Oldtimer-Rallyes Neue Freunde mit altem Blech

Oldtimer sind in Zeiten von Nullzinsen nicht nur eine gute Geldanlage. Sie bieten auch jede Menge Fahrspaß – und sind ein wunderbares Vehikel, um neue Kontakte zu knüpfen. Was Sie über Oldtimer-Rallyes wissen müssen.

 Fahrt des Korsos aller Teilnehmer der Bosch Boxberg Klassik Rallye durch die berühmte Steilkurve auf dem Bosch-Prüfzentrum in Boxberg Quelle: BOSCH

Ich muss verrückt sein. Mit meinem Targa, dessen Wiederbeschaffungswert ein Gutachter erst vor wenigen Tagen auf einen hohen fünfstelligen Eurobetrag taxiert hat, fliege ich auf dem Testgelände von Bosch in Boxberg mit fast 150 Sachen durch die Steilwandkurve. In der Außenspur liegen offiziell 21 Grad Neigung an, gefühlt sind es eher 45 Grad. Ich klammere mich ans Lenkrad, meine Beifahrerin an den Fensterrahmen.

Beide hoffen wir, dass unser Wagen brav die Spur hält und keiner der Fahrer vor, hinter, über oder unter mir jetzt irgendwelche Faxen macht. Denn wir sind keineswegs allein auf weiter Flur: Vor uns rollt ein Porsche 550 Spyder aus den 50 er Jahren, etwas weiter oben in der Steilwand hängt eine Mercedes SL aus den frühen Siebzigern, schrägt hinter uns und eine Spur tiefer versucht ein offenes Ford A-Modell samt vierköpfiger Besatzung schnaufend Anschluss zu halten. Ein BMW 321, nehme ich im Vorbeiflug wahr, hat bereits nach der ersten Runde aufgegeben: Mit geöffneter Motorhaube steht das Cabriolet auf dem Seitenstreifen.

Die zehn schönsten Oldtimer-Rallyes
Bodensee-KlassikCharakter: Sportliche Wertungsfahrt als Gleichmäßigkeits- und Zuverlässigkeits-Veranstaltung Zugelassene Autos: Old- und Youngtimer bis zum Baujahr 1995 Dauer: 5 Etappen in 3 Tagen Streckenlänge: ca. 600 Kilometer durchs Voralpenland Nenngeld: 1490 Euro für 2 Personen Besonderheiten: Hohe Promidichte, wertvolle Preise, wunderschöne Landschaften Quelle: Presse
Bosch Boxberg KlassikCharakter: Oldtimer-Ausfahrt mit Gleichmäßigkeits- und Zuverlässigkeitsprüfungen sowie zahlreichen Geschicklichkeitsübungen Zugelassene Autos: Old- und Youngtimer bis zum Baujahr 1985 Dauer: 5 Etappen in 2 Tagen Streckenlänge: ca 300 Kilometer durchs Hohenloher Land Nenngeld: 390 Euro Besonderheiten: Rallye mit familiären Charakter, organisiert durch den Verein der Bosch-Oldtimer-Schrauber; perfekter Werkstatt-Service; Abwechslungsreiche Wertungsprüfungen auf dem Bosch-Testgelände inklusive Rundkurs. Quelle: Presse
Donau ClassicCharakter: Gleichmäßigkeitsfahrt für historische Fahrzeuge durch Zentralbayern Zugelassene Autos: Old- und Youngtimer bis Baujahr 1991 Dauer: Zweieinhalb Tage Streckenlänge: rund 500 Kilometer in drei Etappen Nenngeld: 1030 Euro (Frühbucher 990 Euro) Besonderheiten: größte Oldtimer-Rallye mit einem internationalen Starterfeld und vielen Vorkriegs-Pretiosen bis zu 250 Autos; perfekte Organisation dank Sponsoring durch Audi Tradition Quelle: Presse
Heidelberg HistoricCharakter: Sportlich-herausfordernde Rallye durch das Kraichgau und die Kurpfalz Zugelassene Autos: Oldtimer bis zum Baujahr 1976; Sonderklasse auf Einladung Dauer: Zweieinhalb Tage Streckenlänge: 590 Kilometer, mit 16 Gleichmäßigkeitsprüfungen auf abgesperrten Strecken Nenngeld: 790 Euro (inklusive Übernachtungen 1120 Euro) Besonderheiten: Hohe Promidichte, hohe Beteiligung der Öffentlichkeit durch Anfahrt historischer Marktplätze; A-Event der FIVA; wertvolle Preise
Sachs Franken-ClassicCharakter:  Sportlich-ambitionierte Wertungsfahrt als Gleichmäßigkeits- und Zuverlässigkeits-Veranstaltung mit rund 20 Prüfungen; auf Wunsch auch ohne Wertungsprüfungen Zugelassene Autos: Oldtimer bis zum Baujahr 1983; Fahrzeuge mit besonderer Bedeutung im Rallyesport Dauer: Zweieinhalb Tage mit Prolog Streckenlänge: rund 500 Kilometer mit vier Etappen Nenngeld: 1290 Euro (Frühbucher ab 990 Euro) Besonderheiten: Fahren wie Gott in Franken unter großer öffentlicher Beteiligung - von Bad Kissingen über die Rhön bis Würzburg und Schweinfurt; SMS-Ergebnisdienst; Siegerehrungen mit großem Showprogramm; Wertungsprüfungen auf abgesperrten Stadtrundkursen. Quelle: Presse
Sachsen ClassicCharakter: Sportlich ambitionierte Gleichmäßigkeits- und Zuverlässigkeitsprüfung für historisch wertvolle Autos und Motorräder Zugelassene Fahrzeuge: Oldtimer bis Baujahr 1977, ausgewählte Youngtimer bis Baujahr 1995 Dauer: 3 Tage Streckenlänge: 620 Kilometer in 3 Etappen Nenngeld: 1650 Euro Besonderheiten: Hier kommt es auf jedes Hunderstel einer Sekunde an; einmalige Landschaften und eine rege Teilnahme der Bevölkerung lassen Mille-Miglia-Feeling aufkommen; hohe Promi-Dichte durch zahlreiche Sponsoren aus der Industrie. Quelle: Presse
Hamburg-Berlin-KlassikCharakter: Sportliche Wertungsfahrt auf Gleichmäßigkeit und Zuverlässigkeit für bis zu 180 Autos Zugelassene Autos: Oldtimer und Youngtimer bis 1995 Dauer: 3 Tage Streckenlänge: 750 Kilometer in sechs Etappen Nenngeld: 1490 Euro, Rallye-Lehrgang 100 Euro Besonderheiten: Große Nord-Rallye, die auf Seitenstraßen und durch einsame Landschaften im ehemaligen innerdeutschen Grenzgebiet von Berlin aus in die Hansestadt führt; große Industriebeteiligung mit hoher Promi-Quote. Quelle: Presse

Der Corso über das große Oval des Testgeländes ist der absolute Höhepunkt der Bosch Boxberg Klassik, einer vergnüglichen Rallye mit historischen Fahrzeugen durch das Hohenloher Land, zu der die Bosch Automotive Tradition und der Verein der Oldtimer-Schrauber aus Schwieberdingen seit inzwischen 16 Jahren Mitglieder und zahlende Gäste ins Ländle einladen.

Drei Gruppen von Menschen kaufen Oldtimer

Die Wochenend-Veranstaltung ist als Gleichmäßigkeit- und Zuverlässigkeitsprüfung für historische Automobile ausgeschrieben – als "historisch" gilt hier schon alles, was irgendwann vor 1985 produziert wurde. Daneben gilt es auch, Geschicklichkeit zu demonstrieren: Beim Balancieren eines Tabletts mit Göckele und einer Maß (Wasser) über die buckelige Marterstrecke, beim Ausweichen von "Kröten" (mit Wasser gefüllten Ballons) oder beim Wechseln von Zündkerzen an einem Motorblock.

Die Bosch Boxberg Klassik nennt sich Rallye, aber es geht bei ihr nicht ganz so bierernst zu wie bei ähnlichen professionell organisierten Veranstaltungen, die in diesen Wochen Tausende von Young- und Oldtimern auf die Straßen locken, zum Schaulaufen, zum Wettmessen, zum Fahrvergnügen, aber immer öfter auch zum Netzwerken.

Die wichtigstens Accessoires für Rallyefahrer

„Oldtimer werden heute von drei Gruppen Menschen gekauft“, erzählte mir kürzlich Philip Kantor, der beim britischen Auktionshaus Bonhams das europäische Automobilgeschäft leitet: „Da sind zum einen die Enthusiasten, die sich für alte Technik begeistern. Die Zahl dieser Menschen sinkt allerdings.“ Getrieben wird das Geschäft inzwischen in wachsendem Maße von Investoren und „Social Collectors“ – Menschen, die sich einen Oldtimer kaufen, um ihr Vehikel zur Kontaktanbahnung zu nutzen. Kantor: „Dafür ist ein spektakuläres Auto ein sehr hilfreiches Accessoire.“

Früher ging man zum Netzwerken in einen Club oder zu den Rotariern, später lernte man dafür Golf oder Tennis. Und heute legt man sich einen Oldtimer zu und meldet sich zu einer exklusiven Rallye an. Oder man gleich eine ganze Sammlung auf – und lädt seine Geschäftspartner zu gemeinsamen Ausfahrten ein, wie ein Unternehmer aus dem Rheinland, der alle zwei Jahre seine wichtigsten Kontakte auf seine Kosten zu einer vergnüglichen Ausfahrt ins Bergische Land einlädt.

Zehn erschwingliche Oldtimer
Renault 16 Bauzeit: 1965-1980 Preis im Zustand 2: 7.000-9.000 Euro Quelle: Presse
Ford Capri I 2600Bauzeit: 1970-1973 Preis im Zustand 2: 10.000-12.000 Euro Quelle: Presse
BMW 2800 CS Bauzeit: 1968-1971 Preis im Zustand 2: 18.000-20.000 Euro Quelle: Presse
Opel GT 1900Bauzeit: 1968-1973 Preis im Zustand 2: 15.000-19.000 Euro Quelle: Presse
Porsche 944Bauzeit: 1981-1987 Preis im Zustand 2: 10.000-12.000 Euro Quelle: Presse
Audi Coupé SBauzeit: 1970-1976 Preis im Zustand 2: 15.000-19.000 Euro Quelle: Presse
Peugeot 404 CabrioletBauzeit: 1962-1964 Preis im Zustand 2: 21.000-25.000 Euro Quelle: Peugeot

Wer kein eigenes Fahrzeug besitzt, bekommt ein Auto zur Verfügung gestellt oder darf bei einem der Oldtimer-Besitzer an Bord gehen – wo, wird zuvor ausgelost. Und während der Mittagspause werden die Teams noch einmal kräftig durchgemischt. Das Ergebnis ist eine Art Speed-Dating der exklusiven Art.

Man knüpft als Oldtimer-Besitzer so nicht nur neue Bekanntschaften, vertieft mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar Geschäftsbeziehungen. Man hat natürlich auch jede Menge Spaß, mit dem Auto, aber auch mit seinem Beifahrer, der als Navigator ordentlich gefordert wird.

Darüber tritt sogar die Freude über den Wertzuwachs, den der Oldtimer im Laufe der Jahren erfahren hat und erfährt, vorübergehend in den Hintergrund: Bei der Fahrt mit dem 45 Jahre alten Sportwagen durch die Steilwand in Boxberg steigt die Risikobereitschaft mit jeder Runde, tritt die Kalkulation möglicher Auswirkungen auf den Verkehrswert schnell in den Hintergrund. Alte Autos wollen artgerecht bewegt werden.

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