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Neuer VW-Chef Matthias Müller "Eigentlich bin ich kein Stratege"

Der Mann mit dem wahrscheinlich schwierigsten Job in der deutschen Industrie heißt Matthias Müller. Der Porsche-Chef aus Stuttgart steigt zum Volkswagen-Chef in Wolfsburg auf, wie der VW-Aufsichtsrat am Freitag beschloss. Aber es geht für ihn nur auf der Landkarte nach oben. Tatsächlich ist sein Wechsel an den Mittellandkanal ein Abstieg in die Manager-Hölle.

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Matthias Müller leitet nun den VW-Konzern. Quelle: dpa

Glücklich wirkt der neue Volkswagen-Chef nicht. Die Stimme von Matthias Müller ist angespannt und gedämpft, als er verspricht: "Wir können und werden diese Krise bewältigen".

Müller ist nun offiziell zum Vorstandschef von Volkswagen aufgestiegen und hat damit den vermutlich schwierigsten Job in der deutschen Industrie übernommen. Beäugt von der Weltöffentlichkeit, bedroht von Strafverfolgungsbehörden und auf Schadenersatz lauernden Anlegern und Autokäufern, belastet von Absatzproblemen des Konzerns rund um den Globus und bedrängt von den gebeutelten VW-Großaktionären und Mitarbeitern muss er in den kommenden Jahren versuchen, die VW-Karre aus dem Dreck zu ziehen.

Das ist Matthias Müller

Nicht Wenige in der deutschen Wirtschaft würden diesen Job beim 600.000-Mitarbeiter-Koloss VW – trotz zweistelligem Millionen-Salär – dankend ablehnen. Sein Chef-Dasein in der heilen Porsche-Welt in Schwaben wirkt dagegen wir ein Wellness-Urlaub. Dass Müller mit VW tatsächlich die Kurve kriegt, ist alles andere als sicher. Wenn nicht, kann er sich hinter seinem Vorgänger Martin Winterkorn in die lange Schlange der früher mal erfolgreichen, aber irgendwie dann doch abgestürzten Manager einreihen.

Zentrale Personalentscheidungen bei VW

Wer ist der Mann, der sich und seiner Frau Ulrike, die bei Audi im Design arbeitet, das antut?

"Matthias Müller ist eine Persönlichkeit von großer strategischer, unternehmerischer und sozialer Kompetenz", sagte der geschäftsführende VW-Aufsichtsrats-Vorsitzende Berthold Huber am Freitagabend. Der so Gelobte hat das zumindest in Teilen früher selbst anders gesehen.

Der 62-Jährige ist gelernter Werkzeugmacher und Diplom-Informatiker und verbrachte seine gesamte berufliche Laufbahn im VW-Konzern – erst im EDV-Bereich bei Audi, dann als Produktmanager des Audi A3 und als Chefkoordinator der Marken Audi, Seat und Lamborghini. 2007 wurde er Generalbevollmächtigter unter dem damaligen Vorstandschef Winterkorn und steuerte die Produktstrategie des gesamten Konzerns. Seit 2010 ist er Porsche-Chef.

Müller liebt schnelle Entscheidungen. Kaum hatte der Aufsichtsrat der Porsche AG Anfang Juli 2012 bekanntgegeben, dass der damals 57-Jährige den Vorstandsvorsitz beim Sportwagenhersteller übernehmen würde, hatte Müller auch schon den Mietvertrag für sein neues Heim unterschrieben. Als Nachmieter des zu Schalke 04 gewechselten Fußballmanagers Horst Heldt zog er in eine Wohnung im Promi-Viertel an der Stuttgarter Heusteige. Von dort aus ist es nur eine halbe Stunde bis nach Zuffenhausen, zur Firmenzentrale an der Porschestraße.

Wenn die Straße frei ist, schafft Müller die Strecke zur Arbeit auch in der Hälfte der Zeit. Dabei helfen seine Dienstwagen. Zum Amtsantritt in Stuttgart gönnte er sich einen Porsche Turbo S, der unter Autoexperten als besonders brachiale Variante der Vollgas-Ikone Porsche 911 gilt. Der 530 PS starke Sechszylinder im Heck des Coupés lässt die Tachonadel aus dem Stand heraus in nur 3,3 Sekunden auf die Marke von 100 Stundenkilometern schnellen, die Höchstgeschwindigkeit ist erst bei Tempo 315 erreicht.

Müller hat einen Hang zu schnellen Autos

Der Hang zu schnellen Autos wurde Müller in die Wiege gelegt. Er ist der Sohn von Siegfried Müller, Motorrad-Rennleiter der alten Auto-Union-Marke DKW und technischer Kommissar der DDR-Rennstrecke Sachsenring. Als Macher und risikofreudigen Entscheider sieht er sich, weniger dagegen als großen, klugen Strategen: „Eigentlich bin ich kein Stratege“, gab er nach dem Start bei Porsche im Gespräch mit der WirtschaftsWoche offen zu.

Die Strategen im Konzern seien Winterkorn und Ferdinand Piëch, der mächtige Großaktionär und damalige Vorsitzende des VW-Aufsichtsrats. „Ich habe nur Ideen in konkrete Pläne umgewandelt“, umschrieb seine Aufgabe als Produktplaner in Wolfsburg.

Doch Müller stapelt tief, wenn er sich selbst kein Händchen für kluge Strategien attestiert. Immer wieder durfte der Informatiker – Spezialgebiet: Systemanalyse – auch komplexe Projekte übernehmen. So fädelte er zusammen mit Ex-Innovationsvorstand Ulrich Hackenberg und Ex-Vertriebsvorstand Detlef Wittig 2009 die VW-Beteiligung an dem japanischen Kleinwagenhersteller Suzuki ein.

Seit einem Volontariat beim Miti, dem legendenumwobenen Ministerium für Internationalen Handel und Industrie, in den frühen Neunzigerjahren hat Müller gute Kontakte nach Japan. Dass die Kooperation in einem schmutzigen Scheidungskrieg endete, ist kaum Müllers Fehler. Das Klima wurde auf höchster Ebene – Winterkorn, Piëch, Suzuki-Vorstand – vergiftet.

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Gern hätte der Mann mit den auffällig blauen Augen und weißen Haaren schon vor dem Wechsel an die Porsche-Spitze die Verantwortung für das operative Geschäft einer der Konzernmarken übernommen, beispielsweise für Seat. Doch statt seiner wurde dann der Brite James Muir zum Aufräumen nach Barcelona geschickt. Müller, der sich bereits auf diese Aufgabe vorbereitet hatte, galt im März 2009 in Wolfsburg noch als unabkömmlich. Umso überraschter war der Winterkorn-Vertraute, als ihm der Konzernchef im Mai dieses Jahres plötzlich erklärte, dass er im Rahmen eines größeren markenübergreifenden Revirements als neuer Porsche-Chef vorgesehen sei: „Ich konnte es erst nicht glauben.“

Auto



Es folgte damals ein Besuch in Salzburg und ein einstündiges Gespräch mit Piëch. Wenige Tage später sickerte die Neuigkeit auch schon in die Öffentlichkeit und zu Porsche durch: Zwei Jahre nach der missglückten Übernahme von Volkswagen durch Porsche und dem nachfolgenden Rücktritt des damaligen Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking würde der Sportwagenbauer schon wieder einen neuen Vorstandsvorsitzenden bekommen.

Fünf Jahre später beerbt Müller nun Winterkorn. Einen gemütlichen Chef bekommen die Wolfsburger mit ihm nicht. Müller, der von Wegbegleitern als sportlich-robuster Typ und „sehr kantige Persönlichkeit“ beschrieben wird, geht Konflikten nicht aus dem Weg. Wenn es rappelt, so sagen Wegbegleiter, kann der ansonsten nahbare, kumpelhafte Typ auch zum Terminator werden. Menschen, die ihm im Weg stehen, müssen sich in Acht nehmen. Beim Eisstockschießen auf den Seen seiner geliebten bayrischen Heimat hat Müller gelernt, sich auf spiegelglattem Boden zu bewegen und gegnerische Stöcke mit präzisen Würfen aus dem Zielfeld zu stoßen.

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