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Musk rastet wegen Covid-19 aus Tesla wird texanisch

Elon Musk will den Firmensitz des Elektroauto-Herstellers wegen anhaltender Corona-Beschränkungen in Kalifornien in einen anderen US-Bundesstaat verlegen. Quelle: dpa

Tesla wird von Kalifornien nach Nevada und Texas verlegt. Schuld ist laut Firmenchef Musk eine „ignorante“ Gesundheitsbeauftragte. Tatsächlich ist es eine Professorin für Infektionskrankheiten und Kinderärztin.

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Normalerweise lässt sich nicht genau feststellen, wann der berühmte letzte Tropfen das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Nicht so bei Elon Musk. Am Samstagmorgen, exakt um 9:44 Uhr kalifornischer Zeit, schnappte er über. „Tesla wird nun sein Hauptquartier und seine künftigen Vorhaben umgehend nach Texas/Nevada verlegen. Ob wir überhaupt unsere Produktion in Fremont behalten, wird davon abhängen, wie Tesla künftig behandelt wird. Tesla ist der letzte Autohersteller, den es in Kalifornien gibt“, schrieb Musk bei Twitter.

Tesla, der Stolz Kaliforniens, nun in Nevada und Texas ansässig? Ausgerechnet jenen Bundesstaaten, die jährlich Unternehmen und Einwohner aus Kalifornien weglocken, weil die dortigen Steuern, Lebenshaltungskosten sowie die Hürden für das Gründen und den Aufbau von Firmen wesentlich niedriger sind als im teuren und überregulierten Kalifornien? Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom muss sich beim Frühstückskaffee heftig verschluckt haben.

Zuvor muss es bei Musk die ganze Nacht gebrodelt haben. Vielleicht ließ ihn auch sein gerade geborener Sohn aus der Beziehung mit der kanadischen Sängerin Grimes nicht in den Schlaf kommen. Der Junge soll angeblich X Æ A-12 genannt werden. Noch ist unklar, ob das ernst gemeint ist und wie der Name ausgesprochen wird. Aber der Staat Kalifornien soll schon klar gemacht haben, dass dieser einer Typenbezeichnung ähnelnde Name nicht offiziell für eine Person gewählt werden kann.

In den vergangenen Tagen hatte Musk emsig daran gearbeitet, das Werk in Fremont, am Rande des Silicon Valley, teilweise wieder zu eröffnen. Ihm schwebten 30 Prozent der üblichen Schicht vor.
Gouverneur Newsom, der ankündigte, dass Kalifornien die Wirtschaft nach den Ausgangsbeschränkungen vorsichtig wieder hochfahren werde, hatte Musk mit seinen Aussagen ermutigt. Doch in Kalifornien bestimmen Lokalpolitiker, was sie ihren Bürgern zumuten wollen und können. Nachdem die nordkalifornischen Bezirke Yuba und Sutter die Wünsche von Newsom missachtet und Corona-Einschränkungen für Geschäfte eigenmächtig aufgehoben hatten, trat im Bezirk Alameda genau das Gegenteil ein. Dort befindet sich das Stammwerk von Tesla. Die örtliche Kreisregierung von Alameda, in Person der kommissarischen Gesundheitsbeauftragten Erica Pan, lehnte die Wiederöffnung ab. Deswegen wird Musk sie nun „unverzüglich“ verklagen, da sie die „verfassungsmäßig verbrieften Freiheiten“ und den „gesunden Menschenverstand“ missachte.

Seitdem glühen die Telefonleitungen und der Mailserver der Behörde. Nicht nur von der Presse regnet es Anfragen, sondern auch von den 11.000 Beschäftigen im Werk in Fremont, die sich nun Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Bislang habe man gut und partnerschaftlich mit Tesla zusammengearbeitet, um einen „Sicherheitsplan“ für die Wiederöffnung zu finden, der „die Gesundheit und das Wohlbefinden von Tausenden von Mitarbeitern, die zur Tesla-Fabrik pendeln, zu gewährleisten“, teilte Alamedas Pressechefin Neetu Balrum mit. Ansonsten: „Kein Kommentar.“

Die Beziehung mit Tesla, dem größten privaten Arbeitgeber von Alameda, ist schon seit Mitte März angeknackst. Musk hatte sich damals dem Schließen des Werkes verweigert, wollte unter dem Radar weitermachen. Doch die Behörde ließ sich auf keinen Deal ein und drohte, notfalls mit der Polizei das Gelände abzuriegeln. Bei den jüngsten Quartalszahlen hatte sich Musk bereits über die Corona-Beschränkungen in Rage geredet. Die Einschränkung der Freiheit gehe zu weit. Wenn Menschen ihr Haus nicht verlassen wollen, sei das okay. Allerdings nicht, wenn das verboten und ihnen mit Arrest gedroht wird. „Das ist faschistisch, das ist nicht demokratisch.“ Via Twitter hatte er da schon Texas gelobt, dessen Gouverneur Greg Abbott beim Hochfahren der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens voranprescht.

Dass die Nerven bei Musk blank liegen, ist zumindest verständlich. Das Stammwerk in Fremont ist strategisch wichtig, das Herz des Unternehmens. Es ist neben dem neuen Werk in Shanghai die einzige Auto-Fertigungsstätte von Tesla. In China wird das Model 3 für den asiatischen Markt gefertigt, die Produktion des neuen Model Y wird gerade hochgefahren.

Im Werk von Fremont, das Musk vor ziemlich genau zehn Jahren Toyota zum Schnäppchenpreis von 42 Millionen Dollar abkaufte, werden hingegen alle Tesla-Modelle gefertigt, also auch Model S und Model X und seit Ende Januar auch das Model Y. Gerade das Model Y ist der neue große Hoffnungsträger, eine höher gelegte Limousine mit viel Stauraum. Solch ein SUV ist momentan in vielen Teilen der Welt die populärste Fahrzeugklasse. Mit Hilfe des Model Y möchte Musk das selbstgesetzte Ziel erreichen, in diesem Jahr mindestens eine halbe Million Teslas weltweit auszuliefern. Jeder Tag, in dem in Fremont die Fertigungslinien brach liegen, verhindert das, kostet Geld und Einnahmen.

Musk ist dafür berüchtigt, dass er schnell mal Mitarbeiter auf der Stelle feuert. Aber kann er das mit dem Staat Kalifornien tun, in den der gebürtige Südafrikaner Mitte der Neunzigerjahre zog und vom nahezu mittelosen Doktoranden für Physik zu einem der reichsten Männer der Welt aufstieg? Und nun ausgerechnet Texas seine Gunst erweist? Jenem Staat, der - ganz im Gegensatz zu Kalifornien - Elektroautos seit vielen Jahren Steine in den Weg legt, auch um seine Ölindustrie zu schonen? Klar, Musk kann das. Es nennt sich unternehmerische Freiheit. Doch diesmal dürfte es ihn auch bei Wohlmeinenden Sympathien kosten.

Sicherlich, vielleicht zieht er ja nur eine ähnliche Taktik wie mit seinem neuen Werk in Brandenburg durch. Dass das erste europäische Tesla-Werk in Deutschland errichtet wird, hängt auch damit zusammen, dass Musk so nicht nur geschickt Talente bei der etablierten Konkurrenz vor Ort abwerben will. Sondern auch die Herzen der Deutschen und den wichtigsten Automarkt Europas für sich gewinnen möchte. Will er sich nun bei den Texaner einschmeicheln? Vielleicht als Abnehmer für seinen panzerförmigen Cybertruck?

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es nur einer seiner unkontrollierten Wutausbrüche ist. Denn diesmal ist er nicht geschickt vorgegangen, sondern sogar dämlich. Schon die Wahl des Opfers, das er als „ignorant“ verunglimpfte, wird ihn Sympathien kosten. Erica Pan, die Gesundheitsbeauftragte von Alameda County, ist keine dröge Bürokratin, sondern Professorin für Infektionskrankheiten an der Universität von Kalifornien in San Francisco. Vor allem aber ist sie praktizierende Ärztin am Kinderhospital in Oakland, behandelt dort Kinder gegen Infektionskrankheiten. Sie taugt nicht als Sündenbock. Ignorant, also unwissend, ist sie mit Sicherheit nicht.



Egal wie man zu den Corona-Beschränkungen steht, was Musk hier tut, ist Erpressung. Wenn die Behörden in Alameda ihm jetzt eine Ausnahmegenehmigung erteilen, sieht es so aus, als ob sie dieser nachgeben. „Kapitalismus in seiner schlimmsten Prägung“, kritisiert der frühere Arbeitsminister Robert Reich, der im nahen Berkeley unterrichtet, Musks Taktik.

Es ist auch für Musk gefährlich. Wenn nach Anfahren der Produktion bei Tesla Covid-19 Fälle gehäuft auftreten sollten und damit stärker in Alameda County, wird er dafür verantwortlich gemacht und verklagt werden.

Musk scheint das Risiko für gering zu halten. Vielleicht hat er sogar Recht. Doch sein Ruf ist beschädigt. Seine Verhaltensweise ist auch kein gutes Zeichen für das Werk in Deutschland. Wird er dieses verlegen, wenn ihm eine behördliche Auflage nicht passt oder ein Politiker nicht nachgibt? Polen ist ja nur eine Autostunde weg. Musk ist fast 50. Man sollte meinen, dass er inzwischen erwachsen ist.

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