Rückrufe Autobauer riefen 2017 weniger Fahrzeuge zurück

Auto-Rückrufe Quelle: imago

Seit dem Skandal um fehlerhafte Airbags im Jahr 2014 sind die Rückrufzahlen in der Autobranche förmlich explodiert. Langsam sinken die Zahlen wieder – ausgerechnet bei einem deutschen Premium-Hersteller aber nicht.

Die Rückrufe der Autobauer bleiben auf sehr hohem Niveau. Nach Berechnungen des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach haben die Hersteller auch im vergangenen Jahr mehr Autos zurückgerufen als sie verkauft haben. Die Rückrufquote, die die Zahl der zurückgerufenen Fahrzeuge in Relation setzt zu den Neuzulassungen des Jahres, lag bei 147 Prozent in 2017 (2016: 291 Prozent).

Das CAM analysiert seit dem Jahr 2005 jährlich die Rückrufe der globalen Automobilhersteller. Als Referenzmarkt beziehen sich die Studienautoren dabei auf die USA – der US-Markt ist laut dem CAM aufgrund seiner Absatzgröße, der relativ scharfen Sicherheitsrichtlinien und vor allem des hohen Klagerisikos ein aussagekräftiger Indikator für die Produktqualität der Automobilkonzerne. Der aktuellen Auswertung zufolge wurden in den USA 2017 über 25,5 Millionen Autos (inklusive der Light Commercial Vehicles, worunter die in den USA beliebten Pick-up-Modelle fallen) in die Werkstätten zurückgerufen.

Rund 31 Prozent der Rückrufe – in der Summe 7,9 Millionen Fahrzeuge – entfielen dabei weiterhin auf fehlerhafte Airbags des japanischen Zulieferers Takata. Der 2014 bekanntgewordene Skandal hatte seitdem zu den höchsten Rückrufzahlen seit Beginn der Aufzeichnung geführt – 2014 lag die Rückrufquote bei 379 Prozent. Die Rückrufquote lag bereits in acht der letzten zehn Jahre über 100 Prozent, ist aber erst seit 2014 enorm in die Höhe geschnellt. Laut den Studienautoren ist seit dem Takata-Skandal und der Affäre um defekte Zündschlösser bei General Motors die Sensibilität für Qualitätsmängel stark gestiegen, was die konstant hohe Rückrufquote teilweise erkläre.



Gemessen an der Rückrufquote liegt BMW auf dem unrühmlichen Spitzenplatz. Wegen des verhältnismäßig geringen US-Absatzes der Münchner treiben zwei große Rückrufe (740.561 Fahrzeuge wegen einer defekten Kurbelgehäuseentlüftung, 702.965 Fahrzeuge wegen einer defekten Verkabelung um Heiz- und Klimasystem) die Rückrufquote auf 588 Prozent. Bei der Rückrufmenge liegt FiatChrysler (FCA) vorne mit 4,8 Millionen Fahrzeugen – unter anderem mussten viele Autos mit Automatikgetriebe zurückgerufen werden, weil sich der Wählhebel aus der Park-Position bewegen ließ, obwohl die Bremse nicht getreten war. Wegen dieses Defekts war unter anderem 2016 der Schauspieler Anton Yelchin (Star Trek) von seinem Jeep überrollt und tödlich verletzt worden.

VW und Daimler liegen mit Rückrufquoten von 294 beziehungsweise 287 Prozent im oberen Mittelfeld. Bei VW beziehen sich die größten Rückrufe auf Probleme bei der Motorkühlung (324.867 Fahrzeuge) und der Benzinpumpe (521.402). Bei Daimler entfällt knapp die Hälfte der Rückrufe auf einen fehlerhaften Frontairbag.

Die Studie zeigt aber auch positive Beispiele auf: Bei den japanischen Autobauern Nissan (73 Prozent), Toyota (53 Prozent) und Subaru (40 Prozent) sank die Rückrufquote. Sie waren allerdings zuvor auch extrem stark von den Airbagproblemen bei Takata betroffen. Tesla hat eine Rückrufquote von 71 Prozent und muss insgesamt 39.051 Fahrzeuge nachbessern. Über 31.000 Model S und X verfügen über fehlerhafte elektronische Parkbremsen.

Trotz der geringeren Rückrufquoten sieht Studienleiter Stefan Bratzel in den Zahlen der vergangenen Jahre den Beleg, dass das Thema Produktqualität ein zentrales Thema für die Industrie bleibe. „Wenn 9 von 16 untersuchten Herstellern in 2017 wegen sicherheitstechnischer Mängel mehr Fahrzeuge zurückrufen müssen als diese im gleichen Zeitraum verkauft haben, ist das insgesamt ein bedenkliches Qualitätsniveau der Branche“, sagt Bratzel. Außerdem stelle die Zahl der sicherheitsrelevanten Mängel meist
nur die „Spitze des Eisbergs“ dar. Hinzu komme eine große Anzahl stiller Rückrufe oder auch Serviceaktionen, die in den offiziellen Zahlen nicht enthalten sei.

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