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Schweden fahren voran Volvos Tempolimit ist nur scheinbar radikal

Volvos Zukunft? Der Polestar 2, hier auf dem Genfer Autosalon, soll Tesla Konkurrenz machen. Quelle: REUTERS

In Deutschland kommt die hitzige Diskussion über ein Tempolimit nicht vom Fleck. Volvo führt es in seinen Autos einfach ein. Der Schritt mutet revolutionär an – dabei ist er Teil einer kalkulierten Zukunftsstrategie.

In PR-Coups entwickelt Håkan Samuelsson allmählich Routine. Im Sommer 2017 verdutzte der Chef von Volvo seine Branche und die Öffentlichkeit mit der Ansage, ab diesem Jahr keine Verbrennungsmotoren mehr zu entwickeln. Der neueste Streich: Autos des schwedischen Konzerns fahren künftig nicht schneller als 180 Kilometer pro Stunde. Das verkündete Volvo vor Beginn des Genfer Autosalons.

Während hierzulande heftig über eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung debattiert wird, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) derlei Überlegungen als „gegen jeden Menschenverstand“ bezeichnet und der oberste Autolobbyist Bernhard Mattes vor einem „Kreuzzug gegen das Auto“ warnt, schafft Samuelsson Fakten. Der Volvo-Chef geht noch weiter: „Ein allgemeines Tempolimit reicht nicht aus“, sagte er am Montag. „Wir sollten vielmehr alles in unserer Macht stehende tun, selbst wenn wir dadurch nur ein einziges Menschenleben retten.“

Pathetische Worte, mit denen Samuelsson auf seine Weise an den Menschenverstand appelliert – aber womöglich auch Kunden verschrecken könnte? Im Gegenteil, erwartet der Schwede. „Wir werden mehr Käufer anlocken, als wir verlieren.“ Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält das für plausibel. „In Deutschland wird das keine Kunden kosten“, prognostiziert der Präsident des CAR-Centers for Automotive Research an der Universität Duisburg. „Leute, die 250 fahren, gibt es immer weniger, und sie kaufen auch keinen Volvo.“

Fakt ist: Es geht um eine vergleichsweise überschaubare Zahl an Kunden. 45.134 Autos verkaufte Volvo laut vorläufigem Geschäftsbericht im vorigen Jahr in Deutschland. Das sind sieben Prozent der insgesamt rund 640.000 weltweit verkauften Wagen und ein Plus von 11,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Fast ein Viertel der Volvo-Pkw gehen mittlerweile in den chinesischen Markt. Zum Vergleich: Volkswagen lieferte 2018 allein in Deutschland 1,28 Millionen Fahrzeuge aller Konzernmarken aus.

Volvos Schritt mutet radikal an und ist doch nur Teil einer kalkulierten Strategie. Auf dem Genfer Autosalon präsentiert Volvo erstmals ausschließlich Hybrid- und Elektroautos. Volvos Eigentümer ist seit 2010 der chinesische Autobauer Geely. In China sind E-Autos längst weiter verbreitet als hier, was nicht zuletzt an Vorgaben aus Peking samt Quoten für ausländische Hersteller liegt.

Erst vor wenigen Tagen präsentierte die Volvo-Tochter Polestar den gleichnamigen, rein elektrischen Mittelklassewagen „Polestar 2“. Mit Preisen ab 40.000 Euro geht Volvo damit auch in Konkurrenz zum amerikanischen E-Auto-Pionier Tesla. Seit zweieinhalb Jahren fließt das – im Branchenvergleich eher kleine – Budget für Forschung und Entwicklung vollständig in die Entwicklung von E-Autos statt saubereren Dieseln.

Die Geschwindigkeit der Autos zu drosseln, hat Experten zufolge auch betriebswirtschaftlich Vorteile. Kleinere Motoren sind günstiger, und jeder Stundenkilometer langsamer schont die Batterien. „Das Gesamtpaket ist durchdacht, glaubwürdig und alleinstehend“, sagt Dudenhöffer. „Der Marke wird das langfristig helfen.“

Weltweit betrachtet ist die Konsequenz der Nachricht ohnehin eher bedeutungslos. In den relevanten Absatzmärkten gibt es neben Deutschland lediglich zwei Regionen, in denen kein Tempolimit auf Autobahnen gilt. Das sind der indische Bundesstaat Uttar Pradesh und die Isle of Man. Aber dort gibt es keine Autobahnen. Nicht mal auf dem Sheikh-Khalifa-bin-Zayed-Highway in den Vereinigten Arabischen Emiraten würde ein Volvo mit Limit bei 180km/h den Verkehr aufhalten – dort gilt ein Limit von 160km/h.

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