Neuer VW-Lkw-Chef Renschler Mit der "Truck AG" zum Weltmarktführer

Ex-Daimler-Vorstand Andreas Renschler übernimmt Anfang Februar das Steuer der Nutzfahrzeugsparte im VW-Konzern. Der Hoffnungsträger steht dabei vor einer schwierigen Aufgabe.

Andreas Renschler will und muss das VW-Lkw-Geschäft umbauen Quelle: dpa

Der Volkswagen-Konzern ist auf dem besten Weg an die Weltspitze. Bereits 2015, drei Jahre früher als geplant, könnten die Wolfsburger Toyota als größten Autobauer der Welt ablösen. Für VW-Boss Martin Winterkorn ist es Glück, dass in dieser Statistik nur Autos sowie leichte Nutzfahrzeuge zählen und die schweren Lkws außen vor bleiben. Denn in diesem Feld hat VW enormen Nachholbedarf.

Zum Konzern gehören mit MAN und Scania zwar zwei Schwergewichte der Branche, doch diese dümpeln im Konzernverbund weiter vor sich hin – eine gelungene Integration und Verzahnung wie in der Pkw-Sparte sieht anders aus. Das Nebeneinander von MAN, Scania und der auf leichten Transportern spezialisierten Nutzfahrzeug-Sparte von VW (VWN) soll ein neuer Chef beenden: Am 1. Februar tritt der ehemalige Daimler-Manager Andreas Renschler seinen Dienst in Wolfsburg an.

Lkw-Hersteller stehen unter Kartellverdacht
LKW-Hersteller unter Kartellverdacht Quelle: dpa
Platz 10: Weichai Power - ShaanxiAbsatz: 104.100*Der chinesische Konzern Weichai Power ist bekannt für seine Dieselmotoren. Das Tochterunternehmen  Shaanxi Heavy-duty stellt die passenden schweren Lkw her und ist vierstärkster Hersteller auf dem chinesischen Markt. Mit dem Getriebehersteller Shaanxi Fast Gear ist Weichai sogar Marktführer in China. *Weltweite Verkaufszahlen für das Jahr 2013, Fahrzeug über 6 Tonnen GVW, ausgenommen sind Busse und Off-Highway Lkw (Construction, Mining, Military etc.). Quelle: IHS Automotive Quelle: Presse
Platz 9: TataAbsatz: 133.000Dem indischen Industriekonzern gehören über 100 verschiedene Firmen, darunter auch die britische Sportwagen- und Offroader-Schmiede Jaguar-Land-Rover. Tata setzt seine Trucks nahezu vollständig in China und der Asien-Pazifik-Region ab. Quelle: Presse
Platz 8: BAIC - FotonAbsatz: 136.600Die Bejing Automotive Industry HoldingBAIC ist ein chinesischer Staatskonzern, der mehrere Auto- und Industrieunternehmen besitzt. In Deutschland ist der Name manchen durch die Kooperation mit Daimler ein Begriff. Schwaben und Asiaten kooperieren unter der Marke Bejing Foton Daimler in China auf dem Markt für schwere Nutzfahrzeuge - mit großem Erfolg (siehe Daimler). Quelle: Presse
Platz 7: Paccar Absatz: 139.200Paccar zählt zu den größten Herstellern auf dem US-Markt. Der Hauptsitz ist Seattle, das Unternehmen ist im amerikanischen Aktienindex S&P 500 gelistet. 2012 legten die Amerikaner eine Ebit-Marge von 9,4 Prozent vor. Paccar ist aber nicht nur stark auf dem nordamerikanischen Markt. Die US-Trucks rollen auch über westeuropäische Straßen - dem zweitstärksten Markt für Paccar. Quelle: Presse
Platz 6: CNHTC - SinotrukAbsatz: 150.800Sinotruk ist mit rund 20 Prozent Marktanteil einer der führenden Hersteller schwere Lkw in China. Die Marke gehört zur China National Heavy Duty Truck Group - CNHTC. MAN baut gemeinsam mit dem chinesischen Schwergewicht unter dem Namen "Sintrak" Nutzfahrzeuge für Schwellenländern. Die Marke wurde 2013 gelauncht - die ersten Lkw sind auf chinesischen Straßen unterwegs. Quelle: Creative Commons - Kruglovsasha
Platz 5: Volvo TrucksAbsatz: 177 .200Derzeit noch die Nummer fünf am Markt. Zum Jahreswechsel beschloss der Lkw-Bauer die Produktion zu drosseln. Viele Kunden deckten sich noch mit den günstigeren Lkw der Abgasnorm Euro 5 ein. Diese Vorzieheffekte ließen die Nachfrage nach den neuen Euro-6-Lastern erstmal sinken. Doch die Schweden haben Großes vor – sie wollen zur Nummer eins auf dem Weltmarkt aufsteigen. Quelle: Presse
Platz 4: VW Absatz: 178.500Zu Volkswagen Trucks and Buses gehören Volkswagen-Nutzfahrzeuge sowie seit 2009 die Lkw-Marke MAN. Die verkaufte 2013 allein 140.333 Einheiten. Die Wolfsburger wollen auch noch den schwedischen Hersteller Scania schlucken. Doch die hält das Übernahmeangebot für zu niedrig. Quelle: Presse
Platz 3:  First Automotive Works FAWAbsatz: 180.800Der chinesische Konzern mit Hauptsitz in Chancun fertigt fast ausschließlich für den boomenden heimischen Markt. Dafür gibt es 19 verschiedene Produktionsstandorte hauptsächlich im Nordosten des Landes. Quelle: Gemeinfrei
Platz 2: Dongfeng Motor Corporation (DMC)Absatz: 246.400Der chinesische Hersteller ist noch eigenständig unterwegs, doch die EU hat bereits grünes Licht für die Übernahme von 45 Prozent der Anteile durch Volvo Trucks gegeben. Der Kaufpreis wurde mit 5,6 Milliarden Yuan angegeben, was rund 700 Millionen Euro entspricht. Die Schweden wollen durch die Fusion zum weltweit größten Lkw-Hersteller werden. Quelle: Presse
Platz 1: DaimlerAbsatz: 355 .000Die Stuttgarter führen unangefochten das Ranking der größten Lkw-Hersteller der Welt. Größter Markt ist Nordamerika, wo allein 134.000 Einheiten verkauft wurden. Das Europa-Geschäft machte 2013 Daimler wie auch MAN, Scania und Volvo zu schaffen. Wachstum erwarten die Schwaben vor allem in Asien und Südamerika. Dafür soll der Absatz der Tochtergesellschaften Fuso aus Japan und Bharat-Benz in Indien unter dem Dach von Daimler Trucks Asia bis 2020 um rund zwei Drittel auf mehr als 290.000 Fahrzeuge steigen. Weltweit will Daimler dann 700.000 Fahrzeuge verkaufen. Quelle: Presse

Der 56-Jährige gilt wie kaum ein Zweiter als Kenner des Lkw-Geschäfts. Wenn Autofans das sprichwörtliche Benzin im Blut haben, dann müsste es bei Andreas Renschler Diesel sein – der Treibstoff der Lkw-Branche. Aus diesem Grund sehen viele in Renschler den Hoffnungsträger, einige sprechen sogar vom „Retter aus dem Abendland“.

Nutzfahrzeugallianz soll Kräfte bündeln

Seit Renschler vor einem Jahr bei Daimler gekündigt hatte, ist er zwar aus der Öffentlichkeit verschwunden, hat aber keineswegs die Arbeit eingestellt. Sein – wenn auch wenig überraschender – Plan: Scania und MAN sollen enger verbunden, die Synergien zwischen den beiden Lkw-Bauern gestärkt werden. Es ergibt wenig Sinn, Lkw-Technik wie Dieselmotoren, Getriebe oder Komponenten an zwei Stellen im Konzern unabhängig voneinander zu entwickeln und produzieren.

Der von vielen favorisierte Ansatz: MAN, Scania und VWN sollen in einer Nutzfahrzeugallianz gebündelt werden. VW-Betriebsrat Bernd Osterloh stellt sich eine Holding unter VW-Dach vor, in deren Aufsichtsrat Arbeitnehmervertreter von MAN, Scania und VWN eine gewichtige Rolle haben. Ziel der neuen Organisation: Renschler soll sie vorbei am alten Arbeitgeber zum Lkw-Weltmarktführer machen.

Die Marktanteile der fünf größten Lkw-Marken

Dabei könnte Renschlers Vorgehen bei Daimler anno 2004 als Blaupause gelten: Statt eines großen Knalls zum Amtsantritt dürfte es eher einen ruhigen Übergang geben. Laut Medienberichten wird Renschler erst einmal die Standorte besuchen und den Leuten vor Ort zuhören.

Das Kalkül: Nur wer einen engen Draht zu den Betriebsräten in Konzern und Werken pflegt, kann den Umbau reibungslos umsetzen. Stellt sich der Betriebsrat quer, können die schönsten Pläne ins Stocken geraten. Bei Daimler brachte das Renschler zunächst den Ruf als „Zögerer“ ein, über die Jahre entstand aber ein schlagkräftiger Lkw-Bauer.

Lkw-Holding könnte nach Frankfurt umziehen

Eine kleine Duftmarke zum Antritt dürfte es aber dennoch geben: Einem Bericht zufolge will Renschler seine Nutzfahrzeug-Holding nicht am Wolfsburger Konzernsitz, sondern in Frankfurt aufbauen. Der Stab soll rund 50 Leute umfassen, nach denen intern wie extern gesucht werde. Die Holding werde so strukturiert und an den Restkonzern gehängt, dass sie bei Finanzbedarf relativ leicht an die Börse gebracht werden könne, heißt es in Konzernkreisen.

Wie auch immer die Holding genau strukturiert wird: Für Renschler wäre der Weg mit VW zum Weltmarktführer ein langer. In der Klasse über sechs Tonnen rangierte zuletzt Daimler vorne, gefolgt von Dongfeng (China). Klar dahinter lagen der VW-Konzern, FAW aus China und Volvo aus Schweden etwa gleich auf.

Die Branche wird sich zudem bis 2030 laut dem Beratungsunternehmen A.T. Kearney enorm wandeln: Gebe es heute nur die vier global agierenden Konzerne Daimler, VW, Volvo und Paccar aus den USA, dürften es in 15 Jahren sechs bis acht globale Gruppen sein, zwei bis vier davon aus Fernost.

Und in ein gemachtes Nest setzt sich Renschler wahrlich nicht. Die drei Säulen in Renschlers Reich sind zwar alle profitabel, doch der Absatz war jüngst auf Talfahrt. So fuhr zum Beispiel Scania etwas weniger Gewinn ein, hat aber soviel Umsatz gemacht wie noch nie. Zwischen Januar und Dezember kletterte der Umsatz von knapp 86,9 auf etwas mehr als 92 Milliarden schwedische Kronen (rund 9,9 Milliarden Euro), wie die Volkswagen-Tochter am Mittwoch in Södertälje mitteilte. Der Nutzfahrzeughersteller verzeichnet zudem wieder mehr Aufträge. Unter dem Strich verdienten die Schweden aber mit 6 Milliarden Kronen (rund 646 Millionen Euro) drei Prozent weniger als im Vorjahr.

Umsetzung dauert Jahre

Vor allem soll Renschler die Zusammenarbeit und internen Sparchancen des Trios aufmöbeln. Die VW-Nutzfahrzeuge VWN machen schon rund die Hälfte ihres Umsatzes mit Schwestermarken der großen VW-Familie. MAN und Scania sind dagegen kaum untereinander im Geschäft: Nur einen kleinen dreistelligen Millionenbetrag machte MAN in den ersten neun Monaten 2014 intern. Scania hatte seinen VW-Brüdern und -Schwestern bis dato sogar noch weniger zu bieten, nämlich gar nichts.

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Das soll sich ändern: Im Herbst meldete VW, dass MAN und Scania künftig gemeinsam Getriebe entwickelten. Das Projekt soll nach Informationen der „Deutschen Presse Agentur“ etwa 50 Millionen Euro pro Jahr sparen. Bis die Zusammenarbeit Früchte trägt, wird es aber Jahre dauern: In der Lkw-Branche sind die Innovationszyklen deutlich länger, es dauert also entsprechend, bis sich zum Beispiel ein neues Getriebe in allen Baureihen durchsetzt.

Die Nutzfahrzeuge insgesamt sollen langfristig 850 Millionen Euro Synergien einfahren – aber erst in 10 bis 15 Jahren. Weil im Truck-Geschäft viel weniger als in der Pkw-Welt verkauft wird, müssen Lkw und Busse ihre Entwicklungskosten über längere Zeit wieder einspielen. Und: „Natürlich gibt es immer Misstrauen dabei, wer wie stark von einer Zusammenarbeit profitiert“, räumt Osterloh ein.

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