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Schwarze Zahlen trotz Corona Darum haben vermeintliche Tesla-Killer keine Chance gegen Musks E-Auto

Die meisten Autobauer haben im zweiten Quartal Corona-bedingt starke Umsatz- und Gewinneinbrüche hinnehmen müssen. Nicht so Tesla. Quelle: dpa

Tesla hat das Kunststück geschafft: Obwohl auch bei den Kaliforniern wegen der Coronakrise für Wochen die Bänder still standen, hat der Autobauer im zweiten Quartal erneut schwarze Zahlen geschrieben.

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Tesla ist, so scheint es, ist über den Berg. Der US-Elektroautobauer hat in der vergangenen Nacht die Zahlen für sein zweites Quartal 2020 vorgelegt und selbst optimistische Beobachter überrascht. Die meisten anderen Autobauer haben, soweit bisher bekannt, im zweiten Quartal Corona-bedingt starke Umsatz- und Gewinneinbrüche hinnehmen müssen. Nicht so Tesla: Obwohl auch der E-Pionier in seinem Stammwerk Fremont und im neuen Werk in Shanghai wegen der behördlichen Schutzmaßnahmen über mehrere Wochen keine Autos bauen konnte, hat das Unternehmen von Gründer und CEO Elon Musk im Zeitraum April bis Juni wieder schwarze Zahlen vorgelegt.

Mit 6,04 Milliarden Dollar lag der Umsatz in etwa auf dem Niveau des ersten Quartals. Tesla hat dafür trotz Corona 90.650 Autos ausgeliefert, sogar rund 2000 mehr als im ersten Quartal. Weit eindrucksvoller als der Umsatz aber ist der Gewinn: Er stiegt gegenüber dem ersten Quartal 2020 von 16 auf solide 104 Millionen Dollar. Auch seine Liquiditätsreserven konnte Tesla weiter aufpolstern: In der Bilanz der Kalifornier stehen nun 8,6 Milliarden Dollar Barreserven.

Crash-Propheten sind verstummt

Damit hat Tesla nun bereits vier Quartale in Folge keinen Verlust mehr ausgewiesen. Musks Plan scheint also aufzugehen: Zunächst über große, teure E-Autos wie das Model S und ein eigenes Netz aus Schnellladesäulen die Alltagstauglichkeit der Elektroautos beweisen, danach über günstigere Modelle wie das Model 3 und das neue Model Y die Stückzahlen skalieren, die Kosten pro Auto stark drücken und so Geld verdienen.

An der Börse sprang die Aktie nach Handelsschluss um rund acht Prozent nach oben, sie war allerdings in den letzten Wochen schon deutlich angestiegen. Mit einem Börsenwert von rund 300 Milliarden Dollar ist Tesla, das derzeit wohlgemerkt im besten Fall Hunderttausend Autos im Quartal baut, weiterhin mehr Wert als VW, Toyota oder sonst irgendein traditioneller Autokonzern der Welt, die je ein Vielfaches an Umsatz machen.

Die mitunter lautstarken Skeptiker um den ehemaligen GM-Chef Bob Lutz und den populären Schweizer Crashpropheten Marc Faber sind derweil stumm geworden. Über Jahre haben sie immer wieder eine alsbald drohende Pleite der Kalifornier geweissagt – und dabei ein Faktum übersehen: Der Wandel zur Elektromobilität ist in vollem Gang und nicht mehr aufzuhalten; für Investoren, die auf das Thema setzen wollen,  gibt es außer ein paar chinesischen Aktien und einigen wackeligen Startups keine Alternative zu Tesla. Mit nunmehr vier profitablen Quartalen in Folge hat Tesla zudem die letzte formale Hürde für die Aufnahme in den Aktienindex S&P 500 genommen, was weitere Anleger in den Titel treiben wird. 

Musk legt die Latte weiter hoch - und hat Qualitätsprobleme

Zu Beginn des Jahres hatte Musk das Ziel ausgegeben, 2020 eine halbe Millionen Autos ausliefern zu wollen. Dabei liegt die Latte nun hoch, denn wegen der Werksschließungen in Fremont und im chinesischen Shanghai hat Tesla nach der Hälfte der Zeit gerade mal 200.000 Fahrzeuge ausgeliefert. In beiden Werken konnte über sechs oder sieben Wochen nicht produziert werden. „Obwohl es schwieriger geworden ist, bleibt eine halbe Million Fahrzeuge im Jahr 2020 unser Ziel“, sagte Musk dazu heute Nacht. Im Stammwerk Fremont baut Tesla dafür eine weitere Zelt-Halle auf, um vor allem mehr Stücke des neuen Model Y bauen zu können. Musk fährt die Produktionsrate des in den USA seit dem ersten Quartal erhältlichen Model Y viel schneller hoch als geplant.

Das führt, wie schon vor zwei Jahren beim Markthochlauf des etwas kleineren Model 3, zu nicht unerheblichen Qualitätsmängeln bei den ausgelieferten Autos, wie frühe US-Käufer berichten. Der renommierte US-Consumer Report, vergleichbar mit der Stiftung Warentest, hatte dem Model Y daraufhin eine verheerende Benotung ausgestellt. Musk wischte dies in der ihm zuweilen eigenen arroganten Art mit dem Hinweis vom Tisch, dass Tesla „anders als Japaner, Europäer und Detroit kein Geld an den Consumer Report überweist“. Was stimmt. Doch die Berichte der Kunden über die Qualitätsmängel wie schlechte Lackierung und klemmende Türgriffe sind plausibel und zahlreich; sie erinnern an ähnliche Probleme aus den ersten Produktionsquartalen des Model 3 Anfang 2018.

Tesla wird sie in den Griff bekommen und seinen Service verbessern müssen, sonst wird dem Pionier weiterhin das lukrative Geschäft mit Flottenmanagern entgehen. Die Flottenmanager sind deutlich weniger bereit als die vielen privaten Fans, solche Mängel hinzunehmen. Zudem muss Musk eine oder mehrere Banken finden, mit denen er ein konkurrenzfähiges Leasing-Angebot aufbauen kann; denn noch wird Tesla im Leasing stets von allen Wettbewerbern weit unterboten.

Tesla zieht technologisch weiter davon

Doch diese Probleme sind lösbar. Allerdings scheint Musk seine Priorität weiter klar auf Expansion zu legen und nicht auf das Beheben von aus seiner Sicht nicht strategischen Qualitäts- und Serviceproblemen. In Grünheide bei Berlin treibt Musk gegen die in Deutschland nicht anders zu erwartenden Widerstände den Bau der ersten europäischen Gigafabrik voran. Mal blockieren vermeintliche Umweltschützer wie ein merkwürdiger, Afd-naher Anti-Windkraft-Verband durch Klagen den Baufortschritt, mal ein Streit um die benötigten Wassermengen oder Pfahlfundamente, wie aktuell. Doch Musk weiß die Politik auf seiner Seite, die das vorhaben als Prestigeobjekt für die Ansiedelung von Zukunftstechnologie in Deutschland unbedingt durchziehen will. Derweil scheint die Standortentscheidung für das vierte US-Werk Teslas gefallen zu sein; Musk deutete in der Nacht an, dass die texanische Stadt Austin das Rennen gemacht hat.

Zugleich merkt ein Wettbewerber nach dem anderen, dass es technologisch immer schwieriger wird, zu Tesla aufzuschließen und die laute Selbstbeweihräucherung als Tesla-Killer etwas voreilig war. Das größte Asset neben einer modernen Chip- und Software-Architektur ist dabei Teslas überlegene Energieeffizienz. Mit gleich großem Akku kommen Tesla-Kunden nach wie vor signifikant weiter als die Kunden anderer Hersteller. Außerdem kann Tesla sich dank der eigenen Lithium-Ionen-Zellproduktion mit Panasonic in Reno, Nevada, weitgehend unabhängig von den mächtigen Akkuzellen-Oligarchen aus China und Südkorea machen; bei anderen Herstellern war es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Lieferengpässen gekommen. 

Vielleicht am wichtigsten: Mit dem firmeneigenen Supercharger Netz aus Schnellladesäulen kann Tesla nach wie vor als einziger Autobauer im Alltag garantieren, dass seine Kunden jederzeit ihre gewünschten Ziele erreichen. Tesla hat im zweiten Quartal die Marke von 2000 Supercharger-Standorten erreicht. In Hilden bei Düsseldorf entsteht derzeit – ebenfalls im Rekordtempo – der bisher größte Schnellladepark außerhalb der USA mit 60 Tesla-Schnellladern. So lange die Wettbewerber dem nichts entgegen setzen können oder wollen, dürfte Tesla weiter von Quartalserfolg zu Quartalserfolg eilen.

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