höhepunkt überschritten hat.

In USA geht zudem der Gesetzgeber gegen den Direktvertrieb der Tesla-Fahrzeuge über das Internet vor. Und die Premiere des Elektro-SUV Model X wurde bereits so oft verschoben, dass nicht nur die Besteller, sondern auch die Tesla-Aktionäre allmählich nervös werden.

Der Daimler-Vorstand beweist vor dem Hintergrund erneut einen guten Riecher. Wie heißt es doch so schön an der Börse: Lieber aussteigen als eingehen.

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