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Premiere des Kadjar Wie Renault dem SUV-Boom hinterher rennt

Wer den SUV-Trend verpasst hat, zieht mit Pseudo-Geländewagen nach – wie Renault mit dem Kadjar. Doch der Erfolg der Dickschiffe wird für die Hersteller zunehmend zum Dilemma.

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Renault Kadjar Quelle: Renault

Braucht die Welt noch mehr SUV-Modelle? Unbedingt, finden zumindest die Marketing-Strategen der Autobauer. Denn nicht nur die automobile Haute Couture wie Bentley, Aston Martin und Rolls-Royce werkeln an ihren mehr oder weniger weit fortgeschrittenen SUV-Projekten. Auch im Brot-und-Butter-Geschäft der Volumenhersteller gilt längst: Wer keinen SUV im Angebot hat, hat etwas falsch gemacht.

Keine Fahrzeugklasse hat in den vergangenen Jahren einen derart kometenhaften Aufstieg hingelegt wie der SUV. Zählten zu den Käufern von Range Rover und Co. zunächst Pferdebesitzer und Landadel, kamen mit Einführung der Kompakt-Modelle ehemalige Kombi- und Van-Käufer hinzu. Inzwischen hat das Angebot an Mini-SUVs auch Kleinwagenfahrer zum „Aufstieg“ motiviert.

Neuzulassungen in Deutschland 2014

Über alle Größenklassen vom höhergelegten Corsa bis zum Fünf-Meter-Luxusliner wurden 2014 in Deutschland 530.000 SUVs verkauft. Damit waren knapp 16 Prozent aller neu zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland ein SUV oder Geländewagen.

In der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) werden die beiden Klassen zwar getrennt ausgewiesen, zusammengerechnet haben die lifestyle-lastigen Allradler traditionelle Kleinwagen (15,1 Prozent) und Mittelklasse-Autos (12,5 Prozent) in der Gunst der Käufer inzwischen überholt. Nur die Kompaktklasse liegt – auch wegen des in Deutschland besonders beliebten VW Golf – mit 26,4 Prozent noch deutlich vorne.

Renault hat den SUV-Boom verpasst

Längst haben die meisten Autobauer deshalb mindestens ein Modell in dem beliebten Geländewagen-Look im Angebot. Der Rest zieht nach. Seat hat kürzlich sein erstes SUV angekündigt, Renault jetzt ein weiteres enthüllt. Das neue Modell namens Kadjar soll gegen die SUV-Mittelklasse-Bestseller wie den VW Tiguan oder den Ford Kuga antreten.

Genau in diesem volumenstarken Segment hatte Renault bislang eine Lücke. Der große, 2008 eingeführte Koleos auf Basis des in Korea verkauften Samsung QM5 konnte in Europa bislang weniger überzeugen. Der technisch eng mit dem Kleinwagen Clio verwandte Captur ist seit seiner Markteinführung 2013 zwar erfolgreich, für viele Familien aber zu klein.

Mehr Power für das Land
Audi Q7 Quelle: Audi
BMW M6 Quelle: BMW
Mini JCW Quelle: Mini
Mercedes GLE Quelle: Daimler
VW Cross Blue Coupé Quelle: Volkswagen
Cadillac CTS-V Quelle: Cadillac
Chevrolet Volt Quelle: Chevrolet

Der Kadjar soll sich zwischen diesen beiden Modellen positionieren und die Lücke im Renault-Angebot schließen. Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn erwartet viel von dem neuen Crossover. „Der Kadjar spielt eine Schlüsselrolle in den globalen Wachstumsplänen der Marke“, sagte Ghosn bei der Präsentation in Paris.

Laut Daten des Analysehauses IHS Automotive kann der Kadjar in seinem ersten vollen Verkaufsjahr 2016 zum drittmeistverkauften Modell in dem Segment aufsteigen – hinter dem VW Tiguan und dem Konzernbruder Nissan Qashqai.

Die Gewinner und Verlierer der Zulassungsstatistik
Smart Fortwo Quelle: dapd
Subaru Quelle: Presse
Lexus Quelle: dpa
Lancia Quelle: Presse
Chevrolet Quelle: obs
Volvo V 60 Quelle: dpa
Mazda CX-5 Quelle: obs

Letzterem wird der Kadjar einen Großteil seines möglichen Erfolgs zu verdanken haben, denn der Renault-Crossover greift auf die Technik des Nissan-Bestsellers zurück. Mit 4,45 Metern Länge und 1,84 Metern Breite überragt der Kadjar den Qashqai um einige Zentimeter, was größtenteils auf das Renault-Design zurückzuführen ist. Besonders die Frontpartie mit dem neuen Markengesicht und das dynamisch gestaltete Heck sind etwas schwülstiger ausgeführt als bei dem Nissan.

Unter dem anders gestalteten Blech wird die Verwandtschaft von Kadjar und Qashqai aber deutlich, schließlich stehen beide auf einer gemeinsamen Plattform und teilen sich die wichtigsten technischen Merkmale wie Motoren und Getriebe.

Der Kadjar soll die Welt erobern

Während der Qashqai im britischen Sunderland gefertigt wird, rollt das Renault-Pendant im nordspanischen Palencia vom Band. „Wir haben in Palencia große Kapazitäten zur Verfügung und können schnell die Stückzahlen hochfahren“, sagt Renault-Vorstand Thierry Bolloré. „Wir streben einen ähnlichen Erfolg an wie mit dem Captur.“ Von dem kleinen SUV haben die Franzosen im vergangenen Jahr 200.000 Einheiten verkauft, womit er in Europa zu den meistverkauften Modellen seiner Klasse zählt.

Woraus sich der Preis eines Neuwagens zusammensetzt

Mit dem Kadjar hat Renault aber Größeres vor: Ab 2016 wird er – als erster Renault überhaupt – auch in China produziert. Auf dem inzwischen größten Automarkt der Welt hat Renault großen Rückstand, der mit dem Kadjar aufgeholt werden soll. In China ist jedes dritte produzierte Auto ein Crossover. „Deshalb haben wir uns von vornherein entschlossen, ein Weltauto zu bauen“, sagte Ghosn.

Kadjar soll auch in China gebaut werden

Renault hat auch großen Bedarf nach einem Auto, das sich außerhalb Europas gut verkauft. Auf dem alten Kontinent konnten die Franzosen im vergangenen Jahr bei den Verkäufen um 12,5 Prozent zulegen, außerhalb Europas verkaufte Renault aber sechs Prozent weniger Fahrzeuge. In China waren es 2014 nur 34.000 Autos. Zum Vergleich: Der VW-Konzern verkaufte rund 3,7 Millionen Fahrzeuge in China.

Neben den hohen Absatzzahlen sind die SUVs für die Autokonzerne noch aus einem anderen Grund sehr attraktiv: Sie können sich den Lifestyle gut bezahlen lassen. Viele der vermeintlichen Offroader bedienen sich bei der Technik bei gewöhnlichen Klein-oder Kompaktwagen – kosten aber am Ende mehrere Tausend Euro mehr.

So kostet zum Beispiel ein Nissan Juke mindestens 15.450 Euro, der Technikspender Micra steht hingegen mit 11.400 Euro in der Liste. Opel will für den Mokka mindestens 18.990 Euro haben – ein Preis, den die Rüsselsheimer für einen Basis-Corsa nie verlangen könnten.

Trotzdem verkauft sich der Mokka blendend: Mit knapp 27.700 Neuzulassungen ist der Opel das zweitbeliebteste SUV Deutschlands – hinter dem VW Tiguan, aber vor Modellen wie dem Ford Kuga, BMW X1 oder Audi Q3. Was Renault für den Kadjar verlangen wird, wollen die Franzosen erst auf dem Genfer Automobilsalon Anfang März bekanntgeben.

Während Renault noch Basisarbeit betreibt und über Jahre aufgebaute Rückstände aufholen muss, sind die deutschen Hersteller bei ihren SUV-Modellen ein gutes Stück weiter. Die erfolgreiche X-Familie von BMW umfasst bislang fünf Baureihen, mit dem beschlossenen X7 für den US-Markt ist ein neues Top-Modell im Anmarsch.

Lamborghini baut SUV in Italien
Die VW -Sportwagentochter Lamborghini will den Markt für Geländewagen aufmischen. Vorstandschef Stephan Winkelmann kündigte am Mittwoch im Beisein von Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi in Rom den Bau eines Luxus-SUV an, der 2018 zu den Händlern rollen soll. Luxuriöse Geländewagen sind derzeit vor allem in den USA und Asien stark gefragt. Erstmals wurde der Geländewagen von Lamborghini vor drei Jahren als Studie mit dem Namen Urus auf der Automesse in China einem größeren Publikum vorgestellt (im Bild). Zuletzt war spekuliert worden, er könnte bereits 2017 auf den Markt kommen. In der Branche wird vermutet, dass sich der Lamborghini-SUV die Plattform mit dem Audi Q7, dem VW Touareg und dem Porsche Cayenne teilen soll, von denen VW im vergangenen Jahr fast 200.000 Stück verkauft hat. Quelle: REUTERS
Lamborghini rechnet mit einem jährlichen Verkauf von rund 3.000 Exemplaren seines Luxus-SUVs. Dadurch würde sich der Absatz von zuletzt 2.530 Fahrzeugen mehr als verdoppeln. Bislang baut Lamborghini zwei Sportwagentypen – den Huracan als Nachfolger des Gallardo und den Aventador. In die Erweiterung seines Werks in Sant'Agata Bolognese und die Entwicklung des Geländewagens steckt Lamborghini nach eigenen Angaben einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Dadurch sollen bis zu 500 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Insgesamt beschäftigt die Marke mit dem Kampfstier im Logo rund 1.100 Mitarbeiter, die meisten davon in seinem Stammwerk in Norditalien. Im Gegenzug für die Investition soll Lamborghini bis zu 90 Millionen Euro an Steuervergünstigungen und anderen Subventionen erhalten. Quelle: dpa
Das Lambo-SUV könnte laut den Experten von IHS Automotive aber nur zum Teil in Italien gefertigt werden. Im slowakischen Werk in Bratislava konzentriert der VW-Konzern die Fertigung der großen Luxus-SUVs, wie etwa dem Porsche Cayenne, Audi Q7 oder Bentley Bentayga. Beim Lamborghini könnte es ähnlich laufen wie bei Cayenne und Bentayga: In Bratislava wird die Karosserie gefertigt, zur Endmontage werden die Autos dann in das jeweilige Werk der Marke gebracht. Bei Bentley könnte der Bentayga bereits bald Zuwachs erhalten. Im Interview mit dem britischen Fachmagazin "Autocar" sagte Rolf Frech, Entwicklungschef der Nobelmarke, dass die Entwicklung eines weiteren SUV-Modells durchaus im Bereich des Möglichen liege.  "Autocar"  spekuliert, dass sich die Bentley-Designer dabei am BMW X6 orientieren könnten. Eine endgültige Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen, betonte Frech. Quelle: AP
Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer will von dem SUV rund 3.000 Fahrzeuge pro Jahr verkaufen – zum fürstlichen Preis von mindestens 200.000 Euro. Extrawünsche bei Lack, Leder oder sonstiger Ausstattung treiben den Preis weiter nach oben. Quelle: dapd
Bislang hat Bentley nur diese schemenhafte Aufnahme des SUV-Modells veröffentlicht, das „Bentayga“ heißen wird. Das gaben die Briten im Januar auf der Automesse in Detroit bekannt. Ebenso das Datum für den Marktstart: Die Serienversion wird erstmals auf der IAA im Herbst diesen Jahres gezeigt, 2016 soll der Bentayga dann bei den Bentley-Händlern stehen. Quelle: Bentley Motors Limited
Einen Ausblick auf die SUV-Vorstellungen der Briten gab die Studie EXP 9F, den Bentley 2012 auf den Automessen in Genf und Peking zeigte. Das kantige und etwas unproportioniert wirkende Design polarisierte – und das vollkommen bewusst: Bentley wollte provozieren und so die Medien und potenzielle Kunden dazu antreiben, ihre eigenen Vorstellungen von einem Bentley-SUV kundzutun. Quelle: REUTERS
Im vergangenen September kam vom Vorstand die Produktionsfreigabe – allerdings mit einem entschärften Design. Die Front wird sich – wie auf dem sandigen Foto zu erkennen – am typischen Vier-Augen-Gesicht der Marke orientieren. Die gesamte Linienführung wird wohl deutlich filigraner ausfallen. Für den standesgemäßen Vortrieb soll der aus dem VW-Konzern bekannte W12-Motor sorgen, der in dem SUV bis zu 610 PS leisten könnte. Quelle: Bentley Motors Limited

Auch bei Mercedes wächst die SUV-Palette. Mit dem GLE Coupé im Stile eines BMW X6 bringen die Schwaben ein besonders dynamisches SUV-Coupé auf den Markt. Der eigentliche Sinn der höhergelegten Allrad-Autos rückt dabei immer weiter in den Hintergrund.

SUVs torpedieren CO2-Bemühungen

Die Offroad-Fähigkeiten stehen für die meisten Käufer jedoch im Hintergrund, wie Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer weiß. „SUV genießen insbesondere bei älteren Autofahrern sehr hohe Attraktivität. Die bessere Übersicht, da SUV eben höher aufbauen, die bessere Ergonomie oder Bequemlichkeit mit dem einfacheren Einstieg und die erlebte oder empfundene Sportlichkeit, abgeleitet durch die Geländewagen-Historie, sind wichtige Kaufmotive“, sagt Dudenhöffer. „SUV verbinden Praktikabilität mit Emotion und sind damit eine ideale Kombination, um Neuwagenkäufern den Mund wässrig zu machen.“

Audi würde ebenfalls gerne sein Modellangebot um ein SUV-Coupé ausbauen, schließlich ist fast jeder dritte Audi mittlerweile ein SUV. Doch die Ingolstädter stehen vor einem ungewöhnlichen Problem: Ein SUV, dass sich als dynamischer Ableger zwischen den vorhandenen Modellen Q3 und Q5 einreihen soll, müsste in der Marketing-Logik Q4 heißen. Doch die Namensrechte für Q4 und Q2 liegen bei Alfa Romeo – die Italiener bezeichnen so seit Jahren ihre Autos mit Allrad- und Frontantrieb.

SUVs verbrauchen mehr

Und die Italiener – allen voran der Chef der Alfa-Mutter FCA, Sergio Marchionne – haben kein Interesse daran, die Markenrechte an Audi abzutreten. So müssen die Ingolstädter den für 2016 geplanten Q2 als Q1 auf den Markt bringen. Eine Lösung für den möglichen Q4 ist noch nicht in Sicht. Die Verkaufszahlen von Audi wird der Q-Streit auf absehbare Zeit aber nicht beeinflussen.

So sehr sich die Hersteller über den guten Absatz ihrer SUV-Modelle freuen, an anderer Stelle wird der Ansturm auf die Geländelimousinen für sie zu einem ernsthaften Problem – bei der CO2-Bilanz. SUVs verbrauchen mehr als leichtere oder windschnittigere Wagen. Angesichts der niedrigen Spritpreise scheint das aber für viele Käufer kein Hindernis zu sein.

Sieben Spritspartipps

Sprich: Die Beliebtheit der SUVs bremst die Bemühungen der Autobauer nach sparsameren Flotten aus. Laut einer Studie des Center of Automotive Management aus Bergisch Gladbach sank der CO2-Ausstoß im vergangenen Jahr nur noch um 2,6 Prozent auf durchschnittlich 133 Gramm pro Kilometer – die geringste Verbesserung seit Jahren.

Im Kampf für mehr Klimaschutz dürfen die Flotten 2021 laut EU-Vorgabe im Schnitt nur noch 95 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilometer ausstoßen – aktuell liegen die Autobauer noch 40 Prozent über diesem Zielwert. „Im hohen Maße sind die sich verlangsamenden CO2-Verbesserungen den SUV-Nachfrageverschiebungen geschuldet“, sagt Studienleiter Stefan Bratzel.

Auto



In Zahlen ausgedrückt: Während ein Mittelklasse-Modell 128 Gramm ausstößt und eine größere Limousine der oberen Mittelklasse 138 Gramm, kommen SUVs mit 141 Gramm und reine Geländewagen mit 166 Gramm auf höhere Werte. Und wegen ihres inzwischen großen Marktanteils ist der Effekt auf den Flottenverbrauch eines Herstellers enorm.

Damit die Pseudo-Geländewagen den Herstellern weiter dicke Gewinne und keine CO2-Strafzahlungen bescheren sind die Ingenieure und Strategen der Konzerne gefragt: Entweder müssen die SUVs deutlich weniger verbrauchen oder die Kunden dazu gebracht werden, wieder kleinere und leichtere Autos zu kaufen. Welche von beiden Optionen einfacher ist, dürfte wohl in den Sternen stehen.

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