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Streit um Klimaschutz IG-Metall-Chef macht sich für Autoindustrie stark

Die Diskussion um neue Grenzwerte für den Kohlendioxid-Ausstoß versetzt die Autobranche in Aufruhr. Die deutschen Hersteller erhalten nun Rückendeckung von der IG Metall. Ihr Chef fordert eine Verschiebung neuer Regeln.

Im Streit um Klimaschutzregeln erhält die Autobranche Rückendeckung von der IG Metall. Quelle: dpa

Der Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber, stellt sich in der Debatte um strengere Abgasziele auf die Seite der deutschen Autohersteller. In einem Brief an die Abgeordneten des Europaparlaments, der dem Handelsblatt vorliegt, fordert der Gewerkschaftschef vor den abschließenden Beratungen eine Verschiebung der geplanten Grenzwerte für den Klimakiller Kohlendioxid.

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Der statistische Trend ist eindeutig: Die Deutschen kaufen im Durchschnitt - und allen Debatten um das Weltklima zum Trotz -, immer stärkere Neuwagen. So hatten laut der Statistik des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg die zwischen Januar und April in Deutschland neu zugelassenen PKW 2011 eine durchschnittliche Leistung von 134 PS - und damit so viel wie nie zuvor.  Im gesamten Jahr 2011 lag der Wert bei 130 Pferdestärken.  Den Grund für den Anstieg sieht Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR, in dem zunehmenden Diesel-Anteil, und der hängt wiederum mit der Beliebtheit von SUV zusammen, deren Absatz stetig steigt und die in 67 Prozent der Fälle mit Selbstzündern unter der Haube ausgeliefert werden. Und da der Trend anhält, wird auch die durchschnittliche PS-Zahl weiter steigen, prophezeit Dudenhöffer.  Allerdings sind moderne und teils geländetaugliche SUV nicht die Serienwagen, mit den höchsten CO2-Ausstößen. Diese zweifelhafte "Ehre" gebührt den Sportwagen ... Quelle: Pressefoto
Zu den Spitzenreitern in Sachen CO2-Ausstoß gehören Lamborghini-Modelle. Ob Reventon, verschiedene Murcielago-Versionen, oder Gallardo: Weit über 300 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß pro gefahrenen Kilometer verursachen bislang alle Sportwagen der Marke. Zwei Beispiele: Beim Gallardo LP 560 4 Spyder mit manueller Schaltung sind es 351 Gramm, und diese Angabe bezieht sich sogar noch auf den offiziellen Normverbrauch von 15 Liter Super Plus auf 100 km, die in der Realität nur schwer zu erreichen sein dürften. Beim Aventador LP 700-4 sind es sogar 389 Gr. CO2/km bei vom Hersteller angegebenen 17,2 Liter Normverbrauch. Immerhin: Der durchschnittliche CO2-Ausstoß der Lambo-Flotte soll bis 2015 um 35 Prozent reduziert werden. Das Unternehmen hat angekündigt dies u.a. durch die Reduktion des Fahrzeuggewichts, eine Optimierung des Verbrennungsverfahrens und die Reduktion von Reibungs- und Rollwiderständen erreichen. Auch Start-Stopp-Systeme und Hybrid-Antriebe sind geplant.  Zum Vergleich: Die EU-Kommission will ab 2020 den Kohlendioxidausstoß von Neuwagen auf 95 Gramm pro Kilometer limitieren, Umweltverbände fordern sogar Grenzwerte von 80 g/km. Quelle: PR
Auch die andere große italienische Supersportwagenmarke kommt über ein rotes G bei den neuen Effizienzklassen nicht hinaus. Für verschiedene aktuelle Ferrari-Modelle hat u.a. die Deutsche Automobiltreuhand (DAT), aufgelistet, wie diese in Sachen CO2-Ausstoß dastehen. Ferrari FF: 380 g/km FF HELE: 360 g/km 599 GTB Fiorano: 401 g/km 599 GTO: 411 g/km 599 SA Aperta: 411 g/km 458 Italia: 307 g/km 458 Italia HELE: 275 g/km California: 299 g/km California HELE: 270 g/km In diesem Zusammenhang ist allerdings auch die spezifische Betrachtung des Themas durch Ferrari-Boss Luca Montezemolo interessant. Er sagte auf dem Genfer Autosalon, ein Ferrari werde pro Jahr durchschnittlich nur 7.000 Kilometer bewegt. Damit sei der Wagen auf Jahressicht nicht klimaschädlicher als ein viel bewegter VW Golf. Quelle: PR
Dritter im Bunde der italienischen CO2-Sünder ist Maserati. Die Marke aus Bologna mit dem Dreizack im Logo hatte zuletzt eine kleine Modelloffensive und ein eigenes Luxus-SUV angekündigt. In Sachen Effizienzklassen ist natürlich alles knallrot bzw. mit dem Buchstaben G geschmückt. Im Überblick: Quattroporte, CO2-Ausstoß: 340 g/km Quattroporte S und Sport GT S: 365 g/km Gran Turismo (Autom.): 330 g/km Gran Turismo S: 360 g/km, Gran Turismo S (Autom.): 331 g/km Gran Turismo MC Stradele: 337 g/km Gran Cabrio: 337 g/km Gran Cabrio Sport: 337 g/km Quelle: PR
Große Motoren, sportliche Abstimmung, viel Spritdurst, daraus kann natürlich kein Öko-Vorreiter werden. Bei Aston Martin wird die CO2-Bilanz allenfalls durch das Kleinstwagen-Modell Cygnet (auf Basis des dreizylindrigen Toyota iQ) ein wenig aufpoliert. Doch die "echten" Astons schlagen voll zu in Sachen Abgas. V8 Vantage, CO2-Ausstoß: 321 g/km V8 Vantage (Sportshift-Getriebe): 295 g/km V8 Vantage S: 299 g/km V12 Vantage: 388 g/km DB9: 389 g/km, DB9 (Autom.): 345 g/km Virage: 349 g/km DBS: 388 g/km, DBS (Autom.): 367 g/km Rapide: 355 g/km Cygnet: 116 g/km, Cygnet (CVT): 120 g/km, damit beide in Effizienzklasse B.
Wir bleiben bei den Briten. Understatement in Sachen CO2 sieht anders aus, als das, was Rolly-Royce auffährt. So blütenweiß, wie sich das Concept Car Six Senses hier präsentiert, ist die Umweltbilanz nicht, wie ein Blick auf die Emissionen der folgenden Modelle zeigt: Phantom, CO2-Ausstoß: 377 g/km Phantom EWB: 380 g/km Phantom Drophead Coupé: 377 g/km Phantom Coupé: 377 g/km Ghost: 317 g/km Ghost EWB: 319 g/km Quelle: PR
... und so ähnlich sich manche Modelle von Rolls-Royce und Bentley sehen, so nah liegen auch die CO2-Bilanzen beieinander. Keine Ausnahme macht dabei der von Audi kommende Motor im neuen Continental GT V8, der bis zu vier Zylinder während der Fahrt abschaltet, hier an erster Stelle: Continental GT V8, CO2-Ausstoß: 384 g/km Continental Supersports: 388 g/km Continental Flying Spur: 396 g/km Continental Flying Spur Speed: 396 g/km Mulsanne: 393 g/km Quelle: PR

„Aus Sicht der IG Metall ist es aktuell nicht sinnvoll, CO2-Ziele für die Zeit nach 2020 zu diskutieren“, schreibt Huber. Eine Definition von Zielen unterhalb der für 2020 vorgesehen 95 Gramm CO2 pro Kilometer sollte aus seiner Sicht erst erfolgen, wenn die Rahmenbedingungen für die Realisierung klarer erkennbar seien. Dazu zählt er die technische Entwicklung und Marktdurchdringung von Elektromobilität. „Aus heutiger Sicht dürfte dies nicht vor 2017 der Fall sein“, schreibt Huber den Parlamentariern.

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Damit springt der Gewerkschafter, der in den Aufsichtsräten von Opel und Volkswagen sitzt, der Industrie in der Auseinandersetzung mit der EU-Kommission bei. An diesem Dienstag war bekannt geworden, dass Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) um Hilfe bittet. Auch BMW-Chef Norbert Reithofer hatte jüngst ungewöhnlich scharf gegen die Brüsseler Auflagen gewettert.

Der Unmut entzündet sich an einem Plan der Kommission, den der federführende Umweltausschuss des Europaparlaments verschärft hat. Die Abgeordneten müssen sich nun mit der Runde der nationalen Umweltminister auf das finale Regelwerk einigen. Ohne Modifikationen befürchtet Huber Nachteile für die auf große und leistungsstarke Autos spezialisierten deutschen Hersteller. Sie verkaufen im Schnitt größere und damit schwerere Autos als die Konkurrenz. Je schwerer ein Modell ist, desto größer ist der Aufwand zur CO2-Reduktion.

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