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Lieferketten Anhaltender Engpass bei Halbleitern behindert Autobauer

Den Autobauern fehlen Halbleiter. Tausende Autos können deswegen nicht produziert werden. Quelle: dpa

Autobauer bekommen derzeit nicht so viele Halbleiter, wie sie bräuchten. Das legt mancherorts die Produktion lahm und setzt Hersteller und Zulieferer weiter unter Druck. Betroffen sind neben dem Volkswagen-Konzern auch Continental oder Bosch.

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Die Erklärung von VW klingt dramatisch: Der größte deutsche Autobauer sieht „herstellerübergreifend erhebliche Störungen in der weltweiten Fahrzeug-Produktion“. Schuld daran sind anhaltende Probleme bei der Lieferung von Halbleitern. Der Konzern hat darum die Fertigung an einzelnen chinesischen, nordamerikanischen und europäischen Standorten bereits an die „aktuelle Versorgungssituation“ anpassen müssen. 

Bislang sind vor allem die Marken Volkswagen Pkw und Nutzfahrzeuge, Skoda, Seat und auch Audi betroffen. Möglicherweise können in diesem Jahr mehr als 100.000 Autos nicht gebaut werden. Im VW-Stammwerk Wolfsburg gibt es deswegen sogar Kurzarbeit. Dort sei mit dem Betriebsrat vereinbart worden, dass die Betriebsruhe in bestimmten Bereichen über den 4. Januar hinaus verlängert werde, erklärt VW. So starte etwa die Produktion für den Golf erst am 18. Januar. 

Tatsächlich ist VW mit dem Problem nicht allein, wie eine Umfrage der WirtschaftsWoche zeigt. Daimler beantwortet diese bislang nicht, laut der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ hat Konzernchef Ola Källenius jedoch Probleme bei Mercedes eingeräumt. 
Auch große Zulieferer wie Bosch und Continental kommen mehr und mehr in die Bredouille. Ihnen liefern die Halbleiterhersteller üblicherweise ihre Produkte. Die Zulieferer verbauen die Halbleiter dann und liefern größere Bauteile an die Autobauer. Bosch bestätigte, dass es aufgrund unterschiedlicher Einflüsse aktuell „auf dem weltweiten Beschaffungsmarkt zu einer generellen Verknappung bei bestimmten Halbleiterbauteilen“ komme. Dieser Marktentwicklung könne sich „auch Bosch nicht entziehen“. 

Auch Continental sagt, dass es „Engpässen in der Lieferkette“ gebe und begründet das damit, dass nach dem „plötzlichen Nachfragerückgang“ aufgrund des Lockdowns im Frühjahr die Automobilhersteller ihre Produktionsmengen „viel schneller als von Marktexperten erwartet“ wieder erhöht hätten. Nun gebe es einfach zu wenige Halbleiter. 

Erst in sechs bis neun Monaten wird es besser 

Eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht: Laut dem größten Hersteller im Automotive-Halbleitermarkt Infineon kann es bis zu 130 Tage dauern, um einen Chip herzustellen. Circa bis zu 800 Prozessschritte seien nötig. Zu den Belangen der Kunden könne man sich aber „nicht äußern“, teilte Infineon mit. 

Continental rechnet sogar damit, dass es erst in sechs bis neun Monaten besser wird, „obwohl Halbleiterhersteller bereits auf die unerwartete Nachfrage mit Kapazitätserweiterungen reagiert haben“. Das liege an den üblichen Vorlaufzeiten in der Halbleiterindustrie von sechs bis neun Monaten. Vor allem die Sublieferanten (Silikon Wafer) der Halbleiterhersteller sind offenbar von anderen Industrien ausgebucht worden. In der Corona-Krise laufen Produkte etwa aus der Verbraucherelektronik und der Telekommunikations- und Haushaltsautomatisierung stabil oder sie wachsen sogar, weil Verbraucher Ausrüstung fürs Homeoffice kaufen oder sie es sich zuhause schön machen – mit elektronischen Produkten. Doch für all diese Branchen werden ebenso Halbleiter gebraucht. 

Arbeitsgruppe mit dem Vorstand

Hinzu kommt laut Bosch, dass bei einigen Halbleiterherstellern aufgrund der Coronavirus-Pandemie die Produktion teilweise ausfällt oder sich Investitionen in Erweiterungen und Produktionssteigerungen verzögerten und deutlich weniger Chips geliefert würden. Bosch spricht dabei von einer „angespannten Lage am Markt“.   
Bei Continental arbeiten deswegen jetzt interne Arbeitsgruppen „rund um die Uhr“ gemeinsam mit dem Vorstand daran, „die kritische Situation zu managen“. Doch: „Trotz aller Anstrengungen konnten wir jedoch nicht vermeiden, unsere Kunden zu bitten ihre Produktion oder ihren Produktmix anzupassen.“ 

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Die Halbleiterhersteller selber halten sich bedeckt. „Ein gewisses Wachstum in der Automobilproduktion im Jahr 2021 ist erwartet und in unseren Planungen berücksichtigt“, teilte Infineon mit. Den schwarzen Peter aber wollen die Halbleiterhersteller nicht haben. Hinter vorgehaltener Hand ist bei vielen die Rede davon, dass man den Kunden natürlich das liefere, was diese bestellt hätten. „Manche Kunden haben zu spät bestellt. Daher kommen wir jetzt in einigen Bereichen mit der Lieferung nicht hinterher“, sagte Kurt Sievers, Chef des Chipkonzerns NXP, kürzlich dem Handelsblatt. 

Der Automarkt hat sich nach dem Lockdown im Frühjahr schneller erholt, als gedacht. Gut möglich also, dass die Autobauer jetzt Opfer ihrer eigenen Fehlplanungen werden. 

Mehr zum Thema: Mega-Trends wie Künstliche Intelligenz und E-Autos beflügeln Halbleiter-Hersteller – auch an der Börse. Welche Perspektiven die Branchenaktien bieten. 

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