Selbstfahrende Autos Waymo-Chef: „Unser System war zu fortgeschritten“

Waymo-Chef John Krafcik Quelle: REUTERS

Waymo-Chef John Krafcik über die Leidenschaft fürs Autofahren, den Segen früher Rückschläge – und einen möglichen Start seiner Robo-Taxis in Deutschland.

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John Krafcik, 58, kennt sich mit selbstfahrenden Autos aus: Im September 2015 übernahm er die Führung über das Google-Projekt, das nun unter dem Namen Waymo eine eigenständige Tochter des Alphabet-Konzerns ist. Unter diesem Dach hat das Unternehmen, das einst als Betreiber der bekannten Suchmaschine gestartet ist, all seine weiteren Aktivitäten gebündelt: von der Biotechnologie über Glasfaseranschlüsse und Risikokapitalanlagen bis zu Anwendungen künstlicher Intelligenz. Der Maschinenbauingenieur ist tief mit der Autobranche verwurzelt. Er war 14 Jahre Manager bei Ford und zehn Jahre bei Hyundai Motor America, darunter fünf Jahre als dessen Chef.


Mr. Krafcik, wann wird Waymo seine Dienste auch außerhalb der USA anbieten?
Wir sind zwar in den USA gestartet, aber unsere Ambitionen waren schon immer global. Im Juni 2019 haben wir beispielsweise eine Partnerschaft mit Renault Nissan geschlossen, bei der wir alle Aspekte autonomen Fahrens für Passagiere als auch Fracht in Frankreich und Japan erkunden wollen. Ein Beispiel ist die Anbindung des Flughafens Charles de Gaulle mit der Pariser Innenstadt.

Wann kommt Waymo nach Deutschland?
Deutschland ist sehr spannend für uns. Wir arbeiten ja bereits mit wirklich großartigen deutschen Unternehmen wie Bosch zusammen. Ich liebe Deutschland: Meine Frau ist Deutsche und wir haben viele Freunde dort.

Also: Wann bringt der Deutschlandliebhaber Krafcik seine autonome Flotte nach Deutschland?
Momentan möchte ich noch keinen Zeitpunkt nennen. Aber es hat hohe Priorität für uns.

Deutsche Autokonzerne halten eine flächendeckende Abdeckung mit Mobilfunknetzen der neuesten Generation, also 5G, für unabdingbar, um selbstfahrende Autos durch den Verkehr zu schicken. Sie nicht?
Vom Start weg sind wir mit dem Grundsatz herangegangen, nicht von Telekommunikations-Infrastruktur abhängig zu sein. Deshalb haben wir unsere Technologie für die selbstfahrenden Autos so entwickelt, dass sie mit den gleichen Bedingungen wie auch ein normaler Autofahrer zurechtkommen muss. Wir brauchen also weder 5G und auch nicht 4G für sicheres, autonomes Fahren. Mobilfunk wird von uns nur für den Kundenservice genutzt sowie für Funktionen wie das Anfordern von Fahrten via App oder Flottenmanagement.

Waymos Strategie hat sich in den vergangenen Jahren also kaum geändert?
Eine unserer frühen Ideen war ein Produkt, um autonom auf der Autobahn zu fahren, von der Auffahrt bis zur Abfahrt. Freihändiges Fahren, aber der Fahrer sollte immer eingreifen können. Das war 2013 ­ und ähnelt heutigen Fahrassistenzsystemen.

Das haben Sie aufgegeben?
Ja. Wir hatten Dutzende von hochmotivierten Mitarbeitern für den Test gewonnen, die alle eine lange Anfahrt zur Arbeit hatten, mit viel Highway-Strecke. Bedingung war, dass sie sehr aufmerksam sein müssen, sich nicht ablenken lassen und immer ihre Augen auf der Straße haben. Wir haben ihnen außerdem klar gesagt, dass wir ihr Verhalten mit Kameras überprüfen würden und sie den Testwagen abgeben müssen, wenn sie sich nicht daran halten.

Was ist passiert?
Trotz dieser klaren Anweisungen haben wir leider viele Situationen beobachtet, wo die Fahrer unaufmerksam waren, beispielsweise während der Fahrt Kurznachrichten sendeten, Make-up aufgelegten oder mit dem Laptop hantierten. Dann gab es schließlich einen Zwischenfall, der uns gezwungen hat, das Projekt schon nach wenigen Wochen zu beenden. Ein Fahrer schlief ein, während sein Wagen mit 90 Stunden Kilometer den Highway entlang düste.

Das ist ja nicht gerade ein vielversprechender Start...
Das Gute daran ist, dass wir so sehr frühzeitig mit einem Dilemma des autonomen Fahrens konfrontiert wurden. Unser System war zu fortgeschritten. Es war so gut, dass menschliche Fahrer sich sehr schnell mit ihm sicher fühlten – viel zu sicher. Uns wurde klar, dass dies ein grundlegendes Problem von Fahrassistenzsystemen ist. Je besser man sie gestaltet, umso schneller vertrauen menschliche Fahrer ihnen und werden leichtsinnig.

Wie lässt sich das Dilemma lösen?
Aus unserer Sicht nur, indem man den menschlichen Fahrer völlig herausnimmt. Wir sind fest davon überzeugt, dass sicheres autonomes Fahren nur so funktioniert. Deshalb haben wir uns frühzeitig gänzlich dem vollautonomen Fahren verschrieben, ohne menschlichen Fahrer hinter dem Steuer.

In Ihren Robotaxis haben Sie diese Überzeugung sogar in einem Aufkleber auf dem Lenkrad manifestiert.
Auf ihm ist gedruckt: „Bitte fassen Sie nicht das Lenkrad an. Der Waymo Fahrer hat alles jederzeit unter Kontrolle.“ Unseres Wissens ist dieser Sticker weltweit einzigartig. Der erste, der versichert, dass eben nicht der Nutzer des Autos für das Fahren verantwortlich ist. Sondern der erste vollautomatische Fahrer der Welt, der „Waymo Fahrer“, wie wir ihn bezeichnen.

Wie rasch wird dieser sogenannte Level 4 Service, also ganz ohne Fahrer, für die Allgemeinheit verfügbar sein?
Er ist es schon heute, durch unseren Waymo One Service in Phoenix in Arizona. Dort haben wir 2017 mit einem kleinen Feldversuch begonnen und diesen im Sommer 2019 auf ausgewählte Passagiere erweitert. Seitdem holen einige unserer Fahrzeuge völlig leer Fahrgäste ab und bringen sie an das gewünschte Ziel. Es ist also keine Frage mehr, ob das funktioniert, sondern wie man am besten den Service auf andere Regionen erweitert. Dabei kommt es nicht darauf an, wie schnell man das tut, sondern wie sicher und dass man die Einwohner dabei mit einbezieht.

Was haben Sie in Phoenix gelernt?
Wir wissen jetzt viel genauer, was unsere Passagiere von autonomen Fahrzeugen erwarten und wie man den Service verbessern und weiter entwickeln kann.  Beispielsweise, wo genau am Abholort die Passagiere bevorzugen, sicher zuzusteigen und auszusteigen, bis hin zum Entertainment auf der Fahrt. Ein Alleinstellungsmerkmal, dass unsere Gäste wirklich schätzen ist, dass sie in einem komplett leeren Wagen, der vollautomatisch gesteuert wird, abgeholt werden, was ihnen sowohl Ruhe gönnt als auch Sicherheit gibt.

Können Sie die Erkenntnisse aus Phoenix auf andere Regionen übertragen oder muss dort immer wieder neu begonnen werden, weil die Straßen anders sind oder die Wetterverhältnisse?
Unsere Erfahrung in Phoenix und anderen Regionen, wo wir getestet haben, zeigt, dass sich dies übertragen lässt. Wir haben keinen Zweifel daran, dass wir den Waymo Service global ausrollen können. Wie lange das dauert, hängt natürlich auch von lokalen Gegebenheiten ab, nicht nur das Wetter, auch kulturelle Unterschiede beim Fahren und andere Faktoren. Aber wir bauen gerade unsere Organisation und unsere Ressourcen so aus, dass wir in den nächsten Jahren in vielen Städten gleichzeitig starten können. 

„Ich kann mich mit dem berühmten deutschen Fahrvergnügen selber identifizieren“

Wie positionieren Sie Waymo zu Autoherstellern? Sind das Wettbewerber?
Nein, wir verstehen uns als Partner. Dafür muss man verstehen, dass wir unterschiedliche Produkte anbieten. Die Autohersteller produzieren Autos und Trucks, während wir bei Waymo „Fahrer herstellen“. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Autos und Lastwagen sind Werkzeuge zum Fortbewegen mit einem menschlichen Fahrer. Waymos Produkt ersetzt den menschlichen Fahrer. Das sind klar definierte Rollen, wo sich jeder auf seine Stärken konzentrieren kann.

Wie sind die Aufgaben aus Ihrer Sicht verteilt?
Wir bieten mehr als eine Dekade Erfahrung mit autonomem Fahren, mehr als 30 Millionen Kilometer Fahrten auf öffentlichen Straßen, mehr als 20 Milliarden Kilometer simuliertes Testen, um völlig automatische Systeme zu entwickeln und zu bauen. Wir kooperieren mit Autoherstellern, beispielsweise FiatChrysler, Jaguar-Landrover und Renault Nissan, die über langjährige Fertigungen in der Autoproduktion und deren weltweite Skalierung verfügen. Gemeinsam arbeiten wir daran, unseren Waymo-Fahrer in verschiedene Autoplattformen und -Modelle zu integrieren. Gleichzeitig teilen wir die dabei gewonnenen Erfahrungen, was sinnvolle Lebenszyklen angeht, Formfaktoren, Funktionen, thermisches Management und andere Fahrzeugeigenschaften. Ich bin überzeugt, dass beide Seiten von der Partnerschaft profitieren.

Sie haben kürzlich zum ersten Mal externes Kapital in Höhe von drei Milliarden Dollar eingesammelt. Was werden Sie damit tun?
Wir haben damit unser Team ausgebaut, durch Finanzinvestoren und strategische Partner wie etwa der Autozulieferer Magna International und der Autohändler Autonation. Mit ihnen werden wir in den nächsten Jahren in unsere Mitarbeiter, unsere Technologie und unseren Service investieren, um dem Waymo Driver auf der ganzen Welt einzuführen.

Ist es denn in Zukunft überhaupt noch sinnvoll, sich ein Auto anzuschaffen?
Wir sehen bereits die Veränderungen, wie sich die Menschen fortbewegen. Beispielsweise in größeren Städten, wo viele, hier besonders Millenials, darauf verzichten, ein Fahrzeug zu besitzen. Unser Waymo One Service richtet sich an alle, die es bevorzugen, ein Auto anzufordern, wenn sie es benötigen.

Schlechte Nachrichten für Autohersteller?
Nein. Unsere Partner aus der Autoindustrie möchten, dass wir den Waymo-Fahrer auch in Privatfahrzeugen nutzbar machen. Das ist eine spannende Idee, aber sicherlich noch ein paar Jahre weg. Wir loten jedoch bereits aus, wie man das umsetzen kann, auch von den Geschäftsmodellen her, inklusive Abo. So ließe sich ein Luxus noch mehr Leuten anbieten, den sich früher nur wenige leisten konnten – ein persönlicher Chauffeur.


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Gerade die Deutschen sind aber dafür bekannt, dass sie das Autofahren lieben.
Ich kann mich mit dem berühmten deutschen Fahrvergnügen selber identifizieren. Ich fahre sehr gern in der Bay Area Straßen wie den Skyline Boulevard oder den Pacific Coast Highway entlang, auf denen Fahren Freude bereitet. Aber ich denke nicht, dass dies das vollautomatische Fahren behindern wird, auch nicht in Deutschland. Ich weiß, dass viele Deutsche genau wie ich die Pendelei zur Arbeit nicht mögen, besonders wenn man im Stau steht. In einem selbstfahrenden Auto kann ich entspannen, Musik hören oder arbeiten und telefonieren.

Aber ist dieser Komfort wirklich verlockend genug, um für solch einen Service zu zahlen?
Wir sollten nicht vergessen, was das große Versprechen von selbstfahrenden Autos ist. Nämlich die Verkehrssicherheit zu verbessern. 1,35 Millionen Menschen sterben jedes Jahr im Straßenverkehr. Das ist so, als ob ein voll besetzter Airbus320 jede Stunde, jeden Tag im Jahr abstürzen würde. Autonome Fahrzeuge erlauben zudem einen faireren Zugang zur Mobilität, also auch jenen, die keinen Führerschein haben oder erlangen können.

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