Neue City-SUV Abenteuer im Großstadtdschungel

Audi Q2, Peugeot 2008 oder Opel Mokka X: Die SUV-Welle überrollt die Großstädte, Cabrios werden zum Ladenhüter. Warum nur wollen alle die spritdurstigen Giganten, die in keine Parklücke passen?

City-SUV statt variabler Familien-Crossover: Peugeot hat die Zeichen der Zeit erkannt und verkauft den neuen 2008 direkt als City-SUV. Quelle: Peugeot

Da stehen sie wieder, Stoßstange an Stoßstange und Tür an Tür: Ein tiefschwarzer Porsche Macan hinter einem silbernen BMW X3. Auf der anderen Straßenseite hat sich ein Land Rover Evoque neben einem Audi Q3 in eine Parklücke gequetscht. Wie die Fahrer wieder hinter ihr Lenkrad kommen wollen ohne sich das Kreuzband zu reißen oder das Blech anderer Karossen kalt zu verformen, bleibt ihr Geheimnis.

Es ist Mittagszeit, die Sonne scheint. Viel Geduld braucht, wer jetzt noch entlang der Düsseldorfer Königsallee einen Parkplatz sucht. Im Jagdrevier der Power-ShopperInnen herrscht reger Verkehr, auch auf den Zubringerstraßen geht es nur im Schritttempo voran. Da ist es gut, die Übersicht zu behalten. Das ist sicherlich ein Grund, warum die Neuzulassungen von Cabriolets stetig sinken und die Nachfrage nach den so genannten SUV auch hierzulande boomt.

So sehr, dass die Hersteller kaum mit der Produktion hinterherkommen: Seit Jahresende wurden in Deutschland nach den Statistiken des Kraftfahrtbundesamtes rund 280.000 SUV und Geländewagen neu zugelassen, über 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der kompakten SUV wuchs allein im Mai mit fast 40 Prozent.

Liebling, ich habe das SUV geschrumpft
Peugeot 2008 Quelle: Peugeot
PEugeot 3008 Quelle: Peugeot
Audi q Quelle: Audi
Range Rover Quelle: Land Rover
Jaguar F-Pace Quelle: Jaguar
Opel Mokka X Quelle: Opel
Mazda Quelle: Mazda

Der nagelneue und bereits vielgelobte VW Tiguan spielte dabei noch nicht einmal eine große Rolle – das Modell kam erst Ende April in den Handel und hat jetzt schon Lieferzeiten von bis zu sechs Monaten. Und das Modellangebot auch anderer Hersteller wird in den kommenden Monaten noch kräftig wachsen – um den neuen Seat Ateca, den neuen Peugeot 2008 und den neuen Ssangyong XLV (Verkaufsstart in diesen Tagen), den neuen Audi Q2 (Verkaufsstart im November), oder den Skoda Kodiac (Verkaufsstart im Frühjahr 2017). Vom Jaguar F-Pace ganz zu schweigen: Das erste SUV der britischen Edelmarke hat im Mai einen fulminanten Start hingelegt und mit über 3000 verkauften Fahrzeugen einen neuen Absatzrekord für ein neues Jaguar-Modell hingelegt.  

Von der Landplage zum Großstadt-Phänomen

Nach neuen Cabriolets kräht in diesem Sommer kaum ein Mensch mehr, nach SUVs recken sich die Hälse – das verstehe, wer will. Die Fahrzeuggattung wurde einst erfunden, um Cowboys und Könige einigermaßen komfortabel durchs unwegsame Gelände und über schlechte Straße zu transportieren, allradgetrieben und idealerweise luftgefedert. Wie man aus dem Wilden Westen hört, ist die Zahl der Cowboys in den letzten 50 Jahren deutlich zurückgegangen. Und neue Königreiche sind auch nicht entstanden. Dafür sind die SUV erst zur Landplage geworden und breiten sich nun auch in den Städten immer stärker aus.

Audi schrumpft den Q3
Wenn es bei all den Zukunftsthemen Elektroauto, Connectivity und autonomen Fahren einen Trend in der Autobranche gibt, dann ist es der SUV-Boom. Alleine in Deutschland wurden 2015 knapp 600.000 der halbwegs geländegängigen Fahrzeuge verkauft – ein Plus von 13,3 Prozent zum Vorjahr. Getrieben wurde dieses Wachstum nicht nur von immer neuen Kompakt-SUV und großen Geländewagen, sondern vor allem von Mini-SUV. Quelle: Audi
In der Zulassungsstatistik des Kraftfahrtbundesamts sind der Opel Mokka (+ 12,1 Prozent) und der Renault Captur (+ 18,9 Prozent) die großen Gewinner. Wer bislang bei einer der Premiummarken ein Mini-SUV gesucht hat, wurde nicht fündig – unterhalb der Kompakten Audi Q3, BMW X1 und Mercedes GLA gab es kein Angebot. Das holt Audi mit dem Q2 nach, der im März auf dem Genfer Autosalon seine Premiere gefeiert hat. Quelle: Audi
Um den hausinternen Abstand zum Verkaufsschlager Q3 zu wahren, hat Audi das Mini-SUV nochmals gekürzt. Mit 4,19 Metern ist der Q2 fast 20 Zentimeter kürzer. Er misst 1,51 Meter in der Höhe und ist 1,79 Meter breit. Der Radstand liegt bei 2,60 Meter – genau wie bei zweitürigen A3, auf dem er aufbaut. Im Gegensatz zu vielen anderen SUV, die mit ihrer Größe protzen, taugt der Q2 mit seinen kompakten Abmessungen eher für den Großstadtdschungel als das schwere Gelände. Quelle: Audi
Optisch hebt sich der Q2 von vielem ab, was derzeit bei den aktuellen Audi-Modellen üblich ist. Der große Singleframe-Kühlergrill ist zwar immer noch obligatorisch, aber anders geformt und wirkt somit frischer. Die in Kontrastfarbe lackierten Blades auf der C-Säule und die Heckleuchten hat man in dieser Form bei Audi noch nicht gesehen. Gerade die LED-Rücklichter waren bislang eher flach und zogen sich bis in die Heckklappe hinein. Quelle: Audi
Bei der S-Line-Ausstattung (links im Bild) fällt die Offroad-Beplankung dezenter aus. Hier stehen sportliche Elemente wie der angedeutete Diffusor am Heck oder der integrierte Dachspoiler im Vordergrund. Die Blades an der C-Säule sind aus auffälligem Aluminium gefertigt. Quelle: Audi
Auch an der Front hebt sich das S-Line-Modell von seinem Offroad-Bruder mit angedeutetem Unterfahrschutz ab – die robuste Ausstrahlung haben aber beide. Im Gelände wird man sie dennoch eher selten sehen. Die flachen Scheinwerfer arbeiten gegen Aufpreis mit LED-Technik. Quelle: Audi
Die Platzverhältnisse im Innenraum dürften ausreichend, aber nicht üppig werden. Im Gegensatz zu dem dreitürigen A3 wird es aber SUV-typisch etwas mehr Kopffreiheit geben. Quelle: Audi

Der französische PSA-Konzern zog daraus jetzt die Konsequenzen: Den neuen Peugeot 2008 tauften sie kurzerhand zum „City-SUV“. Audi verkauft seinen neuen Q2 als „urbanen Typen mit Ecken und Kanten“. Renault kann sich noch nicht so recht entscheiden und bewirbt sein Modell Captur noch als „Crossover für Stadt und Gelände“ – während Opel in der Fernsehwerbung den neuen Mokka von Fußballtrainer Jürgen Klopp wie von einem Halbstarken vom Grandhotel ins nächste Rapsfeld steuern lässt. Rein zum Spaß natürlich.

Dabei werden die meisten SUV in ihrem ganzen Autoleben wahrscheinlich ausschließlich Asphalt unter den Rädern haben und Abenteuer allenfalls im Großstadtdschungel erleben, beim Kampf um Parklücken und bei der Durchquerung von Fußgängerfurten. Peugeot bietet den neuen 2008 wie Mazda den CX-3 deshalb ausschließlich mit Frontantrieb an. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: Eine zusätzliche Antriebsachse würde nicht nur die Kosten deutlich erhöhen, sondern auch über die zu bewegenden Massen auch den Kraftstoffverbrauch weiter in die Höhe treiben.

SUV-Flut am Genfer See
VW T-Cross Breeze Quelle: Volkswagen
Audi Q2 Quelle: Audi
Skoda Vision S Quelle: Skoda
... bereits die Serienversion eines SUV auf dem Genfer Messestand. Der Ateca kommt als erstes SUV der Marke im Sommer in den Handel, die Preise starten bei 19.990 Euro. Der Ateca ist mit 4,36 Meter Länge etwas kürzer als der VW Tiguan und bietet 510 Liter Kofferraumvolumen (Allrad: -25 Liter). Er wird mit Benzin- und Dieselmotoren von 115 PS bis 190 PS und in Allrad- und Frontantriebsversionen mit Schalt- oder Direktschaltgetriebe (Doppelkupplung) angeboten. Gegen Aufpreis sind auch Voll-LED-Scheinwerfer, ein Stauassistent und ein modernes Infotainment-System erhältlich. Quelle: Seat
Borgward arbeitet fleißig am Comeback: Nach dem - auf der Frankfurter IAA gezeigten - großen BX7 stellt der deutsch-chinesische Autobauer in Genf den kompakten BX5 vor. Außerdem ist auf dem Messestand noch der BX6 TS, die Studie eines SUV-Coupés, zu sehen. Schon bei dem zweiten Modell aus der Feder von Design Director Roland Sternmann ist bereits eine Art Familien-Gesicht zu erkennen. Zumindest von außen, denn die Fenster sind abgedunkelt und die Türen bleiben in Genf noch verschlossen – den Innenraum will Borgward erst auf der Auto China Ende April in Peking zeigen. Quelle: Borgward
Ford zeigt in Genf den überarbeiteten Kuga. Er ist voraussichtlich ab Sommer bestellbar, die Markteinführung in Deutschland ist für Anfang 2017 geplant. Das Kompakt-SUV erhält das weiterentwickelte Kommunikations- und Entertainmentsystem Sync 3 mit App-Link und acht Zoll großem Touchscreen, das ab Sommer zunächst in anderen Baureihen Einzug hält. Das Notbremssystem Active City Stop wird ebenso erweitert wie der Parkassistent, der künftig auch Querlücken meistert. Ein 120 PS starker 1,5-Liter-Diesel ersetzt den bisherigen Zwei-Liter-Motor. Äußerlich bleibt es bei einigen leichten Retuschen an Front und Heck mit neuen Scheinwerfern und Rückleuchten. Quelle: Ford
Maserati will hoch hinaus: Neben den Sportwagen und Limousinen wird der Levante das erste SUV der Marke. Das neue Modell soll zusätzlich zu Quattroporte, Ghibli, Gran Turismo und Gran Cabrio angeboten werden. Die Produktion ist bereits angelaufen, da die Markteinführung in Europa noch für dieses Frühjahr geplant ist Die spitz zulaufenden Scheinwerfer der Frontpartie sind in zwei Einheiten unterteilt, wobei die obere mit dem Kühlergrill verbunden ist. Die Design-Handschrift von Maserati ist auch von der Seite deutlich erkennbar: die drei typischen Luftauslässe an dem vorderen Kotflügel, die trapezförmige C-Säule mit dem Saetta-Logo und die großen, rahmenlosen Seitenfenster. Das Heck wird von einer sehr schräg stehenden Heckscheibe und der Stromlinien-Kontur beherrscht. Der Levante  verbindet – wie bei SUV üblich –  On-Road-Fahreigenschaften mit gutem Handling auf schwierigem Untergrund und im Gelände. Alle Versionen verfügen über eine mehrfach einstellbare Luftfederung mit elektronischer Dämpferkontrolle, das intelligente Allradsystem Q4 und ein speziell auf den  Levante  abgestimmtes Acht-Gang-Automatikgetriebe.   Quelle: Maserati

Wegen der größeren Stirnflächen und entsprechend schlechter Luftwiderstandsbeiwerte sind SUV – auch in der kompakten Form – ohnehin keine Kostverächter. Wie Peugeot in seinem Prospekt freimütig einräumt, wurde der Durchschnittsverbrauch von 3,5 Liter Super beim 99 PS starken Spardiesel nur mit Hilfe besonders rollwiderstandsarmer Reifen und im beim amtlichen Messverfahren auf dem Rollenprüfstand erzielt – nach der Testfahrt durch Düsseldorf wies der Bordcomputer einen Wert von über 5 Litern aus.

Löblich ist neben dieser Ehrlichkeit auch das Bemühen der Franzosen, den Schadstoffausstoß der dieselgetriebenen Varianten so gering wie möglich zu halten – ganz ohne Thermofenster und andere Trickserien: Beide Diesel verfügen serienmäßig nicht nur über Rußpartikelfilter, sondern auch über ein aufwändiges SCR-System, bei dem durch die Einspritzung einer Harnstofflösung die Stickoxide im Abgas eliminiert werden. Der Tank für die AdBlue genannte Lösung fasst 17 Liter, so dass zwischen zwei Inspektionen im Normalfall nicht nachgetankt werden muss.

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