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Strippenzieher statt VW-Chefkontrolleur Warum die fragwürdige Rolle von Pötsch enden muss

Hätte schon längst seinen Hut bei VW nehmen müssen: VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Quelle: dpa

Das jahrelange Versagen des VW-Konzerns in Sachen Compliance hat einen Namen: Hans Dieter Pötsch. Nach der Anklage der Staatsanwaltschaft Braunschweig müsste Pötsch zurücktreten und den Weg frei machen für eine Rechtskultur, wie sie dem größten deutschen Konzern angemessen ist.

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Nun ist Hans Dieter Pötsch angeklagt. Man könnte meinen, die Anklage der Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen des Verdachts der Marktmanipulation wäre ein Bruch, eine dramatische Wende in der Laufbahn des VW-Aufsichtsratschefs. Das ist sie nicht. Sie ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass er schon längst seinen Hut bei Volkswagen hätte nehmen müssen. 

Etwa wegen seiner Rolle in der Übernahmeschlacht zwischen Porsche und Volkswagen in den Jahren 2005 bis 2009: Der Sportwagenbauer Porsche war damals ein eigenständiges Unternehmen und gehörte den Familien Porsche und Piëch. Als sich Porsche beim Angriff auf Volkswagen verzockte und massiv in Schieflage geriet, war es vor allem der damalige VW-Finanzvorstand Pötsch, der dem Auto-Clan aus der Patsche half. Er gewährte Porsche einen Kredit und sanierte den Autoclan, indem er ihm den Autobauer Porsche und einen großen Autohandelsbetrieb für einen hohen Preis abkaufte. So konnte die Familie immerhin ihre 52 Prozent an VW behalten.

Als VW-Finanzvorstand wäre es Pötschs Aufgabe gewesen, VW vor dem Angriff der Porsches und Piëchs zu schützen. Vielmehr rettete er die Angreifer mit Millionen aus der VW-Kasse. „Die Porsches und Piëchs werden Pötsch immer dankbar sein“, sagt ein Familien-Insider. Seither wisse die Familie, woran sie bei Pötsch sei. Sie vertraue ihm. Nichts sei den Erben wichtiger. Ein Vorstand als langer Arm eines Aktionärs – Pötsch hätte eigentlich schon damals seinen Posten räumen müssen.

Nicht viel ruhmreicher war seine Rolle im Abgasskandal. Dass er als Finanzvorstand direkt in die Manipulationen involviert war, ist eher unwahrscheinlich. Aber als einer der engsten Vertrauten des früheren VW-Chefs Martin Winterkorn war er womöglich ein Mitwisser. Ihn nach dem Skandal zum Aufsichtsratschef – und damit zum obersten Skandal-Aufklärer – zu machen, war ein weiterer Tiefpunkt in der Rechtskultur des Konzerns.

Unstrittig ist, dass Pötsch in den Monaten bevor der Skandal öffentlich wurde, eine Schlüsselrolle in der Skandalbewältigung zukam. Und auch die ist wenig rühmlich.

Pötschs Rolle bei den „Altlasten“

Schon im Mai 2015 soll sich laut eigener Aussagen von VW der inzwischen ausgeschiedene Leiter der Konzern-Rechtsabteilung, Michael Ganninger, an Pötsch gewandt haben, um ihn über, so steht es in einem Schriftsatz von VW, „ein Problem mit US-Behörden wegen Emissionen“ zu informieren. „Herr Ganninger und Herr Pötsch arbeiteten schon lange sehr eng und vertrauensvoll zusammen, so dass sich Herr Ganninger gelegentlich mit bestimmten Anliegen direkt an Herrn Pötsch wandte und dieser dann seinerseits Herrn Prof. Dr. Winterkorn kontaktierte, falls der betreffende Sachverhalt auch für den damaligen Vorstandsvorsitzenden von Interesse war“, heißt es in dem Schriftsatz.

Ohne Zeugen will Pötsch seinem damaligen Chef Winterkorn das US-Problem unterbreitet haben. Und er blieb am Ball. Im Anschluss an eine Vorstandssitzung, so schreiben die VW-Anwälte, habe sich Pötsch später bei Winterkorn nach dem Stand der Behördengespräche wegen der „Altlasten“ erkundigt. Winterkorn erklärte Pötsch laut VW, „dass die Gespräche mit den Behörden nicht reibungslos liefen, aber ein Team weiterhin an einer Lösung arbeite“. Winterkorn soll dann gesagt haben, dass der damalige Chef der Konzernmarke VW, Herbert Diess, „am besten geeignet sei, sich dieser Sache anzunehmen, da er über Erfahrungen im Umgang mit (den US-Behörden) EPA und CARB verfüge“.

Ende August kamen die US-Anwälte von VW zu dem Schluss, dass VW-Modelle in Amerika illegale Technik enthielten. Spätestens dann muss Pötsch klar geworden sein, dass an einer Offenbarung gegenüber den US-Behörden kein Weg mehr vorbeiführen würde. Am 3. September gaben VW-Vertreter in den USA den Betrug schließlich zu. Doch obwohl es zum Manager-Einmaleins gehört, dass es für Konzerne schnell in die Milliarden gehen kann, wenn sie Behörden, Verbraucher oder Anleger in den USA täuschen, kam Pötsch auch jetzt nicht auf die Idee, den Kapitalmarkt zu warnen. Er wartete noch fast drei Wochen.

Das war nach Ansicht des Corporate-Governance-Experten Christian Strenger das entscheidende Versäumnis des Chefkontrolleurs. „Pötsch hätte die Anleger spätestens nach dem Eingeständnis des Betrugs am 3. September und nicht erst am 22. September informieren müssen“, sagt Strenger.

Überhaupt ist Pötsch nach Ansicht Strengers der falsche Mann auf dem Posten des Aufsichtsratschefs: „Durch seine langjährige Tätigkeit als Finanzvorstand und die Einbeziehung in staatsanwaltschaftliche Ermittlungen steht er in einem dauerhaften Interessenkonflikt, insbesondere auch aufgrund seiner Pflicht zur Verfolgung von Haftungsansprüchen gegen VW-Vorstände – inklusive ihn selbst“. Das müsste, sagt Strenger, „die Beendigung des Mandats zur Folge haben.“

Pötsch „befangen“ als langjähriges Vorstandsmitglied?

Neu sind solche heftigen Angriffe auf Pötsch nicht. Bereits bei der VW-Hauptversammlung im Juni 2016 ging Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre mit Pötsch hart ins Gericht: „Meine Damen und Herren, in Wolfsburg gibt es keine klare Trennung von Vorstand und Aufsichtsrat“, so Dufner. „Diese Gewaltenteilung ist nicht freiwillig, sondern Bestandteil des deutschen Aktienrechts.“ Und weiter: „Herr Pötsch, warum sitzen Sie eigentlich heute auf dem Platz des Versammlungsleiters? Bis vor einigen Monaten waren Sie noch Finanzvorstand dieses Unternehmens. Sie dürfen frühestens im Herbst 2017 in den VW-Aufsichtsrat wechseln. Nicht nur nach Einschätzung von uns Kritischen Aktionären sind Sie noch nicht abgekühlt, sprich: Sie sind als langjähriges Mitglied des Vorstands befangen.“

Laut Aktiengesetz und entsprechender Empfehlung des Deutschen Corporate Governance Kodex hätte Pötsch, so Dufner, erst nach zweijähriger Abkühlungsperiode an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln dürfen: „Herr Pötsch, Sie mögen das Vertrauen des Großaktionärsclans Porsche/Piëch genießen, aber unseres genießen Sie nicht. Sie sind der personifizierte Interessenkonflikt. Als früherer Finanzvorstand sind Sie für den Abgas-Betrug mitverantwortlich. Jetzt, als Aufsichtsratsvorsitzender, mimen Sie den Chef-Aufklärer.“

Die Porsches und Piëchs kümmerte die Kritik damals nicht – und heute auch nicht. Die Familie stehe, so erklärte heute Wolfgang Porsche als Vorsitzender des Aufsichtsrats des VW-Großaktionärs Porsche SE, „uneingeschränkt hinter Hans Dieter Pötsch“.

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