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Rasanter Preisanstieg Preis-Explosion bei Mietwagen: „So etwas habe ich in 30 Jahren noch nicht gesehen“

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Das Mietwagen-System war schon vor Corona an der Grenze

Die Probleme rühren vor allem aus dem merkwürdigen Geschäftsmodell der Autovermieter. Sie lebten bisher auch davon, dass sie im Frühjahr vor der Hauptreisesaison Neuwagen in großen Mengen kauften. Darauf gewährten ihnen die Hersteller angesichts ihrer hohen Überkapazitäten Rabatte von bis zu 40 Prozent – unter anderem, weil damit auch für ihre Ladenhüter die Zulassungszahlen besser aussahen. Die Wagen überließen die Vermieter dann Urlaubern oder Geschäftsreisenden so lange, bis der Wagen nur noch so viel wert war wie der Kaufpreis. Dann verkauften sie weite Teile der Flotte entweder zurück an Hersteller und Großhändler oder sie vermarkteten sie direkt an Konsumenten. „Damit bekamen die Vermieter die Autos praktisch für lau“, so ein Kenner der Branche.

Zwar mussten die Firmen ihre Flotten auf Kredit finanzieren. „Doch das schlug kaum zu Buche angesichts der niedrigen Zinsen und weil die Vermieter mit den Abschreibungen auf die Autowerte ihre Steuerlast drücken konnten“, so ein Kenner der Branche. Die Betriebskosten und etwas mehr deckten dann die Einnahmen aus der Vermietung, den Verkauf der vergleichsweise teuren Versicherungen plus dem Umsatz aus Nebengebühren für zusätzliche Fahrer oder Extras wie Winterausrüstung oder Navigationssysteme – sowie dem Geld aus vom Kunden bezahlten aber selten vollständig reparierten Unfallschäden.

Das System kam schon vor Corona an seine Grenzen. „Richtig profitabel arbeitet derzeit kein Vermieter – und schon gar nicht in Europa“, urteilte eine Studie des US-Marktforscher Skift bereits im Boomjahr 2019. Denn anders als in anderen Branchen waren die Vermieter von Avis über Enterprise und Europcar bis zu Hertz und Sixt in ihrem Angebot kaum zu unterscheiden. Egal was Kunden buchten, in der Regel bekamen sie ein mehr oder weniger neues Auto von einem Typ, der meist nicht der Reservierung entsprach. Dazu gab es oft ein nicht leicht nachvollziehbares Upgrade, etwa von einem Mittelklassekombi auf einen Mini-SUV.



Als ob das nicht reicht, verlagerten die Vermieter fast ihr ganzes Geschäft abseits der Firmenkunden in den vergangenen Jahren an Vermittlerfirmen wie Auto Europe oder Drive FTI. Denen zahlen sie für die Vermittlung nicht nur bis zu knapp 20 Prozent des Umsatzes. Dazu verschreckten sie Direktbucher, weil sie die Autos auf ihren eigenen Webseiten in der Regel teurer verkauften als die Mittler – anders als Hotels, die ihre Zimmer zum gleichen oder einem niedrigeren Preis anbieten wie Vermittler wie Booking.com, HRS oder Expedia. „So wirken die Vermieter noch austauschbarer als Billigflieger“, sagt ein ehemaliger Manager der Branche. „Darum ist der Wettbewerb noch härter als im Flug und geht fast nur über den Preis.“

In der Pandemie kollabierte das Geschäftsmodell endgültig. Nachdem alle Vermieter Anfang 2020 in Erwartung eines Rekordjahres reichlich Autos geordert hatten, blieben die im folgenden Lockdown weitgehend untätig geparkt. Also versuchten alle Anbieter in der kurzen Sommersaison mit Rekordrabatten wenigstens etwas Geld in die Kasse zu bekommen. Das gelang nur begrenzt. Und weil gleichzeitig im vorigen Herbst die Gebrauchtwagenpreise niedriger waren als erwartet, beendeten fast alle Vermieter 2020 mit hohen Verlusten. Gesellschaften wie Hertz und Europcar rutschten gar in ein Insolvenzverfahren.

Als nun im Frühjahr 2021 die nächsten Bestellungen anstanden, hielten sich alle Vermieter beim Autokauf deutlich zurück. Dafür sorgte nicht nur der unsichere Ausblick auf die Saison. „Auch ihre Geldgeber wollten angesichts der geringeren Bonität meist weniger und wenn dann nur teurere Kredite geben“, so Sunny-Cars-Chef Sannwald .

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