Mit angezogener Handbremse Prozesslast hängt noch Jahre an Porsche

Längst formen Porsche und VW einen Konzern. Doch die Wurzel der Partnerschaft vor sieben Jahren birgt immer noch milliardenschwere Klagerisiken, die eine Bürde auf Jahre scheinen.

Seine Karriere in Bildern
Der VW-Konzern eilt von einem Rekord zum nächsten. Mitverantwortlich für diesen fast märchenhaften Aufstieg: Der Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch. 2013 hat ihm der Automobilclub ADAC den "Gelben Engel" verliehen. "Mit der Ehrung würdigt das ADAC Präsidium die langjährige Innovations- und Visionskraft des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG, der heute als Aufsichtsratschef den zwölf Marken umfassenden Konzern zum erfolgreichsten Automobilhersteller der Welt entwickeln möchte", wie der Automobilclub mitteilte. Quelle: dapd
Zu seinem 75. Geburtstag erntet der mächtigste Mann der Automobilindustrie die Früchte seiner Karriere. Piëch ist der Kopf der Porsche-Eigentümer und Königsmacher von VW, MAN und Scania. Seine Karriere in Bildern. Quelle: dapd
Dabei hat es für Piëch gar nicht so einfach angefangen. Als sein Vater Anton starb, war er erst 15 Jahre alt. Da seine Mutter sich verstärkt um die Geschäfte kümmern musste, wurde auch die Legasthenie des nur mäßigen Schülers nicht erkannt. Stattdessen wurde er auf ein Schweizer Internat geschickt, als seine Noten immer schlechter wurden. Eine Zeit, die Piëch selber in seinem Buch als "finster" bezeichnete. Quelle: dapd
Aufgrund der Tatsache, dass seine Lese- und Schreibschwäche nicht erkannt wurde, traute man ihm die Nachfolge im Konzern nicht von Anfang an zu. Während seines Studiums an der ETH in Zürich änderte sich das. Piëch begeisterte sich zunehmend für Technik. Mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren schloss er sein Studium 1962 ab. Quelle: ap
Zur Ruhe kommt Piëch trotz seiner anhaltenden Erfolge nicht: „Ich kann nicht etwas Gewonnenes feiern. Das liegt mir nicht. Dann ist schon wieder das Nächste dran“, hat er einmal gesagt. Quelle: dpa
Und dabei konnte Piëch machen, was er wollte. Wann immer es kritisch wurde, erwies er sich als "Teflon"-Manager - denn an ihm perlt alles ab: Sei es die „Lopez-Affäre“ um gestohlene Disketten des US-Konkurrenten General Motors, ... Quelle: ap
... oder der Skandal um die Lustreisen des Betriebsrats auf Firmenkosten – dem kontrollfixierten Mann an der Spitze ließ sich nie etwas nachweisen. Damals ging es um Vergnügungsreisen, Bordellbesuche und Sexpartys. Unter anderem Betriebsratschef Klaus Volkert räumte nach dem Bekanntwerden der Affäre seinen Posten. Quelle: ASSOCIATED PRESS
Als großzügig erweist sich der Patriarch, wenn er jemanden aus dem Kosmos seiner Unternehmungen katapultiert. Beispiel Bernd Pischetsrieder, Piëchs Nachfolger als VW-Chef: Piëch holte ihn von BMW zu Volkswagen, um ihn vier Jahre später, 2006, wieder durch Winterkorn zu ersetzen. Persönliche Differenzen sollen der Grund gewesen sein. Kurz zuvor bekam Pischetsrieder aber gegen den Willen des Oberaufsehers noch einen neuen Vertrag in Millionenhöhe. Das Geld fließt, doch Pischetsrieder muss regelmäßig vom Chiemsee in sein Wolfsburger Schattenbüro fahren. Quelle: dpa
Und wehe, einer meint, tricksen zu können, und enttäuscht Piëch - dann ist er fällig. Das ist die eine der prägenden Komponente des Ferdinand Piëch, der für fernöstliche Philosophie und japanische Ethik schwärmt. Kein Firmenlenker hat die gnadenlose Logik des Herrschens so verinnerlicht wie er. Für den Patriarchen sind Geld, Posten und Ruhm Teil des Werkzeugkastens, Mittel zum Zweck, mehr nicht. Interessiert sich der Machtmensch für jemanden, wird der fürstlich umgarnt. Quelle: ap
Auch außerhalb seiner geschäftlichen Grenzen war Piëch durchaus fleißig. Insgesamt zwölf Kinder von vier Müttern gehen auf sein Nachwuchskonto. Quelle: ap
Mit dem Zeugen von Nachwuchs ist aber schon lange Schluss. Seit 1984 ist Piëch in zweiter Ehe mit seiner Frau Ursula verheiratet. Mit der früheren Gouvernante seiner Familie hat Piëch drei gemeinsame Kinder. Ursula Piëch genießt offenbar deutlich mehr Vertrauen als seine zwölf Kinder, denn ... Quelle: dpa
... um zu verhindern dass seine Erben nach seinem Tod Teile des Firmenvermögens verkaufen, hat Piëch sich ein geschicktes Modell einfallen lassen. Der VW-Aufsichtsratschef organisierte seine Beteiligungen in zwei österreichischen Privatstiftungen ("Ferdinand Karl Alpha" und "Ferdinand Karl Beta"), an deren Spitze er selber steht. Im Falle seines Todes rückt seine Ehefrau nach, die schon jetzt einen Sitz in beiden Beiräten innehat. Ein Sitz im VW-Aufsichtsrat winkt ihr damit ebenfalls. Doch mit ihrem Einfluss kann es ganz schnell auch wieder vorbei sein. Trennt sie sich von Piëch oder heiratet nach seinem Tod wieder, verliert sie ihre Macht auf einen Schlag. Quelle: dpa
Wenig begeistert sind von der Regelung wahrscheinlich zumindest einige der Kinder Piëchs. Mindestens neun Erben, Vorstand und Beirat der jeweiligen Stiftung müssen einem Anteilsverkauf zustimmen - ein denkbar schwieriges Unterfangen. Quelle: ap
Schwierig war auch schon immer das Verhältnis zu seinen Angestellten und Mitarbeitern. Machtbesessen, menschenscheu und angsteinflößend sind nur drei der vielen Urteile. Fakt scheint zu sein: Wer sich gegen Piëch stellt, könnte früher oder später seinen Hut nehmen müssen. Wahrscheinlich eher früher. Piëchs Selbstverständnis, der mit dem Attribut „schwierig“ gut leben kann, ficht das nicht an: „Sie gewinnen keinen Überlebenskampf mit Freundlichkeit“, ist eine seiner Antworten auf solche Angriffe. Quelle: dpa
Auch als Piëch noch jünger war, scheint das nicht anders gewesen zu sein. Schon zu seiner Zeit als VW-Konzernchef beschwerten sich leitende Angestellte in einem Brief an den damaligen Aufsichtsratschef Klaus Liesen über den „Mann mit psychopathischen Zügen“. Ihre Forderung: „Machen Sie Herrn Piëch klar, dass ein Weltkonzern nicht wie ein Rittergut mit Leibeigenen zu führen ist.“ Quelle: ap
Schon 1993 stellte der Spiegel fest, Piëch zeige „beim Umgang mit Nockenwellen mehr Feingefühl als bei der Auswahl und Führung von Mitarbeitern“. Eine Meinung, die wohl viele teilten. Quelle: dpa

Ein Porsche 911 kostet viel Geld. Zehntausende von ihnen haben den Gegenwert einer Schadenersatzsumme, mit der sich inzwischen das Landgericht Hannover auseinandersetzt. Um fast fünf Milliarden Euro kreisen dort die Klagen von Investoren gegen die Porsche-Holding PSE. Und so groß diese Forderung einerseits ist, so klein ist andererseits das Tempo des juristischen Marathons, der sich um den gescheiterten Übernahmeversuch der PSE bei Volkswagen dreht. Sieben Jahre ist der schon her - und anders als ein 911er kriecht die Klagewelle dahin. Für die PSE ist das juristische Hick-Hack ein leidiges Thema. Rund 40 Millionen Euro hat die Holding, die die Stimmenmehrheit an Volkswagen hält, bisher zurückgestellt für Beratung bei den Verfahren, die schon Gerichte in New York, London, Stuttgart, Braunschweig, Frankfurt und nun vor allem in Hannover beschäftigten. Zwar gab es bei kleineren Verfahren schon Siege der PSE. Doch die dicken Brocken halten sich.

Beim Kern des Prozessbündels ist der Weg bis zum Bundesgerichtshof (BGH) absehbar. „Wir sind weiterhin nicht vergleichsbereit“, sagt die PSE. Noch zehn Jahre könnte die Prozesswelle benötigen, so schätzen es Experten und so zeigen es ähnliche Fälle wie bei der Bank HRE.

Piëch und seine Figuren

Ein Beispiel für die bleierne Schwere: Anwalt Josef Broich vertritt ein Verfahren, bei dem es allein schon um fast zwei Milliarden Euro geht. Er will Porsche-Betriebsratschef und -Aufsichtsrat Uwe Hück im Zeugenstand. Am Dienstag (21.) entscheiden die Richter in Hannover. Es gilt als ausgemacht, dass entweder die PSE oder Broich gegen das Ergebnis vorgeht. Allein dieser Teilaspekt könnte bis zum BGH laufen. Der Vorsitzende Richter Heinrich-Ullrich Kleybolte merkte bereits an, dass das für mögliche Rechtsmittel zuständige Oberlandesgericht bei seiner Beratung wenig Klärung von höchster Instanz vorfinden dürfte.

Und der Streit um Hück ist nur ein Mosaikstein des Bündels von sechs Verfahren in Hannover. Bisher ging es vor allem um Zuständigkeiten; vor der Station bei der Kartellkammer in Hannover führte der Strang über das Landgericht Braunschweig, vorher war Stuttgart beteiligt. Zum Inhaltlichen kam es bisher kaum: Hat die PSE im Übernahmekampf Anleger in die Irre geführt? Hat sie sich mit Halbwahrheiten vor der Insolvenz gerettet? Hat sie ihre Marktmacht beim allmählichen Aufbau der Beteiligung an VW missbraucht? Die Zwischenstände in Braunschweig sprechen für die PSE, doch das alles ist bisher ja nur der Anfang.

Die Opfer des Ferdinand Piëch
Porsche-Miteigner und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Quelle: dapd
Audi Quelle: dpa
Franz-Josef Kortüm Quelle: obs
Herbert Demel Quelle: dpa
Franz-Josef Paefgen Quelle: AP
José Ignacio López Quelle: REUTERS
Bernd Pischetsrieder Quelle: dpa
Martin Winterkorn Quelle: AP
Wendelin Wiedeking Quelle: dpa
Winterkorn Quelle: dpa

Dreimal hat die PSE in Braunschweig kleinere Verfahren gewonnen, zwei sind rechtskräftig, eines läuft in der Berufung. Sechs Fälle liegen in Hannover mit Kartellrechtsaspekten. Die PSE wittert dabei teils Prozessverschleppung. PSE-Jurist Markus Meier schimpfte, die Sache dürfte nicht durch die Republik irren. Die Holding ist siegessicher. Entscheidend sei nicht wo, sondern dass es inhaltlich zur Sache käme.

Die Klaviatur der Gründe für die Verzögerungen ist breit. Viel wurde darum gestritten, in Stuttgart laufende strafrechtliche Ermittlungen gegen frühere Porsche-Vorstände abzuwarten, da sie von Belang seien für die Zivilklagen. In der Heimat der Sportwagenschmiede erhielt Porsches Ex-Finanzchef Holger Härter bereits im Zusammenhang mit der Übernahmeschlacht eine Geldstrafe wegen Kreditbetruges. Zudem müssen er und sein damaliger Chef Wendelin Wiedeking noch wegen angeblicher Marktmanipulation auf die Anklagebank, vermutlich ab diesem Herbst. Die Zivilkläger begrüßen das - da sie, anders als im Strafrecht, die Beweislast haben und sich nun aus Stuttgart neue Munition erhoffen.


In Niedersachsen bei den Zivilklagen wirken die Richter mitunter genervt. Über eine Liste mit Zeugenwünschen frotzelte Richter Kleybolte, man könne ja nach einer Sachbeschädigung an einem Auto auch „das Telefonbuch einscannen und sagen: „Einer wird schon als Zeuge dabei gewesen sein“. Und der inzwischen pensionierte Chef der Kammer in Braunschweig, Stefan Puhle, wähnte sich schon „in einer kleinen Porsche-Rallye“. Seine PSE-Fälle brockten ihm - zum Abschied nach 40 Jahren Arbeit - noch einen Befangenheitsantrag ein.

Auch Krankheit oder Mandatsniederlegungen sorgten schon für Aufschub in einem der Milliardenstränge, der 2014 zu einem der profiliertesten Anlegeranwälte Deutschlands wechselte: Andreas Tilp. Bekannt ist er etwa von den BGH-Sammelklagen zur Telekom-Volksaktie. Und gesammelt klagen nach dem sogenannten Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) will Tilp auch in Sachen PSE - damit das Klagewirrwarr zum selben Thema mit einer Bedeutung für viele Anleger zusammenläuft.

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„Ein KapMuG-Verfahren würde mehr Wahrscheinlichkeit bieten, dass die Wahrheit auch ans Licht kommt. Da kämpfen alle Kläger miteinander“, sagt Tilp. „Und wenn KapMuG in Sachen Porsche kommt, wird der BGH mit der Sache sogar schneller befasst sein als bei normalen Prozessen.“ Wenn es die PSE also ernst meine mit einer schnellen Aufarbeitung, müsse sie eigentlich für KapMuG sein. „Aber die scheuen es, dass die Wahrheit mit der Schlagkraft eines KapMuG-Verfahrens hochkommt. Denn in Einzelprozessen geht es immer nur um Partikularinteressen“, sagt Tilp. Dagegen könne die beklagte PSE einfacher anarbeiten. Tilp sagt: „Wir sehen nicht, warum das Gericht die KapMuG-Anträge für unzulässig erklären sollte.“ Und falls doch, würde er dagegen vorgehen.

Zuversichtlich ist auch Tilps Kollege Broich, der eine der dicksten Klagen vertritt und an den der Vorwurf des Telefonbuch-Scans für die Zeugenliste ging. Er will zeigen, dass die PSE damals beim Aufbau der VW-Beteiligung „vor der Insolvenz stand“ und zur Rettung den VW-Kurs mit irreführenden Informationen beeinflusste. Die PSE bestreitet das.

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