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Nio ES6 Vorbildlicher Vorbote

Nur fünf Jahre nach der Gründung schickt Nio sein zweites Serienmodell auf die Straße: Mit dem ES6 wappnet sich das chinesische Start-Up auch für den Wettbewerb mit Mercedes EQC und Audi e-tron.

Was Tesla kann, kann Nio schon lange. Zwar läuft bei dem Start-up aus China auch nicht alles rund, die Finanzdecke ist gefährlich dünn geworden und der Zeitplan ein wenig ins Wanken geraten. Doch zumindest die Produktoffensive rollt und nur elf Monate nach dem Debüt des ES8 steht jetzt der ES6 als zweites Serienmodell in den Startblöcken - gerade noch rechtzeitig für das Rennen mit den deutschen Konkurrenten Audi E-Tron und Mercedes EQC, die ebenfalls noch in diesem Jahr ihren Weg nach China finden und sich auf dem mit Abstand größten und wichtigsten Markt für Akku Autos behaupten sollen.
Mit dem ES6 werden Audi und Mercedes beim Auswärtsspiel einen starken Gegner haben. Denn der 4,85 Meter lange Geländewagen sieht nicht nur gut aus und ist augenscheinlich sehr ordentlich verarbeitet - obwohl er trotz weitaus besserer Ausstattung mit Luftfederung, Head-Up-Display oder automatischer Abstandsregelung bei einem Grundpreis von 358.000 RMB oder umgerechnet 47.500 Euro mehr als ein Viertel billiger ist.
Vor allem fährt er sehr ordentlich. Seine beiden E-Motoren leisten im besten Fall 400 kW/544 PS und 725 Nm. Sie katapultieren den Wagen trotz seiner 2,3 Tonnen in 4,7 Sekunden auf Tempo 100 und wo Mercedes oder Audi bei 180 Sachen Schluss machen, lässt Nio dem ES6 Auslauf bis Tempo 200. Die Energie für dieses Engagement liefert ein Lithium-Ionen-Akku von 70 kWh, der für 430 Kilometer reichen soll. Wer 6.600 Euro mehr bezahlt, bekommt noch einmal 14 kWh extra und kann 80 Kilometer weiterfahren.
Neben einer konventionellen Schnellladung hat Nio gleich noch zwei einzigartige Szenarien in petto. Wem im Nirgendwo der Saft ausgeht, der ruft den Charchging Van, der wie eine riesige PowerBank voller Akkus steckt und so überall Starthilfe geben kann. Und wer es eilig hat, fährt an eine der mittlerweile knapp zwei Dutzend Power Stations, die Nio, ähnlich wie Tesla seine Supercharger, an den wichtigsten Überlandstrecken installiert hat. Dort werden die Batterien nicht geladen, sondern automatisch gewechselt. Doch so ein Netzwerk außerhalb Chinas aufzubauen, hält Nio Vizechef Lihong Qin für denkbar unwahrscheinlich. Nicht nur wegen der Kosten, sondern vor allem wegen der Genehmigungen. „An den Verwaltungsakt trauen wir uns gar nicht zu denken.“
Während der ES6 mit E-Tron und EQC bei Antrieb und Akkus gleichauf ist, sind die Chinesen den deutschen in einigen Punkten sogar voraus: Nicht nur, dass er neben dem winzigen Display hinter dem Lenkrad einen riesigen Touchscreen in der Mittelkonsole hat und dass einem aus dem Armaturenbrett ein kleiner Kamerad anblinzelt, der als „Nomi“ dem digitalen Sprach- und Bediensystem im Stil von Siri & Co buchstäblich ein Gesicht gibt. Über die Spielereien für die Digital Natives hinaus gibt es ein paar echt praktische Details, die bei uns noch nicht einmal ein Maybach zu bieten hat: So ist die seitlich offene Mittelkonsole außergewöhnlich groß und auch der Schminkspiegel hat mehr Format als in einer Garderobe am Filmset in Hollywood.
Technisch auf Augenhöhe mit Audi und Mercedes, im Innenraum sogar schon weiter und dazu noch deutlich günstiger - es ist je nach Perspektive eindrucksvoll oder erschreckend, was Nio in fünf Jahren auf die Beine oder besser auf die Räder gestellt hat. Doch bei aller Bewunderung hat auch dieses Start-up den Mund ein wenig zu voll genommen. Denn die ehrgeizigen Expansionspläne sind erst einmal auf Eis gelegt. War der Start außerhalb Chinas ursprünglich schon zum Wechsel der Dekade geplant, bittet Mitgründer Qin jetzt um ein bisschen mehr Geduld. Wiederholt hat er neues Geld eingesammelt, um damit den Start in der Heimat zu schaffen. Doch für den Export muss er die Kassen erst wieder füllen.
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