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Produktionsende im Bochumer Opel-Werk „Man hat uns hier verhungern lassen“

Der letzte Opel in Bochum ist vom Band gelaufen. Resignation, Wut über das Management und die eigene Gewerkschaft bestimmen die Opelaner – und die Unsicherheit um die eigene Zukunft.

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Die letzte Schicht im Bochumer Opel-Werk ist vorbei, der letzte Zafira produziert. Quelle: AP

Die Bänder im Bochumer Opel-Werk stehen still, eine Ära ist zu Ende. Am frühen Morgen hat zum letzten Mal ein Zafira die Montagelinie in Bochum-Laer verlassen – ein Familienvan, lackiert in einem düsteren Grau.

Düster ist auch die Stimmung im Werk: 52 Jahre hatten die Autos aus Bochum ihren Anteil an der Mobilisierung Deutschlands – Modelle wie Kadett, Manta oder Astra wurden millionenfach verkauft. Damit ist jetzt Schluss, ohne öffentliche Abschiedsveranstaltung.

„Die Werksschließung ist traurig, aber die Menschen im Ruhrgebiet haben sich damit abgefunden“, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. „Was jetzt noch kommt, ist der Beerdigungsgang, der durchgeführt wird.“

Opel in Bochum von 1962 bis 2014

Nach der letzten Produktionsschicht ist am Werkstor Enttäuschung, Resignation und Kritik am Opel-Management zu hören, das am Ende nicht einmal mehr das Dach der Bochumer Fabrik erneuert habe. Letzte Protestaktionen oder lautstarke Kritik gibt es nicht, nicht einmal Transparente - der Kampf um Opel hat schon zu lange gedauert.

Die Worte, die die letzten Opelaner im Revier finden, sind eindringlich. „Das Herz von Opel hat aufgehört zu schlagen“, sagte einer von ihnen nach der letzten Nachtschicht. „Viele haben noch keinen neuen Job. Das drückt, das kannst Du in Scheiben schneiden“, sagt ein anderer.

Der letzte Bochumer Opel wird nicht verkauft

Ganz vorbei ist es mit dem Stilllegen der Bänder aber noch nicht: Für eine interne Jubilarveranstaltung für altgediente Mitarbeiter (6.12.) mit rund 1000 Teilnehmern laufen die Vorbereitungen und eine letzte Betriebsversammlung im Werk (8.12.) ist geplant. Am 12.12. geben die meisten Opelaner dann Werkskleidung und Ausweis ab, berichtet der Betriebsrat.

Bis dahin soll dann auch die Qualitätskontrolle des letzten Zafiras abgeschlossen sein und der Wagen an den Verkauf übergeben werden. Doch in den Handel kommt der letzte Bochumer Opel nicht, er soll stattdessen einem sozialen Zweck gewidmet werden.

So stand es 2014 um Opel

In stolzen Zeiten waren bis zu 22.000 Menschen in dem Werk beschäftigt. Mit der Werksschließung von Opel endet ein einstiges Vorzeigeprojekt des Strukturwandels an der Ruhr. Das Werk war auf früherem Bergbaugrund errichtet worden, als im Revier das Zechensterben begann. Es beschäftigte nach der Eröffnung 1962 sofort rund 10.000 Menschen – viele davon ehemalige Kumpel. Zuletzt standen noch 3.000 Mitarbeiter bei Opel Bochum in Brot und Lohn.

Sie stehen nun vor einer ungewissen beruflichen Zukunft. Die Bochumer Opelaner sind im Schnitt 50 Jahre alt und über 20 Jahre am Band oder im Betrieb. Ihre Vermittlungschancen auf einem Ruhr-Arbeitsmarkt mit ohnehin überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit sehen Fachleute trotz guter Ausbildung und zweijähriger Transfergesellschaft mit großer Skepsis.

„Da ist viel Hilflosigkeit, es gibt keine Ersatzbeschäftigung“, sagt Betriebsratschef Rainer Einenkel. Dudenhöffer ergänzt: „Selbst wenn sie Abstriche machen, stehen mit ihrem hohen Lohnniveau die Chancen schlecht, eine neue Anstellung zu finden. Für die Opel-Belegschaft ist die Schließung besonders hart.“ Rund 550 Millionen Euro zahlt der Autokonzern nach Gewerkschaftsangaben nun für die Jobbörse und Abfindungen in Bochum. Im Schnitt bekommt jeder Mitarbeiter nach Gewerkschaftsberechnung rund 125.000 Euro, die aber versteuert werden müssen.

700 Arbeitsplätze bleiben

„Man hat uns hier verhungern lassen“, sagt Hans Skopek aus der Endmontage, der seit 40 Jahren bei Opel arbeitet. Die letzten zehn Jahre sei es mit dem Werk immer weiter bergab gegangen. „Das Management hat das Werk vor die Hunde gehen lassen.“ Am Ende habe es sogar reingeregnet.

Für den 55-Jährigen Anlagenelektroniker geht es 2015 in die zweijährige Transfergesellschaft – sieben Monate mit vollem Geld, dann mit 80 und im letzten Jahr mit 70 Prozent des Gehalts. „Das ist jetzt Neuland: vielleicht finde ich ja was in meinem gelernten Beruf.“ Doch Skopeks Zeit in diesem Beruf ist lange her.

700 Arbeitsplätze bleiben – garantiert zunächst bis 2020 – in Bochum im zentralen Ersatzteillager des Opelkonzerns. Das Lager läuft aber nicht mehr unter dem Opel-Logo, sondern wird vom Opel-Partnerunternehmen Neovia betrieben. Rund 2700 Menschen landen in der Transfergesellschaft.

Der Niedergang des Werks zeichnete sich bereits länger ab. In den 90er Jahren kosteten Qulaitätsmängel und Fehler in der Modellpolitik Opel zahlreiche Kunden – und in der Folge viele Angestellte ihren Job. Spätestens 2004, als die Motorenfertigung in Bochum eingestellt wurde, begann für das Werk der Überlebenskampf. Als der Konzern 2009 nur knapp an der Insolvenz vorbeischlitterte, war klar, dass einige Werke wegen hohen Überkapazitäten schließen müssen. 2010 wurde das Werk im belgischen Anderlecht geschlossen.

Das britische Werk hat geschickter verhandelt

Doch das reichte nicht aus, ein weiteres Werk sollte die Produktion einstellen. Das ebenfalls bedrohte britische Werk Ellesmere Port habe dann geschickter verhandelt als Bochum – die Entscheidung fiel gegen das Ruhrgebiet. Ein Sanierungstarifvertrag sollte die Schließung der Bochumer Produktion mit – aus heutiger Sicht – relativ großzügigen Angeboten abfedern, aber die Bochumer Beschäftigten trauten ihrer Konzernführung nicht. Sie lehnten den Vertrag als einziges deutsches Werk im Frühjahr 2013 mit großer Mehrheit ab.

Dieses Nein gilt bei Kritikern als Sargnagel für das Werk, angelastet wird es Betriebsratschef Einenkel. Bei seinem entschlossenen Kampf für den Erhalt des Werks traf er oft nicht den richtigen Ton – und hat so das US-Management von General Motors erst recht verstimmt.

Mit Äußerungen wie „Wir werden denen keinen Grund geben, das Werk zu schließen. Das wird mit Bochum nicht gehen“ hat er laut der Meinung vieler Beobachter eine einvernehmliche Einigung verhindert.

So oder so: Die Schließung ist auch ein harter Schlag für die Region. Bochum leidet mit aktuell 9,4 Prozent Arbeitslosenquote unter überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit. Rund die Hälfte der Opel-Beschäftigten wohnt in Bochum selbst. Deshalb ist mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen.

Verwaltungsgebäude unter Denkmalschutz – vorläufig

„Opel hat sich nicht nur mit der Gründung der Transfergesellschaft vernünftig verhalten“, sagt Dudenhöffer. „Ganz anders als Nokia, die damals in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Arbeiter in Bochum vor die Tür gesetzt hat.“ 2008 zog sich der Elektronikkonzern überraschend aus Bochum zurück, 2.300 Angestellte verloren ihre Arbeit.

Aus dem Opel-Werk sollen nach den Plänen der nordrhein-westfälischen Landesregierung ein Gewerbepark werden. Wenn die Autoproduktion endet, soll das riesige Werksgelände in innenstadtnaher Lage nicht zur Industrieruine werden wie so viele andere Anlagen an der Ruhr.

Die neu gegründete Entwicklungsgesellschaft „Perspektive 2022“, an der die Stadt und Opel beteiligt sind, will rund 70 Hektar Werksgelände aufbereiten und neuen Investoren anbieten. Dafür seien zunächst acht Jahre und 50 Millionen Euro Entwicklungskosten einkalkuliert, sagt „Perspektive“-Geschäftsführer Rolf Heyer.

Auto



Vieles wird abgerissen. Die Arbeitsplätze der Zukunft entstünden danach nicht mehr in einem großen, sondern in einer bunten Palette von 50, 70 oder 100 kleineren Unternehmen, sagt Heyer. Geworben werde vor allem um Gewerbebetriebe mit Metallbezug, aber auch IT-Firmen seien denkbar. Die Post hat bereits angekündigt, 2016 ein Paketzentrum mit bis zu 600 Tarifarbeitsplätzen zu errichten.

Ein Zeugnis der einst blühenden Autofabrik könnte dauerhaft stehenbleiben: Das tausendfach fotografierte Bochumer Opel-Verwaltungsgebäude am Werk I mit dem gewaltigen Opel-Schriftzug auf dem Dach ist vor kurzem vom zuständigen Landschaftverband vorläufig unter Denkmalschutz gestellt worden.

Mit Material von dpa

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