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Müller und Pötsch klären auf Jetzt legt der VW-Chef erst richtig los

Die Lösungen für den Schummel-Diesel liegen größtenteils vor. Zur Ruhe kommt Volkswagen aber nicht: Oberaufseher Pötsch muss weiter aufklären, während Konzern-Chef Müller nun die grundlegenden Probleme anpacken muss.

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VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller bei der Pressekonferenz in Wolfsburg. Quelle: AP

Seit 85 Tagen ist Volkswagen im Ausnahmezustand. Und damit auch Matthias Müller, der am 25. September den Chefposten von Martin Winterkorn übernommen hat. Viel Zeit zum Verschnaufen hatte der 62-Jährige nicht. Und das sieht man ihm auf der Pressekonferenz in Wolfsburg auch an, zu der der Konzern geladen hatte, um über Details über die Aufklärung und die künftige Ausrichtung des Konzerns zu sprechen.

Der Konzernlenker wirkt müde. Aber auch hoffnungsvoll. „Wir sind an einem Punkt, wo wir Licht am Ende des Tunnels sehen“, sagt er vor rund 300 Journalisten.

Matthias Müller über...

Allmählich lichtet sich das Chaos, das die US-Umweltbehörden mit der Veröffentlichung des Betrugs bei den Abgaswerten von VW-Modellen ausgelöst hatten. Für die betroffenen Diesel-Fahrzeuge in Europa gibt es verhältnismäßig günstige, technische Lösungen. Die 1,2 und 2,0 Liter Motoren werden mit einer Software ausgerüstet, damit sie den Vorgaben entsprechen, der 1,6 l-Motor bekommt zusätzlich neue, aber günstige Hardware.

Über 100 Terabyte Daten wurden gesichert

In den USA arbeite man weiter an einer Lösung, mit dem sich die Umweltbehörden zufrieden geben. „Wir hoffen schon in wenigen Tagen etwas Neues melden zu können“. Die Aufarbeitung sei wegen der dort deutlich strengeren Vorschriften für Stickoxide (NOx) ungleich komplexer. Ohne den finalen Austausch mit den US-Behörden wollen sich weder Müller noch der Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch dazu weiter äußern.

Stattdessen präsentierten VW-Chef und Chefkontrolleur die Schritte, die der Autobauer in den vergangenen zweieinhalb Monaten unternommen hat, um den Fall „Dieselgate“ aufzuklären.


Über 100 Terabyte Daten wurden gesichert – eine schier unfassbare Menge, die rund 50 Millionen Büchern entspricht. 450 interne wie externe Experten sind an der Aufklärung der Geschehnisse beteiligt. Den Ursprung habe der Skandal in einer Fehlerkette, die nie unterbrochen wurde, erklärte Chefaufseher Pötsch. Die groß angelegte Dieseloffensive in den USA, die Erkenntnisse, dass man die Grenzwerte mit zulässigen Mitteln und innerhalb des vorgegeben Zeit- und Kostenrahmens nicht schaffen werde, der Einbau der Software und schließlich, dass man diese nicht ersetzt habe, als man im weiteren Verlauf ein effektives Verfahren zur Stickstoffreduktion gehabt hätte.

Schließlich hätten das individuelle Fehlverhalten und persönliche Versäumnisse einzelner Mitarbeiter Schwachstellen in einigen Prozessen offenbart. Die Haltung, Regelverstöße zu tolerieren, die in einigen Teilbereichen des Konzerns geherrscht habe zu dem geführt, was VW euphemistisch „Diesel-Thematik“ nennt. „Im Rückblick wirkt das alles sehr banal“, gesteht Pötsch. Nur durchbrochen hat diesen Teufelskreis keiner.

Die Folgen von Dieselgate


Bis konkrete Namen fallen, die Identitäten jener Personen bekannt gegeben werden, die aktiv am Betrug beteiligt waren, wird es noch Monate dauern. Hier will VW nicht vorgreifen, die Beweisführung muss auch vor Gericht hieb- und stichfest sein. Wir sind dabei schonungslos aufzuklären, wer dafür verantwortlich ist“, so Pötsch. „Und glauben sie mir, wir werden die betreffenden Personen zur Rechenschaft ziehen. Dennoch muss Sorgfalt nun das höchste Gebot sein.“ Erst zur Hauptversammlung am 21. April 2016 soll die Untersuchung abgeschlossen sein.

Diese Zeit will Müller nutzen, um die strategische Neuausrichtung des Konzerns voranzutreiben.

Die neue Führungstruppe steht

Das Personalkarussell, das nach Winterkorns Abgang mächtig Fahrt aufgenommen hatte, dreht sich inzwischen wieder langsamer. Am Mittwoch gab der Aufsichtsrat bekannt, dass Karlheinz Blessing das Personalressort übernimmt, Frank Welsch Entwicklungschef der Marke Volkswagen wird und Ralf Brandstätter künftig die Beschaffung von VW verantwortet. Damit sind auch die letzten wichtigen Posten besetzt und es steht fest, wer sich unter Müllers Kommando um die Neuausrichtung des Konzerns kümmern soll. Einzig ein neuer Qualitätschef fehlt Müller in seinem Ressort noch, wie er selbst einräumt.

Das neue Who is Who im VW-Konzern
Stefan Knirsch Quelle: Audi
Hinrich Woebcken Quelle: dpa
Neuer Generalbevollmächtigter für die Aggregate-Entwicklung: Ulrich EichhornVolkswagen hat einen neuen Koordinator für die Aggregate-Entwicklung auf Konzernebene. Der WirtschaftsWoche bestätigte Ulrich Eichhorn, dass er im Frühjahr zu VW zurückkehrt. Der 54-Jährige kommt vom Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA), wo er die Verantwortung für die Bereiche Technik und Umwelt inne hatte. Zuvor war Eichhorn neun Jahre lang Entwicklungsvorstand bei der VW-Tochter Bentley. Eichhorn wird nicht Mitglied des Vorstands, sondern berichtet als Generalbevollmächtigter direkt an VW-Chef Matthias Müller – ähnlich wie der neue Chef-Stratege Thomas Sedran. Quelle: Presse
Der neue Generalbevollmächtigte für Außen- und Regierungsbeziehungen: Thomas StegEs ist kein Wechsel der Funktion, sondern der Zuordnung: Thomas Steg ist seit 2012 Generalbevollmächtigter des Volkswagen-Konzerns für Außen- und Regierungsbeziehungen. Bislang war dieser Bereich Bestandteil der Konzernkommunikation. Jetzt ist das Team um Steg als eigenständiger Bereich in das Ressort von VW-Chef Matthias Müller zugeordnet, an den Steg persönlich berichtet. Der diplomierte Sozialwissenschaftler wird zusätzlich das Thema Nachhaltigkeit verantworten. „Mit der Bündelung der Konzernzuständigkeiten und der neuen Zuordnung des Themas Nachhaltigkeit trägt Volkswagen dessen wachsendem Gewicht Rechnung“, teilte der Konzern mit. Steg begann seine berufliche Laufbahn 1986 als Redakteur der Braunschweiger Zeitung. Danach war er Pressesprecher zunächst des DGB Niedersachsen/Bremen, ab 1991 des Niedersächsischen Sozialministeriums und ab 1995 der SPD-Landtagsfraktion Niedersachsen. 1998 übernahm er im Bundeskanzleramt die stellvertretende Leitung des Büros von Bundeskanzler Gerhard Schröder, ab 2002 war er stellvertretender Regierungssprecher, ab 2009 selbstständiger Kommunikationsberater. Quelle: Presse
Der neue VW-Entwicklungsvorstand: Frank WelschKurz nach dem Bekanntwerden von Dieselgate wurde der Entwicklungsvorstand der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer, beurlaubt. Bei der Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember ernannte das Kontrollgremium Frank Welsch zu seinem Nachfolger. Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur ist seit 1994 im Konzern. Über verschiedene Stationen in der Karosserie-Entwicklung, als Entwicklungsleiter in Shanghai und Leiter der Entwicklung Karosserie, Ausstattung und Sicherheit der Marke Volkswagen arbeitete er sich zum Entwicklungsvorstand von Skoda hoch. Diesen Posten hatte Welsch seit 2012 inne.Sein Vorgänger Neußer verlässt den Konzern allerdings nicht, sondern steht laut VW-Mitteilung "dem Unternehmen für eine andere Aufgabe zur Verfügung". Quelle: Volkswagen
Der neue VW-Beschaffungsvorstand: Ralf BrandstätterRalf Brandstätter wird Vorstand für Beschaffung der Marke Volkswagen. Der 47-Jährige folgt in seiner neuen Funktion auf Francisco Javier Garcia Sanz, der die Aufgabe als Markenvorstand in Personalunion zusätzlich zu seiner Funktion als Konzernvorstand für den Geschäftsbereich Beschaffung wahrgenommen hatte. In Zukunft wird Garcia Sanz zusätzlich zu seinen Aufgaben als Konzernvorstand Beschaffung die Aufarbeitung der Diesel-Thematik betreuen. Brandstätter kam 1993 in den Konzern. Seit dem ist der Wirtschaftsingenieur in verschiedensten Posten für die Beschaffung verantwortlich gewesen, zuletzt als Leiter Beschaffung neue Produktanläufe. Zwischenzeitlich war er auch Mitglied des Seat-Vorstands. Seit Oktober 2015 ist Brandstätter auch Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. Brandstätter berichtet wie der ebenfalls neu berufene Entwicklungschef Frank Welsch direkt an VW-Markenvorstand Herbert Diess. Quelle: Volkswagen
Neuer VW-Personalvorstand: Karlheinz BlessingMitten in der größten Krise der Konzerngeschichte bekommt Volkswagen mit dem Stahlmanager Karlheinz Blessing einen neuen Personalvorstand. Der Aufsichtsrat stimmte am 9. Dezember bei seiner Sitzung dem Vorschlag der Arbeitnehmerseite für den vakanten Spitzenposten bei Europas größtem Autobauer zu. Blessing folgt damit auf den bisherigen Personalvorstand Horst Neumann, dieser war Ende November in den Ruhestand gegangen. Der Ernennung war eine lange Suche nach einem geeigneten Kandidaten vorausgegangen. Blessing (58) ist seit 2011 Vorstandsvorsitzender der Stahlherstellers Dillinger Hütte. Zuvor war er Büroleiter des damaligen IG Metall-Vorsitzenden Franz Steinkühler und Anfang der 1990er Jahre Bundesgeschäftsführer der SPD. 1993 ersetzte er als Arbeitsdirektor bei der Dillinger Hütte Peter Hartz, der damals zu VW nach Wolfsburg ging. Blessing sei gut in der IG Metall vernetzt, habe aber auch unternehmerische Erfahrung, hieß es in den Konzernkreisen. Quelle: dpa

Zur Kerntruppe des Volkswagenchefs zählen: Herbert Diess, der ehemalige BMW-Mann, der seit Juli die Kernmarke VW verantwortet und auf Rendite trimmen muss. Andreas Renschler, Ex-Daimler-Manager, der seit Februar die Nutzfahrzeugsparte Volkswagen Truck& Bus Holding leitet und die ungleichen Brüdern MAN, Volkswagen Nutzfahrzeuge und die schwedische Scania zu einem globalen Champion formen soll.

Chefstratege Sedran kommt eine Schlüsselrolle zu

Gerüchte, nach denen die Nutzfahrzeug-Sparte oder andere Unternehmensteile verkauft werden sollen, um genügend Cash in der Kasse zu haben, sollten die Schadensersatzforderungen der Aktionäre und Kunden die finanziellen Mitteln übersteigen, weist Müller energisch zurück. „Wir denken keine Sekunde daran, Unternehmensteile zu verkaufen. Wir sehen keine Notwendigkeit dazu“. Natürlich aber, fügt er hinzu, wisse auch er nicht, welche Schadensersatzforderungen noch auf den Konzern zu rolle.

Die dritte und gleichzeitig neue im Bunde ist Christine Hohmann-Dennhardt. Die ehemalige Bundesverfassungsrichterin, die wie Renschler von Daimler kommt, soll auf dem neu geschaffenen Posten für Compliance-Fragen künftig für Recht und Ordnung sorgen.

Personalchef Blessing, bisher Vorstandsvorsitzender des Stahlherstellers Dillinger Hütte, übernimmt eine diplomatische Mission. Er muss sich mit dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh auseinanderzusetzen. In keinem anderen Auto-Konzern hat die Arbeitnehmervertretung eine so starke Stellung wie hier in Wolfsburg.

Innerhalb von Müllers Mannschaft kommt zudem Thomas Sedran eine Schlüsselposition zu. Der 51-Jährige hat sich zuerst als Berater bei Roland Berger sowie Alix Partners und später als Interims-Chef bei der General Motors-Tochter Opel einen Namen gemacht hat. Sedran wird mit Müller die wichtigsten strategischen Weichenstellungen erarbeiten. An dem nun vorgelegten Plan, der unter anderem mehr Entscheidungskompetenzen bei den Markenverantwortlichen vorsieht und damit die lange geforderte Dezentralisierung des Volkswagenkonzerns einläutet, war Sedran maßgeblich beteiligt.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

„Thomas Sedran wird den Strategieprozess federführend vorantreiben“, kündigte Müller an. Damit liegt die Strategie 2025, die der VW-Chef in rund einem halben Jahr vorstellen will, zu großen Teilen in den Händen des Ex-Opelchefs.

Sedran gilt als Sanierungs- und Krisenmanager, der harte Entscheidungen nicht scheut. 2010 war er als Berater an der Schließung des Opel-Werks Antwerpen beteiligt, 2012 schrieb er am Zehn-Jahres-Plan für Opel mit, besiegelte auch das Ende des Werkes Bochum. Doch gleichzeitig, berichtet ein ehemaliger Weggefährte, habe er auch immer für Investitionen plädiert, damit die Marke wieder wachsen kann.

Elektro-Offensive soll die Probleme lösen

Sedran, so schätzen ihn ehemaligen Kollegen ein, werde kein rigoroses Sparprogramm mittragen, wohl aber den Ausbau der Elektromobilität vorantreiben. „Wir werden bis 2020 weitere 20 Hybrid- und E-Modelle auf den Markt bringen", so Müller. Zukunft bei Volkswagen sei elektrisch. Der Grundstein hierfür soll bereits im Januar gesetzt werden, wenn VW-Markenchef Diess auf der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas ein neues Elektroauto vorstellen wird.
Neue, saubere Stromer, so die Hoffnung, werden auch auf das beschädigte Image einzahlen. Ein Prozess, der Jahre dauern kann. Soforthilfe müssen Müller und sein Chefstratege dagegen in China leisten. Der wichtigste Markt schwächelt, doch noch mehr schwächelt VW.

Bis Ende Oktober verkaufte VW in China rund 6,5 Prozent weniger Autos als im Vorjahr. Mit Dieselgate hat das nichts zu tun. In China ist der Anteil der Selbstzünder gleich null. VW hat vielmehr Probleme mit der Modellpalette. Es fehlen die kleinen SUV und mit zu vielen zu ähnlichen Standardmodellen innerhalb der VW-Gruppe kannibalisiert sich der Hersteller selbst.

Rückruf soll 2016 abgeschlossen sein

Die Listenpreise für etliche VW-Modelle, aber auch anderer großer Hersteller, wurden um rund zehn Prozent gesenkt. Das bringt die Positionierung der Modelle und Marken durcheinander. Im chinesischen VW-Vertriebsnetz rumpelt es, wie Jochen Siebert von JSC Shanghai Automotive Consulting, beobachtet. „Es gibt noch sehr viele Händler, deren einziger Verdienst es war, ein Parteimitglied zu sein. Die Netzwerkplanung und insbesondere Überwachung der Qualität ist für die deutsche Seite sehr intransparent.“ Andere Hersteller wie etwa Ford, hätten wesentlich weniger Probleme im Vertrieb, so Siebert.

Gemessen am Abgasskandal sind das jedoch Luxusprobleme. Bereits im Januar soll der Rückruf der betroffenen Fahrzeuge beginnen. Den Anfang machen die 2-Liter-Motoren, im zweiten Quartal sind dann die 1,2-Liter-Motoren dran, im dritten Quartal schließlich die 1,6-Liter-Maschinen – weil hierfür noch die entsprechenden Ersatzteile produziert und verteilt werden müssen.

Auto



Wie die Rückrufe im Detail bei den Händlerbetrieben organisiert sein sollen, ist nach den Informationen der WirtschaftsWoche noch nicht geklärt. Offen ist auch, wie der Konzern mit Schadensersatzforderungen von Anlegern umgeht. Nach Meinung von Thomas Möllers, Juraprofessor an der Universität Augsburg und einer der führenden deutschen Kapitalmarktexperten, könnten „drei oder vierstellige Milliardenbeträge auf VW zurollen.“ Am Mittwoch wurde bekannt, dass die mehr als 500 Sammelklagen in den USA gegen VW in Kalifornien verhandelt werden.

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