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Rolls-Royce-Chef „Bei 250.000 Euro beginnt die Marke“

Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös Quelle: Pressebild / Rolls-Royce

Der britische Luxuskarossen-Hersteller Rolls-Royce verkauft so viele Autos wie noch nie. Wie passt das in diese Zeit von Klimaschutzbewegungen und Elektroautos? Fragen an den Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös.

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Der britische Luxusautobauer Rolls-Royce gehört seit 2000 zu BMW. Den Rolls-Royce-Umsatz weist BMW nicht aus. Das Unternehmen sitzt nahe der südenglischen Stadt Chichester, zwei Autostunden südwestlich von London entfernt. Verkauft werden die Autos in mehr als 50 Länder; 2019 eröffnete Rolls-Royce zwei neue Händlerstandorte, in Shanghai und im australischen Brisbane. Torsten Müller-Ötvös arbeitet seit 1988 für BMW, verantwortete unter anderem die Markeneinführung von Mini und das BMW-Produktmanagement. Seit März 2010 leitet er Rolls-Royce.

WirtschaftsWoche: Herr Müller-Ötvös, Sie haben im vergangenen Jahr 5152 Autos ausgeliefert. Das sind 25 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2018. Wie feiern Sie das?
Torsten Müller-Ötvös: Ausgiebig, weil es eine Teamleistung ist. Denn dieses hervorragende Ergebnis liegt nicht nur daran, dass der „Cullinan“ so gut eingeschlagen ist. Das Team aus mehr als 2000 Mitarbeitern hat fantastische Arbeit geleistet, ohne je den Blick nach vorne zu verlieren.

Wenn Sie so feiern würden wie die meisten Ihrer Kunden, gäbe es garantiert Champagner mit Kaviar.
Für mich ist Feiern nicht unbedingt verbunden mit überschwänglichen Aktivitäten. Vielmehr können alle Mitarbeiter mal für einen Moment sehr stolz auf sich und ihre Arbeit sein. Und das sind sie auch. Nächste Woche machen wir in der Zentrale ein „all employee meeting“ anlässlich des Rekordjahres.

Rolls-Royce Cullinan: Das Luxus-SUV für den Matsch
Rolls-Royce Cullinan: Das SUV hat Sitze in der Kofferraumklappe Quelle: Rolls-Royce Motor Cars
Der Rolls-Royce Cullinan in voller Fahrt Quelle: Rolls-Royce Motor Cars
Rolls-Royce Cullinan von hinten Quelle: Rolls-Royce Motor Cars
Schnee, Sand, Schotter – geübte Fahrer manövrieren jedes Vehikel durch schwieriges Gelände Quelle: Rolls-Royce Motor Cars
Wenn er so auf der Autobahn hinter einem im Rückspiegel auftaucht, ist das natürlich eine imposante Erscheinung. Es wäre nachzuvollziehen, wenn sich bei den Insassen eines Kleinwagens davor die Furcht einstellen würde, der Cullinan würde statt zu überholen, einfach über den Twingo oder Panda drüberrollen. Der Zwölfzylinder mit 571 PS und vor allem 850 Newtonmetern Drehmoment würde das durchaus hergeben. Quelle: Rolls-Royce Motor Cars
Rolls-Royce Cullinan durchquert ein Flussbett Quelle: Rolls-Royce Motor Cars
Dieser Wagen scheint überall hinzukommen. Der Durchschnittsverbrauch liegt bei 15 Liter und er stößt 341 g/km CO2 aus, das ist viel - aber ganz so viele Cullinans werden andererseits kaum herumfahren. Quelle: Rolls-Royce Motor Cars

Woher kommt diese enorm gestiegene Nachfrage?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Der „Cullinan“ ist ein Erfolgsprodukt...

...der Ende 2018 eingeführte Rolls-Royce-Geländewagen...
...der wirklich sehr, sehr gut eingeschlagen hat. Wir haben uns auch bewusst Zeit genommen mit diesem Modell. Viele haben uns schon vor Jahren gefragt: Wann kommt denn endlich Rolls-Royce mit solch einem geländetauglichen Auto?

Bentley und Maserati brachten bereits 2016 Luxus-SUV auf den Markt, Lamborghini verkauft seinen Geländewagen „Urus“ seit Ende 2017.
Ich habe immer gesagt: Ich komme dann zur Party, wenn sie in full swing ist, und wenn wir die gewohnte Perfektion anbieten können.

Wie viel Prozent trägt der „Cullinan“ zum Rolls-Royce-Absatz bei?
Rund 40 Prozent. Und die Orderbücher für den „Cullinan“ sind weiterhin sehr voll.

Und die anderen Rolls-Royce-Modelle?
Der Rest des Portfolios läuft sehr stabil. Die Limousine „Phantom“ und auch die beiden Coupés „Wraith“ und „Dawn“. Beim „Ghost“…

…der etwas kleineren, 2009 eingeführten Limousine…
…haben wir natürlich einen Rückgang verzeichnet, weil wir die Produktion Ende 2019 beendet haben. Mitte 2020 bringen wir einen komplett neuen „Ghost“. Wir verzeichnen in fast all unseren Märkten weltweit ein Wachstum von 25 Prozent oder mehr.

Sie verkaufen die luxuriösesten und teuersten Autos der Welt, diese sind sehr groß, sehr schwer und nicht umweltfreundlich. Das ist so gar nicht zeitgemäß. Trotzdem verkaufen Sie so viele dieser Autos wie nie zuvor. Verstehen Sie das selbst?
Die Aussage „nicht zeitgemäß“ ist in diesem Zusammenhang falsch. Wir befinden uns ja nicht im Automobil- sondern im Luxusgütergeschäft. Unsere Kunden brauchen keinen Rolls-Royce, um von A nach B zu kommen, sondern sie suchen etwas ganz Spezielles, etwas Einzigartiges. Fast alle unsere Autos sind mit einem hohen „Bespoke“-Anteil ausgestattet.

Also individualisiert.
Im Luxuskleidung- oder Uhren-Bereich wird auch zunehmend individualisiert. Wir haben das sehr früh erkannt. Und unsere Klientel verändert sich, sie ist massiv jünger geworden. Wir haben den Zahn der Zeit erkannt und sind sehr gut in Kontakt mit unseren Kunden, wahrscheinlich kennen wir unsere Kunden besser als irgendein anderes Luxusunternehmen. Wir wissen sehr genau, was sie wollen und was ihnen gefällt. Insofern finde ich die Bezeichnung „nicht zeitgemäß“ nicht zutreffend. Wir sind extrem zeitgemäß.

Aber sehen Sie nicht den Widerspruch: Auf der einen Seite so viel Aufmerksamkeit und Kampf für mehr Klimaschutz wie wohl noch nie – und auf der anderen Seite ein Rolls-Royce-Verkaufsrekord?
Natürlich sehen wir die Zeichen der Zeit, wir sind da sehr aufmerksam. Und ich habe schon 2018 angekündigt, dass die Marke Rolls-Royce elektrisch wird. Wir sind bereits in der Entwicklung. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung verfolgen wir sehr aufmerksam. Und wir sind sehr froh, dass BMW unsere Mutterfirma ist, weil sie uns Zugriff auf exzellente Expertise weltweit bietet.

Sie sind fast zehn Jahre lang Chef von Rolls-Royce. In Ihrer Amtszeit haben Sie die Zahl der verkauften Autos mehr als vervierfacht. Gleichwohl predigen Sie mit jedem neuen Verkaufsrekord, dass Sie die Zahl der Rolls-Royce limitieren müssen. Wann werden Sie den ersten Kaufwunsch eines Kunden ablehnen?
Gute Frage. Ich freue mich natürlich über die rege Nachfrage, aber die wird nicht in exorbitanten Verkaufszahlen münden. Unsere Aufgabe ist es, die Balance zwischen Preispositionierung und Rarität sicherzustellen. Die Kontrolle darüber haben wir. Als ich angefangen habe als Rolls-Royce-CEO Anfang 2010, verkauften wir im Jahr knapp über 1000 Autos. Nach zehn Jahren sind wir nun bei mehr als 5000. Wir sind relativ langsam gewachsen. Und auch 5000 ist in diesem riesigen globalen Markt natürlich keine große Zahl. Ich mache mir keine Sorgen um Exklusivität, solange man einen Rolls-Royce nicht an jeder Straßenecke sieht – und das wird man nicht. Gefährlich wäre es, die Preise zu senken, um die Produktion zu erhöhen. Das tun wir aber nicht. Wir bieten keinen Rolls-Royce unterhalb der Preisklasse des Ghosts an.

Der Ghost kostet in einfacher Ausführung 250.000 Euro.
Richtig. Da beginnt die Marke.

In Ihrer Amtszeit ist das Durchschnittsalter des Rolls-Royce-Fahrers von 56 auf 43 Jahre gesunken. Mittlerweile zählen Jungmilliardäre wie etwa die 22-jährige Kylie Jenner zu Ihren Kunden. Verändert sich Ihre Arbeit durch die Verjüngung Ihrer Kunden?
Nicht wirklich. Ich war und bin viel unterwegs in der Welt, treffe mich viel mit Kunden, das macht die Position so interessant. Und seit einiger Zeit genieße ich es zu sehen, auf welch faszinierende Geschäftsideen junge Menschen kommen. Diese Geschäftsideen sorgen dann auch für erheblichen Wohlstand und Status. Unsere Kunden haben eine sehr dynamische Lebensweise. Das einzige, was wir verändern, ist die Art, wie wir mit unseren jünger werdenden Kunden kommunizieren, wie wir die sozialen Medien betreiben.

Ende Januar wird Großbritannien wohl aus der EU austreten. Rolls-Royce bezieht rund 92 Prozent seiner Zulieferungen und Komponenten von außerhalb Großbritanniens. Wie bereiten Sie sich auf den Brexit vor?
Die Wahl hat zum Glück einen Teil der Unsicherheit genommen. Diese Unsicherheit war Gift für die Wirtschaft in Großbritannien. Jetzt muss der Brexit gemacht und entsprechende Handelsbeziehungen ausgehandelt werden. Das weiß die Regierung. Wenn das gelungen ist, wird das gut ausgehen, davon bin ich überzeugt. Wir haben uns vorbereitet, soweit wir das können. Auf Halde können wir nicht produzieren, da fast alle unsere Autos nach individuellen Kundenwünschen gefertigt werden. Am wichtigsten sind für uns die funktionierende Logistikkette und problemlose Visa für künftige Mitarbeiter. Wir befürchten aber keine großen Disruptionen.

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