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Porsche-Vorstände Blume und Reimold "Nur weil man neu ist, muss man nicht alles umkrempeln"

Porsche hat mit Oliver Blume einen neuen Chef, auch Albrecht Reimold ist als Produktionsvorstand frisch an Bord. Im Interview sprechen sie über ihre Pläne – vom autonomen Fahren bis zum Elektro-Porsche.

Porsche-Chef Oliver Blume. Quelle: AP

Der frisch gebackene Porsche-Produktionsvorstand Albrecht Reimold sitzt bereits am Tisch des kleinen Besprechungsraums im oberen Stock des Porsche-Messe-Stands auf dem Genfer Autosalon. Der ebenfalls neue Chef Oliver Blume fehlt noch. Gerade hat er dem Fachpublikum die Messehighlights auf der Bühne präsentiert: Den 718 Boxster und den 911R („Racing“). Während die Techniker ihn von Headset und Kabel befreien, beginnt das Interview schon mal ohne ihn.

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender von Porsche Quelle: dpa

WirtschaftsWoche Online: Herr Reimold, solange Ihr Chef und Vorgänger noch nicht da ist und uns nicht hört – Hand aufs Herz, was werden Sie im Produktionsressort ändern?

Albrecht Reimold (schmunzelt): Was ich anders mache, wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Herr Blume hätte mich nicht als seinen Nachfolger vorgeschlagen, wenn wir nicht viele Ansichten teilen würden. Ich beobachte gerne eine Weile, bilde mir eine Meinung. Nur weil man neu irgendwo hinkommt, muss man nicht alles, was da ist, umkrempeln. Kontinuität ist wichtig für die Mannschaft. Aber natürlich werde ich auch eigene Themen setzen, damit wir weiterhin so erfolgreich sind.

Ein wichtiges Modell für den zukünftigen Erfolg könnte Ihr erstes reines Elektroauto werden, der Mission E. Er wird in Zuffenhausen gebaut, obwohl es in der Produktion schon jetzt recht eng zugeht. Wie wollen Sie das schaffen?

Reimold: Das ist eine sehr große Herausforderung. Wir werden durch einige Interimslösungen Freiraum schaffen. Es gibt viele Einzelschritte. Wir werden zum Beispiel eine Montage für den Mission E bauen, die langfristig zu einer deutlich effizienteren Werkstruktur beiträgt.

Zur Person

Welche Rolle spielt eine digitale Produktion – Stichwort Industrie 4.0 – für Porsche? Machen Sie sich bei den im Vergleich zu einem Hersteller wie VW doch überschaubaren Stückzahlen überhaupt Gedanken um das Thema?

Reimold: Produktion 4.0 ist keine Frage der Stückzahlen. Wir fragen uns, wie wir Daten in Echtzeit auswerten können, damit sie den Prozess optimal regeln. Und wir überlegen, wie wir vom Auftragseingang bis zur Materialsteuerung Ressourcen möglichst effizient steuern, damit das Material zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Auch eine bessere und schnellere Kommunikation mit den Mitarbeitern fällt unter das Thema Digitalisierung. Das können Apps sein, mit deren Hilfe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Arbeit in den Schichten flexibler organisieren könnten. So etwas haben wir bisher nicht.

Der einzig wahre Turbo
Er ist seit Jahren das Topmodell der 911-Baureihe: der Porsche 911 turbo. Seit der aktuellen Baureihe hat Porsche noch eins draufgelegt, den turbo S. Beide Varianten haben jetzt die jüngste Modellpflege erhalten und – fast schon selbstverständlich – nochmals an Leistung und Perfomance zugelegt. Nötig gewesen wäre das wohl kaum, mit 520 und 560 PS standen beide Modelle bereits gut im Futter. Quelle: Porsche
Die neuen Top-Modelle der Baureihe 991 II, wie der überarbeitete 911 intern heißt, bringen im Falle des Turbo 540 PS und beim Turbo S 580 PS auf die Straße. Da kommt die Leistung auch wirklich an – das nochmals überarbeitete Allrad-System sorgt für eine enorme Traktion. Quelle: Porsche
Die neuen Turbos auf das Leistungsplus zu beschränken, würde dem Update aber nicht gerecht. Um sich von den ebenfalls zwangsbeatmeten Carrera und Carrera S mit 3,0 Litern Hubraum abzuheben, bleibt es beim Turbo bei 3,8 Litern – beim S-Modell hat Porsche zudem einen größeren Verdichter eingebaut. Leistungstechnisch gab es außer einem erhöhten Einspritzdruck kaum etwas zu verbessern, deshalb haben sich die Ingenieure der Fahrbarkeit des Boxermotors angenommen. Quelle: Porsche
Dabei stand die aktive Boost-Funktion im Fokus: Im Sport- und Sport-Plus-Modus wird mit einem kleinen Trick das Ansprechverhalten der Lader verbessert. Bei schnellen Lastwechseln bleiben die Drosselklappen offen, das Gas wird in diesem Moment nur über die Einspritzmenge und den Zündzeitpunkt gesteuert. Die offene Drosselklappe sorgt aber für einen konstanten Luftstrom am Turbolader, der somit weiter läuft und den Ladedruck so hoch hält. Das Ergebnis: Das Turboloch ist nicht einmal mehr zu erahnen, die Verzögerung beim Ansprechen gleich null. Quelle: Porsche
Auf der ehemaligen Formel-1-Strecke im südafrikanischen Kyalami bei Johannesburg, wo Porsche die Turbo-Modelle vorgestellt hat, ließ sich der Effekt des aktiven Boosts aber kaum herausfahren – im Verlauf der hügeligen Strecke gibt es kaum schnelle Lastwechsel, die Kurven sind viel weitläufiger als auf einer Landstraße. Eine enge Schikane fehlt ebenfalls. Dafür konnte der in "Lava Orange" lackierte Turbo S in Kyalami eine andere Stärke ausspielen: Die schon fast unheimliche Traktion seines Allrads. Quelle: Porsche
Mit all er Elektronik von Motor, Allrad, Getriebe, Fahrwerk und Lenkung lässt sich der 1,6 Tonnen schwere Sportwagen erstaunlich handlich auf der Rennstrecke bewegen – aktive Motorlager, Hinterachslenkung, Wankausgleich, aktive Spoiler vorne und hinten und Torque Vectoring machen es möglich. Beim Turbo S gehört das fast alles zur Serienausstattung, beim Turbo sind Systeme wie die Hinterachslenkung gegen Aufpreis erhältlich. Die aufwändige Technik und die enorme Leistung können aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach den wenigen Kilometern auf dem Kyalami Grand Prix Circuit Linienwahl und Bremspunkt des Fahrers entscheidender für eine gute Rundenzeit sind als etwa der 40-PS-Unterschied zwischen einem Turbo und einem Turbo S. Quelle: Porsche
Verzögert wird beim Turbo S ab Werk mit den Hochleistungs-Keramikbremsen Porsche Ceramic Composite Brakes (PCCB). Beim Turbo muss noch ein 9186,60 Euro teures Kreuzchen gemacht werden, um in den Genuss der Keramikbremse zu kommen – ansonsten wird konventionell mit Stahl verzögert. Quelle: Porsche

Brauchen Sie noch Menschen in der Produktion?

Reimold: Ja, natürlich. Neue Technologien und Softwareanwendungen sind ja dazu da, Lösungen für Probleme zu finden. Wenn die Technik einem Sorgen bei der Arbeit abnimmt, macht die auch wieder mehr Spaß. Darauf kommt es doch an.

Die Tür öffnet sich, Oliver Blume tritt ein, grüßt und nimmt Platz.

Herr Blume, Sie kommen zur rechten Zeit, wir sprechen gerade über die Produktion und die Produkte der Zukunft. Sie haben sich neulich in einem Interview sehr kritisch über das autonome Fahren geäußert.

Oliver Blume: Die Technologien zur Vernetzung sind für uns extrem wichtig. Das gilt für die Produktion ebenso wie für die Fahrzeuge. Der Weg zum autonomen Auto wird über viele Assistenzsysteme führen – etwa den Staupiloten oder Instrumente, mit denen ein Auto selbst einen Parkplatz sucht und einparkt. Bis zum vollständig automatisierten Fahren gibt es unterschiedliche Stufen. Wir werden je nach Baureihe mehr oder weniger Funktionen anbieten. Beim 911er werden autonome Module weniger relevant sein als beim Panamera zum Beispiel. Autonomes Fahren bei Porsche: ja, aber intelligent. Im Vordergrund steht weiterhin, dass ein Porsche-Fahrer seinen Porsche selbst fahren möchte.

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