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Nach deutlicher Kritik von VW-Chef Diess Wie Politiker und andere Autohersteller zum Wasserstoff-Antrieb stehen

Herbert Diess VW Quelle: AP

Am Rande der IAA machte VW-Chef Herbert Diess unmissverständlich deutlich, was er vom Wasserstoff-Antrieb hält: „Das ist einfach Unsinn“, so Diess. Doch Konkurrenten und Bundesminister sehen das ganz und gar anders.

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Sichtlich gut gelaunt und unter Showeffekten stellte Herbert Diess am Abend vor dem ersten Tag der IAA in Frankfurt den ID.3 von VW vor. Der bedeutet für den Konzern nichts weniger als den Einstieg ins Elektrozeitalter. Diess hat sich auf den Elektromotor eingeschossen – und zwar klipp und klar. Nur zwei Tage nach der Präsentation äußerte er sich in einer Gesprächsrunde mit Journalisten, in der auch die WirtschaftsWoche vertreten war, überaus kritisch zum konkurrierenden Wasserstoffantrieb, an dem unter anderem sein ehemaliger Arbeitgeber BMW arbeitet.

Auf der IAA stellte der Münchner Autobauer nämlich den „BMW i Hydrogen Next“ vor. Dabei handelt es sich um einen auf Wasserstoffantrieb umgerüsteten BMW X5, ein SUV. In den kommenden drei Jahren will BMW eine Testflotte mit diesem Fahrzeug aufbauen. Angesprochen auf diese IAA-Präsentation von BMW lachte Diess und sagte: „Das machen die?“ Er sei sich „sehr sicher“, dass das Wasserstoffauto in den kommenden zehn Jahren keine relevante Option für den Antrieb von Autos sei, so Diess. Mit Blick auf japanische Autohersteller, die den Wasserstoffantrieb stark unterstützen, sagte Diess: „Also dass man Wasserstoff aus Braunkohle herstellt und mit Schiffen nach Japan transportiert und dort in Autos füllt, das ist einfach Unsinn.“

Die Äußerungen des VW-Chefs und die Meldung der WirtschaftsWoche dazu haben für Aufsehen gesorgt – nicht nur in der Automobilbranche. Vor allem in der Politik ist der Wasserstoff in den letzten Wochen im Rahmen der Klimadebatte zu einem bedeutenden Thema geworden. In Berlin und anderswo ist man ganz anderer Meinung als in der Chefetage des größten Automobilherstellers der Welt.

Kritik kommt etwa von einem Politiker, der eine große Nähe zu VW vorzuweisen hat, da er als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat sitzt. Am Tag nach den Äußerungen des VW-Chefs hat SPD-Politiker Stephan Weil Diess in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“ widersprochen: „Als Kraftstoff in Verbindung mit Brennstoffzellen könnte Wasserstoff die Mobilität umkrempeln“, schreibt Weil dort. Wenn man nach einem archimedischen Punkt bei der Energiewende suche, „Wasserstoff könnte ihn darstellen“, so Weil. „Die Wasserstoffwirtschaft muss gezielt gefördert werden.“

Eine nationale Wasserstoff-Strategie

Ähnlich klingt die Position von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek: Sie wolle das Thema Wasserstoff im Klimakabinett am 20. September „zu einem der Schwerpunktthemen machen“, sagte die CDU-Politikerin in der vergangenen Woche in Berlin und beschrieb den Wasserstoff gar als „zentralen Energieträger der Zukunft“. Das von ihr geführte Forschungsministerium will gemeinsam mit dem Wirtschafts- und dem Verkehrsministerium bis Dezember die „Nationale Wasserstoffstrategie“ vorlegen. Kostenpunkt: mehrere Hundert Millionen Euro. Die Politik scheint an Wasserstoff zu glauben.

Auch deshalb kürte Verkehrsminister Andreas Scheuer neun deutsche Regionen zu sogenannten „Wasserstoffregionen“, die er nun fördern will – etwa Rügen-Stralsund oder den Landkreis Schaumburg. „Wir wollen lieber heute als morgen klimafreundlich unterwegs sein. Wasserstoff-Mobilität erfüllt genau das: Tanken in drei Minuten mit einer Reichweite von 500 bis 700 Kilometern“, kommentierte Scheuer die Initiative.

Herbert Diess hingegen kritisierte auf der IAA weiterhin: Werde Wasserstoff getankt, der bei Produktionsprozessen als chemisches Abfallprodukt entstanden sei, dann sei dieser Wasserstoff „nicht CO2-frei“ und habe „zum Teil eine höhere CO2-Last als konventionelle Kraftstoffe“ wie Benzin oder Diesel, so der VW-Chef. Wenn man dagegen den Wasserstoff regenerativ produziere, dann sei man auf eine „sehr ineffiziente“ Herstellungsmethode angewiesen, die viel Strom verbrauche. Für die gleiche gefahrene Strecke brauche man deshalb „drei Mal so viele Windmühlen“, also drei Mal so viel regenerativ erzeugten Strom.

Genau an dieser Problematik will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier arbeiten und den „grünen Wasserstoff“ von einem Nischenprodukt in den industriellen Maßstab führen. Beim grünen Wasserstoff handelt es sich um Wasserstoff, der mit Ökostrom etwa aus Wind- oder Solaranlagen klimaneutral produziert wurde. Grüner Wasserstoff solle „inländisch in industriellem Maßstab baldmöglichst produziert werden“, heißt es laut „Handelsblatt“ in einem Papier aus Altmaiers Ministerium, das die Rolle gasförmiger Energieträger in den Sektoren Verkehr, Industrie, Gebäude und Stromerzeugung skizziere.

Wasserstoff in der Branche angelangt

Nicht nur die Politik setzt auf den Wasserstoff. Auch Automobilhersteller tun das. Toyota ist mit seinem Mirai – dem laut eigener Aussage „ersten Wasserstoffauto in Serie“ – der prominente Pionier auf diesem Feld. Doch auch Audi, seit mehr als fünfzig Jahren Tochter des VW-Konzerns, arbeite in Neckarsulm trotz der Kritik von Diess weiterhin am Wasserstoffantrieb, bestätigte eine Sprecherin des Unternehmens dem SWR. Und das, obwohl der Ingolstädter Hersteller recht genau wissen dürfe, was Diess von Wasserstoff hält und seine Meinung schätzen müsste, ist Diess als VW-Chef doch Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi.

Abgesehen von den entgegengesetzten Meinungen aus Politik und Automobilindustrie, ist die Meinung des VW-Chefs keinesfalls unpopulär. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte und Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen teilt die Einschätzung von Herbert Diess. „Wenn ein Hersteller im Pkw-Markt in den nächsten zehn Jahren verlieren will, dann sollte er voll und ganz auf Wasserstoff setzen“, sagte Dudenhöffer der WirtschaftsWoche noch im April. Das sei „hoffnungslos.“ Und weiter: „Um ein heutiges Wasserstoffauto, das sich auf dem Niveau eines Golfs befindet, von 80.000 Euro in die preisliche Klasse eines vergleichbaren Elektroautos zu bringen, braucht es sicherlich zwanzig Jahre“, schätzt Dudenhöffer.

Und nicht umsonst hat sich Peter Altmaier so vehement für eine Förderung von Batteriefabriken in Deutschland ausgesprochen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz von der SPD etwa befürwortet eine Verlängerung der E-Auto-Förderung um zehn Jahre. Welcher Antrieb sich für Fahrzeuge wirklich langfristig durchsetzen wird, ist also noch nicht ausgemacht – außer wenn es nach Herbert Diess geht.

Mehr zum Thema: Die Regierung will mit Wasserstoffautos die Verkehrswende schaffen – und dazu die fragwürdige Subventionierung der hoch profitablen Branche sogar forcieren. Dabei stecken die Autobauer das viele Geld in zweifelhafte Projekte.

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