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Sparprogramm unter Källenius Daimler-Betriebsrat erwartet „zwei bis drei schwierige Jahre“

Auftakt für Daimlers Sparprogramm Quelle: dpa

Daimler will wieder profitabler werden. Unternehmen und Betriebsrat verhandeln darüber, wie man ein Sparprogramm umsetzen kann. Jetzt gibt es erste Ergebnisse. Doch eine Gewinnwarnung könnte den Druck erhöhen.

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Der neue Daimlerchef Ola Källenius hat den Vorstandsposten gerade erst von Dieter Zetsche übernommen – und schon kämpft er mit dessen Altlasten. Am Sonntagabend kam eine Hiobsbotschaft für die Aktionäre: Der Autobauer muss seine Rückstellungen erhöhen, wird wohl weniger Gewinn schreiben als geplant. Der Grund: „verschiedene laufende behördliche Verfahren und Maßnahmen bei Mercedes-Benz Dieselfahrzeugen“.

Am Freitag erst hatte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) einen Rückruf für Mercedes-Modelle vom Typ GLK 220 angeordnet. Das KBA habe im Rahmen seiner Untersuchungen bei verschiedenen Herstellern bei diesen Mercedes-Modellen der Euro-5-Norm eine unzulässige Abschalteinrichtung der Abgasreinigung festgestellt, teilt das Bundesverkehrsministerium mit. Folge: Daimler dürfte im zweiten Quartal einen hohen dreistelligen Millionenbetrag weniger verdienen. Und der Bereich Mercedes-Benz Vans, der mit dem Vito ebenfalls von Rückrufen betroffen ist, könnte sogar Verluste schreiben – die Prognose für die Umsatzrendite liege bei bis zu minus vier Prozent, teilte Daimler mit.

Um den Konzern wieder auf Kurs zu bringen, pusht der neue Chef Källenius daher ein Sparprogramm. Und das nimmt jetzt erste Formen an. Zum Wochenstart veröffentlichte das Unternehmen im Intranet ein Doppelinterview mit Daimler-Personalchef Wilfried Porth und Michael Brecht, dem Chef des Gesamtbetriebsrates. Das Interview liegt der Redaktion vor.

Daimler gibt darin bekannt, dass Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat eine erste Gesamtbetriebsvereinbarung vereinbart haben. Darin geht es unter anderem um Effizienzmaßnahmen. Die Vereinbarung regelt zum Beispiel, dass ein Mitarbeiter, dessen Stelle wegfällt, am gleichen Standort weiterbeschäftigt werden soll. Ein aktives Programm zum Personalabbau aber sei „derzeit nicht notwendig“, heißt es.

„Effizienzsteigerung heißt nicht automatisch: Reduzierung von Personal. (…) Wir sind uns mit dem Gesamtbetriebsrat einig, dass derzeit auf ein neues aktives Personalabbauprogramm verzichtet werden kann“, sagt Porth. Man habe „in den Gesprächen nicht über ein aktives Personalabbauprogramm verhandelt. Insofern ist das derzeit auch nicht in Planung“, ergänzte Brecht. Gleichwohl weitet Daimler die Möglichkeit auf Altersteilzeit aus, sodass mehr Mitarbeiter als vorher früher in Rente gehen können.

Um konkrete Summen, die eingespart werden müssen, geht es aber derzeit erstmal nicht. Das fügte Brecht gegenüber der WirtschaftsWoche hinzu. „Natürlich hat das Unternehmen konkrete Vorstellungen, wie viele Milliarden eingespart werden sollten. Allerdings steuern wir derzeit nicht über solche konkreten Zielzahlen. Aktuell regeln wir den Prozess, wie die Effizienzsteigerung ablaufen soll, etwa dann, wenn Stellen wegfallen. Und die einzelnen Sparten definieren, wo und wie sie sparen wollen. In einigen Monaten sehen wir dann, ob der Erfolg eingetreten ist und noch weiterer Handlungsbedarf besteht“, sagte Brecht ergänzend zum Interview im Intranet. Brecht erwartet eine harte Zeit: „Es wird aufgrund der Transformation zwei bis drei schwierige Jahre geben“, prognostiziert er.

Um den Konzern wieder auf Kurs zu bringen, pusht der neue Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Ola Källenius, ein Sparprogramm. Quelle: dpa

Die Betriebsvereinbarung gilt rückwirkend zum 1. Juni und nur für die 60.000 Mitarbeiter der indirekten Bereiche, also nicht für die Produktion. Betroffen sind also die Verwaltung, Forschung & Entwicklung ebenso wie die Logistik, Instandhaltung und der Vertrieb. Die Vereinbarung gilt als Auftakt für weitere Schritte, mit denen geregelt werden soll, wie Daimler die weiteren Sparrunden organisiert. Die Gesamtbetriebsvereinbarung sei ein erster Schritt auf einem „steinigen Weg“, sagt Brecht.

Nötig wurde das Sparprogramm, weil sich die Automobilindustrie im Umbruch befindet. Daimler erlebe derzeit zudem „eine Eintrübung der Konjunktur“, sagt Porth, und müsse „zunehmend in unberechenbaren politischen Rahmenbedingungen agieren“. Gleichzeitig arbeite man an der Mobilität der Zukunft, investiere in zukunftsweisende Technologien und entwickele neue Geschäftsmodelle. „Um diese Transformation aus eigener Kraft vorantreiben und nachhaltig gestalten zu können, müssen wir im gesamten Unternehmen nachhaltig Kosten senken und unsere Effizienz steigern“, so Porth. Mit Blick auf die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit müsse der Anspruch von Daimler als Premiumhersteller sein, „dass wir angemessene Renditen erwirtschaften“. Man führe die Effizienzmaßnahmen folglich durch, um in die Zukunft investieren und Ziele zerreichen zu können.

„Prozesse verändert man nicht in einem halben Jahr“

Wahr ist aber auch, dass Zetsche seinem Nachfolger neben dem Dieselskandal auch bei Daimler viele Altlasten hinterlassen hat: Schon 2018 brach das Konzernergebnis um fast ein Drittel ein. In den ersten vier Monaten 2019 setzte sich der Verfall fort: Der Absatz bei Mercedes sank um 5,6 Prozent, der Vorsprung von Mercedes auf die Wettbewerber schmilzt. Und zur allgemein schwächelnden Konjunktur kommen hausgemachte Probleme. So konnte Daimler auch deswegen weniger Autos verkaufen, weil Fahrzeuge nicht so schnell wie nötig auf den neuen Standard WLTP zertifiziert werden konnten. Das führte zu Lieferengpässen und Problemen mit Lieferanten.

Daimler will deswegen effizienter werden: Es sei wichtig zu betonen, „dass die Effizienzprogramme alle Kosten ins Visier nehmen – es stehen fixe wie variable Kosten, Sachkosten ebenso wie Personalkosten auf dem Prüfstand“, sagt Porth. Brecht hält dagegen: „Die Personalkosten machen bei Daimler nur noch 13 bis 14 Prozent aus – zu denken, dass wir die wirtschaftlichen Probleme des Unternehmens über eine Senkung der Personalkosten lösen, sehe ich anders“, sagte er der WirtschaftsWoche. Denkbar wäre es aber offenbar, dass nicht alle Mitarbeiter in Altersteilzeit ersetzt werden. „Wir können und wollen die wirtschaftlichen Probleme des Unternehmens nicht über Köpfe regeln -  aber nicht jeder, der in Alterssteilzeit geht, muss ersetzt werden“, ergänzte Brecht.

Im Fokus stehen laut Porth daher unter anderem Investitionsvorhaben, der Mitteleinsatz, die Wertschöpfungstiefe und das Einkaufsvolumen sowie das Produkt- und Produktionsprogramm. Ebenso gehe es um Einsparungen bei Reise- und Beraterkosten. Allerdings habe man „die Programme bewusst so aufgesetzt, dass die Geschäftseinheiten und die übergeordneten Verwaltungsfunktionen ihre Ziele und die entsprechenden Maßnahmen selbst definieren. Ein Vorgehen mit dem Rasenmäher macht hier keinen Sinn und wird deshalb von uns auch nicht verfolgt.“ Auf die Beschäftigten können dadurch je nach Bereich unterschiedliche Anforderungen und Änderungen zukommen. Die Gesamtbetriebsvereinbarung soll daher die Spielregeln für die Umsetzung von personalrelevanten Themen festlegen.

Brecht will dabei möglichst behutsam vorgehen: Es sei wichtig, „dass es nicht zu einer Leistungsverdichtung kommen darf, wenn Abläufe und Prozesse optimiert werden“. Außerdem rede man „im Rahmen der Sparprogramme nicht über Köpfe oder Personalziele. Ein reines ,Kosten-Schrubben' lehnen wir ab“, sagt Brecht. Man wollte deswegen auch überprüfen, „ob ein Insourcing von Werk- und Dienstvertragsbeauftragungen im Entwicklungs- und Instandhaltungsbereich wirtschaftlich sein könnte. Gleiches gilt für unwirtschaftliche Fremdvergaben“, so Brecht.

Für die Mitarbeiter möchte er künftig mehr Spieltraum verhandeln: Er wünscht sich etwa ein Wahlrecht zwischen der Auszahlung von Reisezeiten oder deren Gutschrift ins Gleitzeitkonto, ein größeres Angebot von Sabbaticals und die befristete Arbeitszeitverkürzung von bis zu fünf Stunden pro Woche.

Die einzelnen Sparten bei Daimler müssen jetzt ihre konkreten Sparmaßnahmen definieren. Laut Brecht werde das „noch Monate“ dauern. „Prozesse verändert man nicht in einem halben Jahr.“

Im Intranet erinnerte er das Unternehmen nochmals daran, „dass Sparen alleine keine gute Strategie ist. Wir brauchen eine klare Vorwärtsstrategie, die unsere Marktanteile vergrößert und neue Technologien vorantreibt.“ Kurzfristigen Treibern erteilt er deswegen eine Absage, von der aktuellen Gewinnwarnung etwa will er sich nicht aus dem Plan bringen lassen: „Die aktuelle Gewinnwarnung“. fügte er gegenüber der WirtschaftsWoche hinzu, „darf nicht dazu führen, dass sich der Spardruck vergrößert – ich würde mich entschieden dagegen wehren, falls das der Fall sein sollte.“

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