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Quartalsbilanz Daimlers Mega-Verlust ist Zetsches Quittung

Daimler verbucht im zweiten Quartal 1,6 Milliarden Euro Minus. Quelle: dpa

Die schlechten Zahlen bei Daimler sind die Quittung für Fehler des einstigen Konzernchefs und Manager-Stars Dieter Zetsche .

Wie schön die Zahlen doch passen: 1,6 Milliarden Euro beträgt das Minus, das Daimler im zweiten Quartal verbuchte und das den Aktienkurs heute abstürzen ließ. Und 1,6 Milliarden Euro sind es auch, die Daimler für die Bewältigung der Abgasskandals im zweiten Quartal zurückstellte. Ergo: Ohne Abgasskandal hätten die Stuttgarter gerade noch die schwarze Null geschafft.

An Tagen wie diesen muss man an den früheren Daimler-Chef und regelrechten Manager-Star Dieter Zetsche erinnern, der nach dem Auffliegen der Abgasmanipulationen bei Volkswagen stolz erklärte: „Wir halten uns an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen. Ein Defeat Device, sprich eine Funktion, die die Wirksamkeit der Abgasnachbehandlung unzulässig einschränkt, kommt bei Mercedes-Benz nicht zum Einsatz.“ Ein Konzernchef könne nicht alle Details kennen – aber: „Ich bin in alle Entwicklungsprojekte eingebunden.“

So richtig hat das mit dieser Einbindung wohl nicht geklappt. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere: Zetsche hat gelogen. Denn das Kraftfahrtbundesamt hat inzwischen keine Zweifel mehr daran, dass auch bei Daimler illegal manipuliert wurde. Zu dem gleichen Schluss könnten nach jahrelanger Prüfung demnächst auch die US-Behörden kommen und Daimler zu einem saftigen Bußgeld verdonnern. Nach allem, was man hört, soll es nicht so hoch sein wie bei VW, aber um hunderte Millionen Dollar könnte es schon gehen.

Den Hinweis auf den Diesel-Irrweg, den die deutschen Autobauer beschritten haben, könnte man sich an dieser Stelle fast sparen. Inzwischen weiß jedes Kind, dass die deutschen Autobauer mit dem Clean-Diesel-Märchen sich selbst und ihre Kunden jahrelang in die Irre führten. Und dass sie sich das Manipulieren hätten sparen können, wenn sie wie Toyota auf Benzin-Hybride gesetzt hätten. Die sind sauberer, ebenso sportlich und inzwischen auch billiger als die Diesel in der Herstellung. Porsche war eigentlich immer dieser Meinung, wurde aber eben von der Konzernmutter VW zum Diesel gedrängt. Der Fehler wird gerade korrigiert: Bald gibt es keine Diesel mehr aus Zuffenhausen, dafür umso mehr Hybride.

Wie gesagt, die Hybrid-Story könnte man sich fast schon sparen, wenn nicht gerade so passende Zahlen von Toyota eingetroffen wären: Im ersten Halbjahr 2019 hat der japanische Hersteller seinen Marktanteil in Europa deutlich gesteigert – vor allem dank seiner Hybride. In Westeuropa entschieden sich 62 Prozent aller Käufer für eines der 20 Hybridmodelle des Konzerns. In Gesamteuropa waren es 52 Prozent.

Mit ihren manipulierten Diesel wollten die Deutschen dem Hybrid der Japaner Paroli bieten. Ganz schlechte Idee. Nun trudeln die Rechnungen ein. Volkswagen muss gerade spüren, dass sich der Wind an den deutschen Gerichten mächtig gedreht hat. Seit Wochen schon wird eindrucksvoll pro Manipulations-Opfer und gegen VW oder VW-Händler entschieden. Der bisherige Abgas-Aderlass beläuft sich auf weit über 30 Milliarden Euro, und die Blutung ist noch lange nicht gestoppt. Bei Daimler reißt die Wunde immer weiter auf. Nur BMW ist wohl schon weitgehend raus aus dem Thema. Die Münchner haben, so scheint es, wohl nicht oder viel weniger manipuliert als die Konkurrenz und müssen derzeit weder die deutschen noch die US-Behörden fürchten.

Die Skandal-Nachwehen erwischen Daimler und Volkswagen genau zum falschen Zeitpunkt. Just in einer Phase, in der sie jeden Euro brauchen, um die Umstellung auf E-Autos zu schaffen, müssen sie mit ihren Erträgen Altlasten wegräumen. Wenn sie so weiterwerkeln wie bisher, kommt 2021, wenn sie schärfere CO2-Grenzen in der EU schaffen müssen, der nächste Kosten-Hammer: Ist der Ausstoß der Neuwagen-Flotte auf heutigem Niveau, weil sie zu wenige E-Autos absetzen, müssen sie Milliarden an die EU zahlen, Jahr für Jahr.

Toyota zahlt freilich gar nichts. Die Japaner halten die CO2-Werte für 2021 jetzt schon ein – dank Hybrid. Und Tesla? Dieses Auto-Startup, das nach Lesart der deutschen Hersteller schon seit Jahren pleitegehen müsste? Sie werden 2021, das wäre meine Prognose, schon Millionen E-Autos auf der Straße haben und mit Amüsement beobachten, wie die deutschen Hersteller, die ihren Mitarbeitern Job-Garantien bis Ende der 20er-Jahre gegeben haben, unter der Last alter Fehler ächzen.

Bleibt noch die Frage, ob Dieter Zetsche just in dieser Zeit – so wie er sich das derzeit noch vorstellt – dann zum Aufsichtsratschef von Daimler ernannt wird. Das dürfte davon abhängen, ob bei Daimler irgendwann einmal eine gesunde Sicht auf die eigenen Fehler und Versäumnisse Einzug hält.

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