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Nachruf Mit Marchionne geht ein rastloses Genie

Nachruf: Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne verstorben Quelle: AP

Der verstorbene Fiat-Chef war ein genialer Sanierer. Er verband Fiat mit Chrysler und schuf einen rentablen Konzern. Seine Nachfolger müssen nun tun, was Marchionne nicht mehr gelang: eine Zukunftsperspektive schaffen.

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Sergio Marchionne war einer von den wirklich Lebendigen in den obersten Etagen der Autoindustrie. Unangepasst, humorvoll, seine Muratti-Zigaretten in Kette rauchend, angriffslustig, querdenkend. Er war ein schlauer Finanzjongleur, der nicht so sehr Benzin im Blut hatte, dafür aber sehr viel Espresso. Wo Marchionne war, war es unterhaltsam und lehrreich. Sogar die Pressekonferenzen, die bei anderen Herstellern langweilige Inszenierungen sind, waren mit Marchionne anders. Fiat Chrysler war immer für eine Überraschung gut.

Es erscheint paradox, dass so einer nun für immer ruht. Wenn ein so Rastloser geht, bleibt ein unvollendetes, großes Werk zurück: Fiat Chrysler Automobiles (FCA), dieser in den vergangenen Jahren eilig, aber mit größter Kostendisziplin zusammengeschusterte Verbund eines angeschlagenen amerikanischen und eines angezählten italienischen Autoherstellers, ist nur auf den ersten Blick ein intaktes Unternehmen. Was fehlt, ist eine echte Perspektive.

Gewinne sind da, starke Modelle und attraktive Marken auch. Das ist der historische Verdienst des genialen Sanierers Marchionne. Aber unter dem schönen Marketing-Lack arbeitet nicht selten Technik von gestern. Richtig düster wird es bei der Technologie von morgen: In den Entwicklungslaboren des Konzerns herrscht Leere, wenn man Insidern glauben darf. Selbstfahrende Autos, Elektroantriebe, Batteriezellforschung, Informationstechnologie – mit der automobilen Zukunft ist Fiat Chrysler noch stärker überfordert als zum Beispiel die Konkurrenten in Wolfsburg, München und Stuttgart.

Natürlich hat Marchionne das gewusst und er hat es offen gesagt. Angesichts der großen technologischen Herausforderungen müssten sich die Autokonzerne zu noch größeren Einheiten zusammenschließen, so warb er bei jeder Gelegenheit um neue Partner. Recht hatte er, aber sein Balzen blieb erfolglos. Derart verzweifelt war er zwischenzeitlich, dass er sein Unternehmen GM-Chefin Mary Barra kurzerhand per E-Mail andiente.

Fiat und Chrysler waren technologisch schon verarmt, bevor sie sich zusammentaten. Doch Marchionne hat mit dem gewuchert, was er bei den Unternehmen vorfand: Starke Marken mit einem Händchen dafür, auch mit einfacher Technik attraktive Autos zu zaubern, sowie einer starken Position der Chrysler-Marken in den USA. Diese Stärken, garniert mit dem Kostenbewusstsein und den buchhalterischen und steuerlichen Winkelzügen des Finanzexperten Marchionne, machten FCA profitabel – und zu einem perfekten Partner für einen Konzern, dem es an Marken und Marktzugang fehlt, nicht aber an eigener Innovationskraft.

Fiat wird ein Drama bleiben

Marchionne war es nicht mehr vergönnt, FCA mit einem solchen Partner zu verheiraten. Er lässt einen unfertigen Konzern mit einer ungewissen Zukunft zurück. Fiat war und bleibt auch, so ist zu befürchten, ein Drama. Dieses Drama erinnerte die WirtschaftsWoche schon 2014 so sehr an eine italienische Oper, dass sie das Ringen um den Autobauer als eine solche erzählte.

Letzter Akt, „Die Erlösung“:

DAS BÜHNENBILD ZEIGT DAS FIAT-WERK IN MELFI IN DER SÜDITALIENISCHEN PROVINZ BASILIKATA. MARCHIONNE STEHT MIT DEM RÜCKEN AN EINEM FIAT 500 UND LÄCHELT. ZWISCHEN DEN AUTOS SPAZIERT ELKAN AGNELLI, ENKEL DES FIAT-GRÜNDERS GIOVANNI AGNELLI UND SPRECHER DER FAMILIE, DIE HEUTE NOCH 30 PROZENT AM KONZERN HÄLT. SÜDITALIENISCHE SONNE TAUCHT DIE POLIERTEN KAROSSEN IN GLEIßENDES LICHT. AUF DIE BÜHNE TRITT DER CHOR DER INVESTOREN. DAS ORCHESTER INTONIERT DAS MELODRAMATISCHE VORSPIEL AUS LA TRAVIATA.

Du hast uns die Taschen voll gemacht, Marchionne! Dafür danken wir sehr. Die Börse preist dich für deine Vision. Doch warum nur, warum willst bald geh'n?  Machst dich vom Acker, hast selbst gut verdient, deinen Abschied versüßt. Was soll mit Fiat-Chrysler gescheh'n?

Agnelli stoppt den Chor der Investoren und wendet sich an Marchionne: Du hast deine Schuldigkeit getan, du darfst gehen. Genug Nachfolger stehen bereit. Gehe nur, geh, arrivederci und ciao!

Marchionne dreht sich dem Publikum zu, die Hand auf dem Herzen: Ich habe Fiat einmal gerettet, ein zweites Mal will ich es nicht. Er nimmt den Lorbeerkranz ab, legt ihn auf ein rotes Samtkissen und tritt ab.

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