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Streetscooter und e.Go Wie Aachen die Autobranche aufmischt

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Radikal anders

Zusammen mit Günther Schuh, einem weiteren Forscher der RWTH, hat Kampker den Streetscooter entwickelt und an die Deutsche Post verkauft. Das Unternehmen ist jetzt eine hundertprozentige Tochter des Logistikkonzerns und Kampker ihr Geschäftsführer. Günther Schuh stieg aus. Aber er spielt weiterhin eine zentrale Rolle für die Elektromobilität in Aachen – von ihm wird später noch die Rede sein.

„Am Anfang, im Jahr 2009, lautete die Idee: Wir brauchen bezahlbare Elektromobilität“, sagt Kampker, der sich noch in seine Rolle als gefragter Mann für die Medien einfindet. Hinter dem Professor für Produktionstechnik steht nun mit der Post ein börsennotierter Konzern. Viele Fragen beantwortet er vorsichtig. Doch wenn es um die Methoden geht, die hinter dem Erfolg der Aachener Ingenieure stehen, sprudelt es aus ihm heraus.

Hochtechnologie und Schafe

„Wir sind deutlich effizienter als üblich“, sagt Kampker. „Wir benötigen nur ein Zehntel der Entwicklungskosten und die Hälfte der Zeit.“ Der Kern der Vorgehensweise sei, dass man schnell auch einzelne Teilbereiche einer Entwicklung umsetze, um sie in der Praxis auszuprobieren. Das Bild eines komplexen Systems setze sich so Stück für Stück zusammen, ohne dass zu Beginn schon jedes Detail klar sei. „Erst dann kann man sich anschauen, wie die Probleme zu lösen sind“, sagt Kampker.

Wie die Deutsche Post die Autobauer narrt
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL
DHL StreetScooter Work XL Quelle: DHL

Verbreitet ist dieses agile Konzept bisher vor allem unter Softwareentwicklern – es ist das Mantra der Silicon-Valley-Ökonomie: ausprobieren, herantasten, anwenden, verbessern. In Aachen versucht man seit einiger Zeit, diese Denkweise vom soften auf das harte Material zu übertragen, also auf die Industrie, um dort radikal anders zu produzieren. Der Streetscooter ist keine revolutionäre Neuerfindung, zentrale Bestandteile wurden nicht in Aachen, sondern von Zulieferern entwickelt: Die Batterie und der Motor etwa kommen von Bosch. Es geht um die Art der Montage, um das Produktionssystem. Kampker beschreibt es so: „Häufig fehlt der Wille und der Mut, die Dinge einfach anzugehen.“ Wenn man sich in Deutschland aber weiterhin so zaghaft mit der Elektromobilität beschäftige, dann machten eben andere die Fortschritte. Zum Beispiel China.

Wer der Hochtechnologie in Aachen nachspürt, der findet Schafe. Eine ganze Herde davon, weiß und wollig. Die Tiere kauen das Gras auf einer der letzten Grünflächen ab, die zwischen den modernen Neubauten übrig geblieben ist. Sichelförmig legt sich der sogenannte RWTH Aachen Campus um die eigentlichen Universitätsbauten am westlichen Stadtrand herum, direkt an die Autobahn angebunden, daneben das Uniklinikum und dahinter nur noch Felder und die Grenze zu den Niederlanden. Als vor gut sieben Jahren der Spatenstich für diese zweieinhalb Quadratkilometer Fläche gesetzt wurde, tönte es in den Lokalmedien: „Jahrhundertprojekt“ und „zweites Silicon Valley“

.

Tatsächlich sind bisher 500 Millionen von den geplanten zwei Milliarden Euro in den neuen Campus geflossen und 13 Gebäude entstanden – finanziert zum Teil durch private Investoren, zum Teil durch den Bund und das Land Nordrhein-Westfalen. Unternehmen können hier Büros und Labore, Anlagen und Maschinen mieten und für ihre Projekte Kooperationen mit der Universität eingehen. Dazu haben die Planer thematische Einheiten gebildet, sogenannte Cluster für Photonik, Biomedizin, Windkraft und eben für Elektromobilität und Produktionstechnik. Mittendrin findet sich auch eine niedrige Holzfassade mit bunten Buchstaben darauf und einem Spielplatz daneben: die Kita Vincerola, natürlich bilingual.

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