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Musks Elektroautopionier Frisierte Unfallbilanz? US-Behörde ermittelt bei Tesla

Tesla: US-Behörde ermittelt wegen geschönten Unfallstatistiken Quelle: REUTERS

Elon Musks Autobauer Tesla drohen Ermittlungen wegen möglicherweise geschönten Unfallstatistiken. Die zuständige US-Behörde für Fragen der Arbeitssicherheit hat eine Untersuchung eingeleitet.

Der Elektroautobauer Tesla ist nach Vorwürfen wegen angeblich geschönter Unfallstatistiken ins Visier von US-Aufsehern geraten. Es sei eine Untersuchung eingeleitet worden, teilte die für Fragen der Arbeitssicherheit zuständige Behörde des US-Bundesstaats Kalifornien am Mittwoch mit. Man nehme die Berichte über Gefahren am Arbeitsplatz sehr ernst, sagte eine Sprecherin. Das gleiche gelte für Anschuldigungen, arbeitsbedingte Verletzungen und Erkrankungen nicht im wahren Ausmaß gemeldet zu haben.

Hintergrund: Am Montag hatte die zur US-Medienorganisation Center for Investigative Reporting gehörende Website „Reveal“ unter Berufung auf Mitarbeiter berichtet, Tesla habe schwerwiegende Verletzungen in seiner Fabrik im kalifornischen Fremont absichtlich in Unfallstatistiken unterschlagen. Das Unternehmen von Tech-Milliardär Elon Musk wies den Vorwurf in einem Firmen-Blog entschieden zurück. Tesla sprach von einer gezielten „Desinformations-Kampagne“, hinter der die Interessen der Autogewerkschaft UAW steckten.

Im vergangenen Jahr wurden mehrere Berichte über die harten Arbeitsbedingungen in der Tesla-Fabrik in Fremont publik. Der britische „Guardian“ schrieb im Mai 2017 unter Berufung auf interne Dokumente, dass im Tesla-Werk seit 2014 mehr als 100 Mal der Notarzt gerufen wurde. Mitarbeiter seien in Ohnmacht gefallen oder hätten über Schwindel, Atembeschwerden oder Schmerzen in der Brust geklagt. Zudem soll es weitere Fälle gegeben haben, in denen Ärzte wegen Verletzungen gerufen worden seien. „Ich habe Menschen gesehen, die ohnmächtig wurden, wie ein Pfannkuchen zu Boden fielen und sich das Gesicht aufschlugen“, zitiert der „Guardian“ einen Tesla-Beschäftigten. „Man hat uns danach aufgetragen, einfach um ihn herum weiterzuarbeiten, während er noch am Boden lag.“

Musk zeigt Verständnis für die Angestellten. „Meine Arbeiter haben eine harte Zeit, arbeiten stundenlang“, sagte der Tesla-Chef der Zeitung. Er beteuerte zudem, dass er sehr um die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Mitarbeiter besorgt sein. Zudem hätten sich die Sicherheitsbedingungen im Werk im vergangenen Jahr erheblich verbessert. Laut älteren Zahlen der kalifornischen Organisation Worksafe aus dem Jahr 2015 lag die Zahl der Verletzungsfälle in Fremont 31 Prozent über dem Industrieschnitt. Bei schweren Verletzungen sei die Rate sogar um die Hälfte über dem Schnitt.

Musk will die Produktion schnell hochfahren

Erst gestern veröffentlichte ein US-Blog eine interne E-Mail, in der Musk seien Mitarbeiter darüber informierte, dass Tesla im Mai auf 3000 bis 4000 Fahrzeuge pro Woche und bis Ende Juni auf 6000 Model 3 pro Woche produzieren soll. Die Ausdrucksweise Musks machte seinen Druck und seine Haltung gegenüber Mitarbeitern und Zulieferern deutlich: Jede Abteilung und jede Zulieferfirma die damit überfordert seien, bräuchten eine „sehr gute Erklärung“ und einen „Plan zur Lösung des Problems“, der Musk persönlich zu unterbreiten sei. Die Verträge mit Zulieferern, die es binnen dieser Woche nicht schaffen, Teslas „Exzellenz-Anforderungen“ zu erfüllen, würden am Montag gekündigt.

Tesla und seine Verfolger
Tesla Model 3 Quelle: dpa
Nissan Leaf Quelle: AP
Jaguar i-Pace Quelle: Jaguar
Audi e-tron quattro concept Quelle: dpa
Mercedes Concept EQ Quelle: AP
Mercedes Concept EQ-A Quelle: Daimler
Volkswagen I.D. concept Quelle: AP

Der Tesla-Chef äußerte sich auch zum vorübergehenden Fertigungsstopp, der am Vortag bekanntgeworden war. Die drei- bis fünftägige Produktionspause in Teslas Autofabrik im kalifornischen Fremont und in der Gigafactory in Nevada sei nötig, um umfassende Aufrüstungen für die geplante Produktionsoffensive vorzunehmen. Musk hatte jüngst eingeräumt, dass die Fertigung des Model 3 auf sein Betreiben hin zu stark automatisiert worden sei, was das Hochfahren der Produktion verlangsamt habe. Die E-Mail gibt einen seltenen Einblick in den Führungsstil von Musk. Als „Empfehlungen“ für produktiveres Arbeiten ruft er die Mitarbeiter unter anderem auf, weniger Zeit in Beratungen zu verbringen. „Verlassen Sie ein Meeting oder eine Telefonkonferenz, sobald klar wird, dass Sie dort keinen Beitrag leisten. Es ist nicht unhöflich, rauszugehen, es ist unhöflich, jemanden bleiben zu lassen und deren Zeit zu verschwenden.“ Die Mitarbeiter sollten sich auch von gesundem Menschverstand leiten lassen. „Wenn es in einer bestimmten Situation lächerlich wäre, einer „Firmenregel“ zu folgen, muss die Regel geändert werden.“

Tesla setzt große Hoffnungen auf das Model 3, das der Firma den Weg von der Nische in den Massenmarkt ebnen soll. Bislang wurde der Zeitplan beim ersten Tesla-Mittelklassewagen aber massiv verfehlt. Musk wollte die Produktion eigentlich bereits zum Ende 2017 auf 5000 Wagen pro Woche gebracht haben. Dieses Ziel wurde später auf Ende Juni verschoben. Ende März schaffte Tesla nach einer großen Anstrengung gut 2000 Stück wöchentlich. Das Unternehmen bekam über 400.000 Reservierungen für den Wagen. Das Model 3 wurde mit einem Grundpreis von 35.000 Dollar vor Steuern und Elektroauto-Vergünstigungen angekündigt. Bisher verkauft Tesla aber besser ausgestattete teurere Versionen.

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