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Porsche-Prozess Die tückischen Geschäfte des Wendelin W.

Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter haben bei der versuchten VW-Übernahme womöglich getrickst und getäuscht. Nun stehen sie vor Gericht. Ist der Fall zu komplex für die Justiz?

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Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Quelle: dpa Picture-Alliance

Und dann stand Porsches Ex-Finanzvorstand Holger Härter schließlich mit Filzstift und Flipchart im Verhandlungssaal des Landgerichts Stuttgart, um den dortigen Richtern die Sache mit den Derivaten zu erklären. Härter schrieb und argumentierte, analysierte und erklärte. Wenn die Richter ihn nur endlich verstehen würden, da war er sich sicher, würden sich die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, er habe die Banker der französischen BNP Paribas einst nicht korrekt über die Derivatepositionen seines Arbeitgebers Porsche und die damit verbundenen Risiken aufgeklärt, schon auflösen.

Doch es löste sich nichts auf – weder die offensichtlichen Verständigungsschwierigkeiten zwischen Finanzmann Härter und der Justiz noch die Vorwürfe gegen Härter. Und so wurde einer der ehemals mächtigsten Männer der deutschen Automobilwirtschaft 2013 wegen Kreditbetrugs zu 630.000 Euro Geldstrafe verurteilt, was bis heute an ihm nagt. Die Entscheidung basiere „auf einem eklatanten Fehlverständnis der Fachtermini des Derivatehandels“, schimpfte Härter, und sei ein Beleg dafür, dass die Komplexität des Wirtschaftslebens „die Kapazität einer Strafkammer deutlich überschreitet“.

Strafverfahren in den Streitigkeiten um die Übernahmeschlacht Porsche - VW

Ab Donnerstag nun kann Härter die „Komplexität des Wirtschaftslebens“ erneut einem eher juristisch versierten Publikum näherbringen. Dann steht Porsches Ex-Finanzer nämlich gemeinsam mit seinem ehemaligen Vorgesetzten, dem langjährigen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, wieder vor einer Strafkammer. Und wieder werden viele von diesen schrecklich komplizierten Termini aus dem Derivatehandel fallen, und Härter wird hoffen, dass ihn wenigstens diesmal einer versteht.

Denn dieses Mal geht es für Härter und Wiedeking ans Eingemachte. Es geht um eines der gewagtesten Manöver der bundesrepublikanischen Wirtschaftsgeschichte, das das Duo vor gut einem Jahrzehnt ausheckte, anstieß und schließlich zum Scheitern brachte: die geplante Übernahme des Volkswagen-Konzerns durch die ungleich kleinere Porsche SE. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Managern in diesem Zusammenhang zwei Vergehen vor:

  • Zwischen Frühjahr und Herbst 2008 sollen sie gelogen haben, als sie und andere Porsche-Mitarbeiter insgesamt fünf Mal dementierten, 75 Prozent von VW übernehmen zu wollen.
  • Als Wiedeking und Härter am 26. Oktober 2008 ihre Übernahmeabsicht dann offenlegten, sollen sie ebenfalls nicht ganz die Wahrheit gesprochen haben. Denn eigentlich sei Porsche zu diesem Zeitpunkt schon viel zu klamm und die VW-Übernahme damit nicht mehr realistisch finanzierbar gewesen.

Bei einer Verurteilung drohen Härter und Wiedeking Geldbußen oder Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Aber sie sind nicht chancenlos. Für den ersten Tatvorwurf hat die Staatsanwaltschaft nur Indizien. Das ist gut für die beiden. Beim zweiten Anklagepunkt stehen die Chancen schon schlechter. Die Ex-Porsche-Vorstände hatten ihrem Arbeitgeber tatsächlich milliardenschwere Risiken aufgeladen. Wie bedrohlich die für Porsche im Oktober 2008 waren, muss das Gericht nun klären.

Vorwurf I: Die Porsche-Vorstände sollen gelogen haben

Im September 2005 entschieden die Vorstände von Porsche, sich am ungleich größeren Autokonzern VW zu beteiligen. 20 Prozent der Aktien sollten es zunächst sein. Ab März 2008 aber wollten die Stuttgarter mehr. Der Porsche-Aufsichtsrat beschloss, den Anteil an VW auf über 50 Prozent aufzustocken. So steht es im Protokoll der Sitzung, und so wurde es auch öffentlich kundgetan. Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, dass die Porsche-Vertreter sich da schon insgeheim darauf verständigt hatten, mehr als 75 Prozent kaufen zu wollen – ohne den anderen Anlegern etwas davon zu sagen.

Mindestens fünf Mal dementierten die Vorstände oder ihre Sprecher in den folgenden Monaten immer wieder aufkommende Gerüchte, Porsche strebe eine Dreiviertelmehrheit an. Durch diese Dementi könnte Porsche andere Anleger in ihrem Kaufverhalten beeinflusst und so den Markt manipuliert haben, meinen die Ankläger heute.

Dass das Gericht dem zustimmt, ist allerdings fraglich. Schon 2012 wollte die Staatsanwaltschaft Härter und Wiedeking deswegen den Prozess machen. Die Richter am Landgericht verhinderten das zunächst, weil ihnen die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Indizien für eine „heimliche Beschlusslage“ der Porsche-Gremien zu dünn erschienen. Das Oberlandesgericht sah das etwas anders und wies das Landgericht an, den Porsche-Vorständen den Prozess zu machen.

Die Aufsichtsräte aber müssen sich keiner Hauptverhandlung stellen. Die Staatsanwaltschaft selbst verzichtete auf eine Anklage, weil sie eben keine Belege für eine „verdeckte Beschlusslage“ finden konnte. Dass ihr die Indizien aber reichen, um den Vorstand anzuklagen, ist zumindest eigentümlich.

Vorwurf II: Porsche konnte den VW-Deal nicht bezahlen

Am 26. Oktober 2008 verkündete Porsche per Pressemitteilung nicht nur, mehr als 75 Prozent der VW-Aktien kaufen zu wollen, sondern auch, schon Aktien und Optionen im Gesamtumfang von 74,1 Prozent zu besitzen. Damit erweckte Porsche bei Anlegern den Eindruck, dass kaum noch VW-Aktien am Markt zu haben waren. Diese griffen daraufhin umso eiliger zu und trieben den VW-Kurs von 200 auf zeitweise mehr als 1000 Euro.

Die Staatsanwaltschaft meint: Mit der Pressemitteilung hätten die Porsche-Vorstände anderen Anlegern nur vorgegaukelt, dass VW-Aktien knapp sind. Porsche sei zu diesem Zeitpunkt schon so klamm gewesen, dass sie die Kauf-Optionen gar nicht mehr lang hätte halten können. Wäre das den anderen Anlegern klar gewesen, hätten sie niemals panisch gekauft und somit auch den Aktienkurs nicht hoch getrieben.

Porsche und die Hedgefonds

Die Pressemitteilung sei also irreführend gewesen, meint die Staatsanwaltschaft. Die Porsche SE hat das stets abgestritten. Aus dem Lager der Angeklagten heißt es zudem, dass das Unternehmen noch Geldreserven gehabt habe und damit keineswegs zu klamm war, um an den Kaufoptionen festzuhalten. Neben zwei Milliarden Euro in bar, hätte Porsche noch seine bis dato unbelasteten VW-Aktien als Sicherheit verwenden können. Darüber hinaus hätte die deutsche Tochter der kanadischen Maple Bank, mit der Porsche Derivategeschäfte abwickelte, von Porsche ohnehin noch 4,5 Milliarden Euro als Sicherheit gehabt. Einen Teil davon hätte der Stuttgarter Konzern Ende Oktober zurückerhalten.

Dass die Lage tatsächlich so entspannt war, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Fakt ist: Nicht nur der VW-Kurs war in diesen Tagen schon von etwa 400 auf etwa 210 Euro gefallen, die Aktienmärkte weltweit drohten zu kollabieren. Schließlich war in den USA die Investmentbank Lehman pleitegegangen. Für Porsche war das eine Katastrophe.

Porsche hielt seinerzeit Optionen zum Kauf von VW-Aktien (Call-Optionen) und hatte Verkaufsoptionen (Put-Optionen) verkauft. Vertragspartner war die deutsche Niederlassung der kanadischen Maple Bank.

Am Rande des Ruins?

Die Kaufoptionen verpflichteten Maple, Geld an Porsche zu zahlen, wenn der VW-Aktienkurs über einen vereinbarten Schwellenwert (Strike) steigt. Da der Aktienkurs von VW theoretisch hätte unendlich steigen können, konnte daraus ein unkalkulierbares Risiko für Maple entstehen. Sie leitete deshalb einen Teil der Optionen an andere Banken weiter. Maple oder eben die andere Bank sichern sich gegen solche Risiken in der Regel ab, indem sie selbst VW-Aktien kauft. Wenn der Kurs dann steigt, muss die Bank zwar Ausgleichszahlungen an Porsche zahlen, profitiert aber auch vom gestiegenen VW-Aktienkurs.

In der Woche vor dem 26. Oktober 2008 sank der VW-Kurs aber. Wollten die Banken mit den VW-Aktien keine Verluste machen, mussten sie Papiere verkaufen. Damit hätten sie aber zwangsläufig einen weiteren Kursrutsch ausgelöst. Das hätte dann bei Porsche aber zu Verlusten aus den Verkaufs-Optionen geführt. Denn wäre der Kurs unter einen vorab vereinbarten Schwellenwert gesunken, hätte Porsche der Maple Bank einen Ausgleich zahlen müssen.

Laut Staatsanwaltschaft hätten sich aus den von Porsche bis Oktober 2008 erworbenen Optionen „im Falle eines weiteren Kursverfalls der Volkswagen-Aktie zu diesem Zeitpunkt Zahlungsverpflichtungen in einer Größenordnung ergeben, die die liquiden Mittel Porsches um ein Vielfaches überstiegen“. Selbst wenn Porsche noch die unbelasteten VW-Aktien hatte: Im Falle eines Kurssturzes hätten die erstens kräftig an Wert verloren. Und mitten in der Finanzkrise ließe sich damit kaum Bargeld generieren.

Das Unternehmen drohte, davon gehen die Staatsanwälte aus, wegen Härters und Wiedekings Wetten zu kollabieren.

Härter räumte in dem Prozess wegen Kreditbetrugs selbst ein, dass ein Kredit, den er für die Übernahme brauchte, im letzten Quartal 2008 nicht zu bekommen war. Ob Porsche in der Gemengelage durchgehalten hätte, steht in den Sternen. Den Beweis trat Porsche nicht an, weil infolge der Pressemitteilung zur geplanten 75-Prozent-Übernahme der VW-Kurs wieder stieg.

Auto



Wie Porsche ohne die Meldung aus der Misere herausgekommen wäre, kann Härter der 13. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart ab Donnerstag erklären. Vielleicht versteht der vorsitzende Richter Frank Maurer ihn etwas besser als sein Kollege aus dem Kreditbetrugsprozess: Maurer ist Spezialist für Aussagepsychologie. Auch das Innenleben von Großkonzernen kennt Maurer: Er ließ sich zeitweilig beurlauben, um 2010 für die Telekom als Datenschutzermittler zu arbeiten.

Allerdings: Vor seiner Ernennung zum Vorsitzenden der 13. Strafkammer leitete der 41-Jährige „nur“ eine Berufungskammer am Landgericht Stuttgart. Maurer beschäftigte sich dort zum Beispiel mit den Vorsitzenden eines Handballvereins, die Steuern und Sozialabgaben hinterzogen haben sollen. Erfahrungen als Vorsitzender Richter in überregional bedeutenden Wirtschaftsstrafprozessen hat Maurer keine. Er scheint dennoch gewillt, die Sache zügig durchzuziehen. Die wesentlichen Zeugen sind bis zur Weihnachtspause geladen, was darauf hindeutet, dass er den Fall bis Jahresende vom Tisch haben will.

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