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Sparprogramme der Autobauer Wer jetzt nicht spart, verspielt die Zukunft

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Hersteller hängen zu sehr an China

Roland-Berger-Partner Berret hält die Auto-Chefs ebenfalls nicht für gierig, sondern für vorausschauend. Der stagnierende europäische Markt ist nur eine Baustelle von vielen.

Zum einen haben die Hersteller enorme Zusatzbelastungen, damit die Antriebe und Autos die CO2-Vorgaben der EU erreichen. Zum anderen haben alle Hersteller ihre Produktpalette stark erweitert. Das treibt die Komplexitätskosten nach oben. Wer jetzt nicht antizyklisch denkt und spart, riskiert künftig zu hohe Kosten. Doch die vielleicht größte Gefahr ist die große Abhängigkeit vom chinesischen Markt. "Die Hersteller dürfen sich aber nicht darauf verlassen, dass der chinesische Markt weiterhin so stark wachsen wird", mahnt Berret.

Das sind die leistungsstärksten Autobauer
Platz 16: PSA Peugeot CitroënSeit zehn Jahren erstellt das Center of Automotive Management (CAM) der Fachhochschule Bergisch-Gladbach den „Automotive Performance Index“, kurz API. Auf Basis von elf Indikatoren werden die 16 globalen Autobauer in den Bereichen „Finanzen“, „Markt“ und „Innovationskraft“ verglichen. Aus dem daraus erstellten Index lassen sich Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit der Konzerne ziehen – und das sieht bei PSA derzeit nicht gut aus. Besonders bei der finanziellen Performance und den Markterfolgen muss sich der Verbund von Peugeot und Citroën ganz hinten anstellen. Mut macht aber die Innovationskraft, hier liegen die Franzosen deutlich vor den direkten Wettbewerbern. Positiv: Aus der angelaufenen Kooperation mit Dongfeng (im Bild die chinesische Produktion) und der sich daraus ergebenden Stärkung in Fernost sowie den umfangreichen Restrukturierungen kann PSA allerdings den Anschluss an die Mitbewerber finden. Quelle: dpa
Plätze 15 bis 12Vor PSA drängelt sich ein dichtes Feld der sogenannten „Low Performern“, bestehend aus Suzuki (12), Mazda (13), Renault (14) und Mitsubishi (15). Besonders die kleinen japanischen Hersteller zeichnen sich durch eine gewisse Konstanz aus, wenn auch auf niedrigem Niveau: Bei ihnen sticht keines der drei untersuchten Hauptfeldern besonders hervor. Nur Renault kann, ähnlich wie PSA, eine höhere Innovationskraft aufweisen und so im Vergleich zum Vorjahr einen Platz gutmachen. Quelle: REUTERS
Platz 11: FCAHinter dem Kürzel FCA verbirgt sich nichts anderes als der italienische Fiat-Konzern, allerdings mit den eingegliederten Teilen von Chrysler. Und genau diese Teile des Konzerns sind es, die FCA noch auf dem elften Platz des Auto Performance Index halten. Die gute Marktentwicklung der US-Tochter verhindert ein Abrutschen in die Gruppe der „Low Performer“. Die schlechte finanzielle Leistung lässt nicht nur Übernahmegerüchte wie jüngst durch VW gedeihen, die niedrige Innovationskraft stellt auch keine nachhaltige Besserung der Lage in Aussicht. Wie lange sich Fiat-Chrysler noch unter den „Medium Performern“ halten kann, ist unklar. Quelle: REUTERS
Plätze 10 bis 8Wohin steuert Firmenchef Carlos Ghosn Nissan? Im API aus Konzernsicht in die falsche Richtung: Die CAM-Studie listet die Japaner nur noch auf Rang zehn, ausgerechnet die japanische Konkurrenz Subaru ist vorbeigezogen. Auf Rang 8, der letztes Jahr noch Ford gehörte, ist jetzt noch ein Japaner abgerutscht – Honda. Quelle: dpa
Platz 7: Hyundai-KiaVor einigen Jahren wurden die Koreaner noch als gefährlichster VW-Herausforderer gesehen, doch auch Hyundai-Kia muss den Jahren des Aufschwungs etwas Tribut zollen: Nach zahlreichen neuen Modellen ist die Innovationsstärke zuletzt gesunken, ebenso die Arbeitsproduktivität. Auch kann Hyundai das hohe Absatzwachstum der letzten Jahre nicht halten und entwickelt sich nur mit dem Markt, was aber immer noch ein Plus von sechs Prozent bedeutet. Mit Rang sieben sind die Südkoreaner allerdings auf den schlechtesten API-Rang der letzten Jahre abgerutscht (2011/12= Rang 4; 2012/13: Rang 5). Quelle: REUTERS
Platz 6: General MotorsNoch hat sich das Rückruf-Debakel nicht spürbar auf die Performance von General Motors ausgewirkt, nach wie vor belegt GM Rang sechs. Damit liegen die Amerikaner weiter in der Gruppe der „Medium Performer“ – angesichts der Millionen-Rückrufe nicht schlecht, der Anschluss an Volkswagen und Toyota gerät so aber immer mehr in Gefahr. Quelle: dpa
Platz 5: FordFord gehört zu den größten Gewinnern des API 2014. Der Konzern konnte gleich drei Plätze gutmachen und wird jetzt auf Rang fünf gelistet. Grund für den größten Zuwachs des Rankings ist das Absatz-Plus in China, womit sich Ford an GM und Hyundai vorbeischieben kann. Quelle: dpa

Da stellt sich die Frage: Wo sollten sie stattdessen investieren? Außer Nordamerika gibt es keinen Weltmarkt, der ähnlich hohe Wachstumsraten wie China verspricht. Die Hoffnungen auf  Brasilien, Indien und Russland haben sich nicht erfüllt. Die Sparsamkeit der Konzerne spiegelt die nackte Angst.  

Daher trimmen sich die Konzerne nun auf Produktivität. CAM-Leiter Bratzel schwört die Hersteller auf Komplexitätsreduktion ein. Man habe Modelle und Ausstattungsvarianten im Überfluss. "Sind drei verschiedene Infotainment-Systeme, fünf Getriebevarianten und zehn verschiedene Zierleisten wirklich kundenrelevant?", fragt er sich. Baureihen würden jahrelang weitergeschleppt, "obwohl sie kaum Käufer finden." Eine Folge: Die Hersteller werden in Zukunft konsequenter ausmisten - oder sich von vornherein beschränken müssen.

Zu wenig Kommunikation

Über zuviel Ähnliches und – noch schlimmer – zuviel vom Gleichen ärgert sich Roland-Berger-Partner Berret. In der Entwicklung würde zu oft doppelt gearbeitet. Die Autokonzerne  vergeben Projekte an mehrere Zulieferer, aber nur einer kommt zum Zug. "Das mag aus Sicht der Hersteller wettbewerbspolitisch interessant sein, für die Autoindustrie ist es in der Summe allerdings nicht sinnvoll", moniert Berret.

Riskante Sparmanöver der Edelmarken

Sparen ließe sich, wenn sich Hersteller und Zulieferer schneller über Nachfrageschwankungen informierten oder Prozesse am Computer simulierten anstatt echte Prototypen zu bauen. Mit noch mehr gleichen Bauteilen für noch mehr verschiedene Fahrzeuge und konzernübergreifenden Kooperationen bei Themen wie autonomes Fahren könne man Synergieeffekte in Millionenhöhe heben, so der Berater. Viele der Maßnahmen werden allerdings erst in einigen Jahren ihre Wirkung zeigen.

Womit die Zulieferer zu kämpfen haben

Zulieferer trifft es zuerst

Doch es muss sofort etwas geschehen. Die Hersteller versuchen - wie schon bei vergangenen Sparrunden - als erste und schnellste Maßnahme ihre Kosten im Einkauf zu reduzieren. Die Lieferanten müssen sich in den kommenden Monaten auf noch härtere Verhandlungen einstellen. Dabei ist deren Lage schon jetzt angespannt.

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Autoexperte Guido Hauptmann von Goetzpartners in München kennt die Folgen. "Es wird schnell eskaliert, wenn Probleme mit der Qualität auftreten." Das Beratungshaus befragte kürzlich mehr als 100 Manager aus der Zuliefererbranche zu ihren Erfahrungen mit den Autokonzernen. Mit bitteren Ergebnissen: Nur eine Minderheit bemühe sich um ein konstruktives Miteinander. Die Masse der Zulieferer beklagt, dass die Hersteller ihre Erfahrungen nicht zu schätzen wüssten. So bleiben gute Ideen ungenutzt.

"Die Hersteller müssen den Lieferanten besser zuhören und ihr Wissen stärker in die Produktentwicklung einbinden", sagt CAM-Leiter Bratzel an. "Da liegen noch enorme Potenziale brach." Daher warnt er bei den neuen Sparrunden auch vor der "Rasenmäher-Methode". Es dürfe nicht darum gehen, "noch ein Prozent mehr Rabatt herauszuholen". Vielmehr gehe es jetzt darum, endlich langfristig zu denken. Bleibt abzuwarten, ob die Industrie ihn erhört.

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