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Nachruf "Johanna Quandt gab BMW Rückhalt"

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Vorreiter im Umgang mit der NS-Vergangenheit

Völlig unvorbereitet traf die Matriarchin und ihre Familie aber die investigative Auseinandersetzung der Medien mit der Quandt-Dynastie. Die NDR-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ erhob den Vorwurf, der Reichtum der Familie beruhe auf der Ausbeutung von Zwangsarbeitern in der Zeit des Dritten Reichs.

Unter dem medialen Druck, der den Quandt-Preis plötzlich als umstrittene Ehrung erscheinen ließ, entschlossen sich die Quandts, eine unabhängige historische Aufarbeitung in Auftrag zu geben. Heraus kam, dass das Firmenimperium „zu den Komplizen und Profiteuren des NS-Regimes“ zählte, resümierte der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck, der die Geschichte der Unternehmerdynastie erforschte und dazu vor vier Jahren das Buch „Der Aufstieg der Quandts“ vorlegte.

Im Interview mit der WirtschaftsWoche erklärte Scholtyseck Zusammenhänge, die die Quandts bis dahin verschleiert hatten: „Ohne Zweifel“ sei die Familie in den Dreißigerjahren und im Zweiten Weltkrieg vor allem durch Rüstungsinvestitionen „erheblich reicher“ geworden. In diesem Zeitraum seien „bis zu 57.000 Zwangsarbeiter“ eingesetzt worden, zu denen rund 3700 KZ-Häftlinge gehörten.

Sie mussten unter oft qualvollen Umständen in den Chemie- und Rüstungsfabriken der Quandts arbeiten. Sowohl der damalige Unternehmenschef Günther Quandt als auch sein Sohn Herbert, der noch gegen Ende des Krieges ein KZ-Außenlager im schlesischen Sagan plante, hätten vom Einsatz der Zwangsarbeiter gewusst und trügen Verantwortung dafür.

Treibende und Getriebene

Dass die vierte Generation der Familie Quandt ihre Firmenarchive der Forschung dauerhaft öffnete, würdigte Scholtyseck als Indiz für ein „ernsthaftes Umdenken“. Er forderte Unternehmerfamilien wie „die Oetkers, Brenninkmeyers und Boehringers“ auf, ihre eigene Historie ebenso „ungeschönt“ zur Kenntnis zu entnehmen – „mit ihren guten und schlechten Seiten“.

Selbst weltläufige Konzerne wie der Autobauer Audi konnten sich erst Jahre nach den Quandts zu einer fundierten Anerkennung ihrer historischen Verantwortung für Zwangsarbeit und für den Tod tausender vor allem jüdischer KZ-Häftlinge durchringen.

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Johanna Quandt allerdings war wohl nicht treibende Kraft dieses Umdenkens, eher Getriebene. An Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Familienvergangenheit, im Sommer 2010, beklagte sie, wie belastend die Situation sei und zeigte nicht allzu viel Verständnis für die öffentliche Debatte um die Familienvergangenheit. Allerdings hatten sie und der Rest der Familie zu diesem Zeitpunkt die Weichen für eine umfassend Aufarbeitung bereits gestellt.

Johanna Quandt wurde also, was sie vermutlich nie werden wollte: Protagonistin des späten Muts zur historischen Wahrheit.

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