Russland Abschied auf Raten

Die russische Regierung versucht den Automarkt des Landes vor dem Absturz zu bewahren – ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen.

Volkswagen in Russland Quelle: dpa

Für Russlands Wirtschaft wird 2015 ein rabenschwarzes Autojahr. Die Autoexperten der Gesellschaft für Europäische Unternehmen in Russland AEB gehen von einem Absatzminus von 25 Prozent aus. Damit sinkt die Zahl der verkauften Fahrzeuge abzüglich der Importe auf 1,5 Millionen. Das entspricht dem Niveau von 2009. Produzieren könnten die russischen Werke mehr als doppelt so viele Autos. Unfreiwillige Werksferien und Entlassungen sind seit Monaten an der Tagesordnung.

So stellt Volkswagen in Kaluga 190 Kilometer südwestlich von Moskau von Mai bis Juli vom Drei- auf ein Zwei-Schicht-System bei einer Vier-Tage-Woche um, vom 1. Mai an ruht der Betrieb für zwei Wochen. 150 Mitarbeiter mit befristeten Verträgen müssen gehen. Nur für einen Teil finden sich neue Jobs im Ersatzteillager in Tschechov, 80 Kilometer südlich von Moskau, das im zweiten Quartal eröffnet wird, sowie im Motorenwerk in Kaluga, das in der zweiten Jahreshälfte den Betrieb aufnehmen soll.

Kein Wunder, dass der Kreml versucht zu retten, was zu retten ist. Das Ministerium für Industrie und Handel hat ein Hilfspaket über insgesamt zehn Milliarden Rubel (umgerechnet 160 Millionen Euro) durchgeboxt. Je zur Hälfte soll das Geld in die Verlängerung einer Abwrackprämie für alte Autos und in subventionierte Kredite für Autokäufer fließen.

Wo deutsche Unternehmen in Russland aktiv sind
E.On-Fahnen Quelle: REUTERS
Dimitri Medwedew und Peter Löscher Quelle: dpa
Dem Autobauer bröckelt in Russland die Nachfrage weg. Noch geht es ihm besser als der Konkurrenz. Martin Winterkorn hat einige Klimmzüge machen müssen - aber theoretisch ist das Ziel erreicht: Volkswagen könnte in Russland 300.000 Autos lokal fertigen lassen. Den Großteil stellen die Wolfsburger in ihrem eigenen Werk her, das 170 Kilometer südwestlich von Moskau in Kaluga liegt. Vor gut einem Jahr startete zudem die Lohnfertigung in Nischni Nowgorod östlich Moskau, wo der einstige Wolga-Hersteller GAZ dem deutschen Autoriesen als Lohnfertiger zu Diensten steht. Somit erfüllt Volkswagen alle Forderungen der russischen Regierung: Die zwingt den Autobauer per Dekret dazu, im Inland Kapazitäten aufzubauen und einen Großteil der Zulieferteile aus russischen Werken zu beziehen. Andernfalls könnten die Behörden Zollvorteile auf jene teuren Teile streichen, die weiterhin importiert werden. Der Kreml will damit ausländische Hersteller zur Wertschöpfung vor Ort zwingen und nimmt sich so China zum Vorbild, das mit dieser Politik schon in den Achtzigerjahren begonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die Nachfrage in Russland bricht gerade weg - nicht im Traum kann Volkswagen die opulenten Kapazitäten auslasten. 2013 gingen die Verkäufe der Marke VW um etwa fünf Prozent auf 156.000 Fahrzeuge zurück. Wobei die Konkurrenz stärker im Minus war. Hinzu kommt jetzt die Sorge um die Entwicklungen auf der Krim. VW-Chef Martin Winterkorn sagte der WirtschaftsWoche: "Als großer Handelspartner blicekn wir mit Sorge in die Ukraine und nach Russland." Er verwies dabei nicht nur auf das VW-Werk in Kaluga, sondern auch auf die Nutzfahrzeugtochter MAN, die in St. Petersburg derzeit ein eigenes Werk hochfährt. Der Lkw-Markt ist von der Rezession betroffen, da die Baukonjunktur schwächelt. Quelle: dpa

Zusätzlich sollen russische Behörden für elf Milliarden Rubel Autos und Kommunen für 600 Millionen Rubel Straßenbahnen und Oberleitungsbusse bestellen. Insgesamt macht der Kreml knapp 24 Milliarden Rubel, umgerechnet gut 395 Millionen Euro locker. „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Bernd Hones, Russland-Korrespondent von Germany Trade and Invest (GTAI), der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing in Bonn.

Deutsche profitieren nicht

„Deutsche Hersteller werden von den Maßnahmen kaum profitieren“, erwartet der Experte. Die russische Regierung rechnet vor, dass bis Jahresende durch das Hilfspaket 200 000 Autos einen Käufer finden sollen. „In erster Linie werden das wohl Kleinwagen sein“, sagt GTAI-Experte Hones. Der russische Hersteller Avtovaz mit der Marke Lada dürfte am stärksten von der Prämie profitieren. Weitere Kandidaten sind die koreanischen Marken Kia, Hyundai, SsangYong sowie der chinesische Hersteller Great Wall. Für Avtovaz-Chef Bo Andersson reichen die Bemühungen der Regierung nicht aus. Er schlägt vor, dass die Staatsunternehmen beim Autokauf künftig darauf achten sollten, welcher Hersteller die meisten Zuliefererteile in Russland kauft und somit für qualifizierte Arbeitsplätze sorgt. „Wir würden gerne eine indirekte Regierungsunterstützung darin sehen“, so Andersson.

Ohne strategische Folgen

Für ein umfangreiches Hilfsprogramm hat die Regierung indes kein Geld. Schon jetzt greift sie diverse Reservefonds stark an, um die Wirtschaft zu stützen. „Natürlich wird sie die mühsam aufgebaute Automobilindustrie stützen, aber es ist fraglich, wie lange und in welchem Umfang das finanzierbar ist“, sagt Edda Wolf, Leiterin GUS/Südosteuropa bei der GTAI.

Für Opel kommt das russische Hilfsprogramm zu spät. Die Tochter des US-Autokonzerns General Motors (GM) hat kürzlich den Rückzug aus Russland angekündigt. Die 70 000 Autos, die Opel-Chef Karl-Thomas Neumann in Russland losschlagen wollte, hofft er in Europa zusätzlich abzusetzen. Ob das gelingt, ist allerdings fraglich.

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Konkurrent Ford will bleiben: „Ein Rückzug aus Russland steht für uns nicht zur Debatte“, heißt es aus der Europa-Zentrale. Man werde wie 2014 angekündigt bis Ende 2016 sechs neue Modelle bringen und setze auf das langfristig große Potenzial Russlands. Auch Ford und Joint-Venture-Partner Sollners haben Mitarbeiter entlassen und passen die Produktion an.

Dirk Meyer, Partner beim Forum Russland, das Autofirmen bei der Expansion in Putins Reich unterstützt, geht davon aus, dass es viele Jahre dauern wird, bis das Vertrauen in den Markt zurückkehrt. Das Hilfspaket werde bestenfalls Unternehmen helfen, die bereits in Russland investiert haben. Und es werde die wirtschaftlichen Schäden nur etwas eindämmen. „Eine strategische Entscheidung wird es aber wohl kaum beeinflussen.“

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