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Tesla S3XY – aber knapp bei Kasse

Tesla Model Y: Eine riskante Gratwanderung Quelle: dpa

In Los Angeles hat Tesla-Chef Elon Musk das Model Y vorgestellt. Der Preis für den Kompakt-Geländewagen ist so aggressiv, dass er in eine gefährliche Situation führen könnte.

Tesla bleibt sich treu. Eigentlich soll die Präsentation des Model Y – dem kompakten Geländewagen des kalifornischen Elektroautopioniers – um 20 Uhr Ortszeit (vier Uhr deutscher Zeit) starten. Tatsächlich erscheint Firmenchef Elon Musk, ganz in Schwarz gekleidet, erst zwanzig Minuten später auf der Bühne am Tesla Designcenter in Los Angeles. 

Wie immer ohne Teleprompter und in Plauderlaune, lässt der Multimilliardär nach und nach die Autos seines mittlerweile 16 Jahre alten Unternehmens auffahren – vom ersten in Großbritannien von Lotus gefertigten Roadster, über die selber produzierten Model S, Model X und Model 3. Es fehlt nur noch ein Auto. Nach einer langen Geschichtsstunde über Tesla, inklusive bitterer Seitenhiebe auf Skeptiker („Sie nannten es Betrug. Betrug, den man fahren kann“) rollt der eigentliche Star des Abends auf die Bühne: ein blauer Kompakt-Geländewagen. Es ist das Model Y. 

Aneinandergereiht ergeben die Modell-Bezeichnungen ein Wort, wegen dem Musk mehrfach kichern muss: S3XY, ausgesprochen sexy. Humor, der zu einem Unternehmen passt, das digitale Furzkissen in seinen Fahrzeugen offeriert, Spiele von Atari und einen Romantikmodus mit Kaminfeuer. 

Nach und nach steigen sieben Personen aus dem Model Y. Der Wagen wirkt wie ein etwas höher gelegtes Model 3. Der Preis ist erstaunlich aggressiv: Die Basisversion, die 230 Meilen (368 Kilometer) Reichweite bietet, soll ab 39.000 Dollar offeriert werden. Die „long range“ Version, ab 47.000 Dollar, verspricht 300 Meilen (480 Kilometer). 

Ende des nächsten Jahres soll das Model Y zunächst in den USA auf den Markt kommen, sechs bis neun Monate später in Europa und China. Ob das die tatsächliche Zeit ist oder die berühmte „Elon Musk Zeit“ – also mit Verspätung –, wird von Interessenten, Spekulanten und Analysten in den kommenden Monaten heiß diskutiert werden. 

Klar ist, dass das Model Y einen Großteil der Komponenten mit dem Model 3 teilen wird. Und das Hochfahren der Produktion deshalb etwas einfacher sein könnte, ohne schlaflose Nächte von Musk in der Produktion und ständige Sorge, ob die Barreserven ausreichen. 

Die Probleme bei der Produktion des Model 3, das ist deutlich zu merken, haben Spuren bei Tesla hinterlassen. 2018, so seufzt Musk irgendwann mitten in der Präsentation, habe ihn fünf Jahre altern lassen. 

Amerikaner vergeben schnell, Tesla-Fans noch schneller

Ordern lässt sich das Model Y in den USA sofort, gegen Anzahlung von 2500 Dollar. Am Abend der Präsentation funktioniert das allerdings nicht. Der Bestellvorgang landet immer wieder auf der Seite des Model 3, das derzeit sofort verfügbar ist. Gut möglich, dass es an der Überlastung liegt, weil Musk trotz des noch nicht verrauchten Ärgers vieler Kunden, die 1000 Dollar für ein Model 3 im April 2016 anzahlten und auf die Basisversion noch immer warten, gerade einen Haufen Vorbestellungen einsammelt.

Amerikaner vergeben schnell, Tesla-Fans noch schneller. „Ich glaube, wir werden mehr Model Y verkaufen als Model 3, S und X zusammen“, verspricht Musk vollmundig, ohne ein Zeitfenster zu nennen. Damit würde Tesla, das in diesem Jahr mindestens 360.000 Fahrzeuge absetzen will, endgültig zum Massenhersteller. 

Der Tesla-Chef könnte recht behalten. Kompakte Geländewagen – größer als eine Limousine oder Kombi, kleiner als ein typischer Geländewagen – sind in vielen Ländern der Welt wegen ihrer praktischen Größe derzeit begehrt. Nun kommen die Elektrovarianten wie der i-Pace von Jaguar oder der Kona Electric von Hyundai. Porsche, Volkswagen, Audi, BMW und Mercedes arbeiten ebenfalls an kompakten Sport Utility Vehicles (SUV) mit vollelektrischem Antrieb. Sie werden für nächstes Jahr erwartet, wenn das Model Y sein Debüt feiert. 

Doch es ist wieder mal – wie könnte es bei Tesla anders sein – eine Gratwanderung. Die Gefahr ist, dass das Model Y erheblich Nachfrage vom Model 3 stiehlt.

Der größte Nachteil an Teslas Model 3 Limousine, die beim deutschen Marktstart im Februar auf Anhieb auf Platz 1 der Elektroautos kletterte, ist ihre Form. Zwar hat das Model 3 wie auch das Model S ein Fließheck. Doch der Zugang zum Kofferraum ist beim Model 3 wie bei einem Stufenheck gestaltet und wird selbst von Fans bemängelt. Wahrscheinlich mussten Teslas Designer das Model 3 von seinem größeren und teureren Bruder Model S abgrenzen. 

Wenn nun mehr Kunden zum Model Y statt zum Model 3 greifen, ist das an sich kein Problem für Tesla. Schließlich ist der Y etwas teurer und erzielt so mehr Umsatz. Die Herausforderung sind allerdings die mindestens 18 Monate bis zur Auslieferung des kompakten Geländestromers, in denen Kunden zwischen Model 3 oder Model Y schwanken und ihre Kaufentscheidung aufschieben. 

Das könnte die Nachfrage nach dem Model 3 weltweit empfindlich dämpfen. Vor allem weil der Preisunterschied erstaunlich klein ist.

Diese Situation wäre gefährlich, weil das Model 3 momentan die dringend benötigten Dollars in Teslas Kassen spült. Es könnte zu einer Situation führen, für die Berlin berühmt ist: sexy, aber arm. Oder in Teslas Fall: S3XY aber momentan knapp bei Kasse. 

So sieht das Model Y aus
Tesla hat seine Modellpalette um einen SUV auf Basis des aktuellen Hoffnungsträgers Model 3 erweitert. Quelle: AP
Das Model Y soll Tesla mit einem Preis ab 39 000 Dollar vor Steuern und Elektroautovergünstigungen weiter in einen breiteren Markt bringen. Zunächst sollen aber teurere Varianten zu Preisen zwischen 47 000 und 60 000 Dollar verkauft werden. Diesen Weg hatte Tesla auch beim Model 3 eingeschlagen, um die hohen Anlaufkosten der Produktion schneller einzuspielen. Das Basismodell des Model Y mit einer Reichweite von rund 370 Kilometern soll erst im Frühjahr 2021 folgen. Ab sofort können die teureren Versionen reserviert werden. Quelle: REUTERS
Das Model Y sieht dem Model 3 ähnlich, ist aber vor allem etwas höher. Musk zeigte sich überzeugt, dass Tesla mehr Fahrzeuge des Wagen verkaufen werde als der drei bisherigen Modelle S, X und 3 zusammen. Es solle ein kompakter SUV werden, der sich wie ein Sportwagen fahren lasse, versprach Musk. Die leistungsstärkste Version solle bis zu 240 Kilometer pro Stunde schnell sein und in 3,5 Sekunden von 0 auf 60 Meilen pro Stunde (rund 96,5 km/h) kommen. Das Model 3 ist das günstigste Tesla-Fahrzeug und ist in den USA ab einem Startpreis von 35 000 Dollar verfügbar. Mit allen Extras kann der Preis aber auch bei mehr als 60 000 Dollar liegen. Quelle: REUTERS
Das Model Y wird mit einem breiteren Angebot von Elektroautos großer Konzerne wie unter anderem VW oder Daimler konkurrieren. Auch angesichts der anstehenden Produktoffensive der Rivalen war es für Musk wichtig, die Modellfamilie möglichst rasch um einen kompakten SUV zu erweitern. Quelle: REUTERS
Es zeichnete sich bereits ab, dass Tesla diesmal eine Kostenexplosion wie bei seinem ersten SUV Model X vermeiden will. Obwohl das Fahrzeug seinerseits auf der Limousine Model S aufbaute, hatten aufsehenerregende Details wie Flügeltüren an den Rücksitzen die Ausgaben in die Höhe getrieben und den Produktionsstart verzögert. Man könne das Model X als „Fabergé-Ei trifft Raumschiff“ beschreiben, scherzte Musk bei dem Event in Los Angeles. Dass Tesla sich vornimmt, den Aufwand beim Produktionsanlauf überschaubar zu halten, bedeutet nicht, dass es auch so kommt. Schon das Model 3 sollte einfacher zu fertigen sein - immer neue Probleme hatten aber den Start einer Massenproduktion um Monate verzögert und Tesla an den Rand des Abgrunds getrieben. Quelle: AP
Inzwischen habe Tesla insgesamt rund 550 000 Elektroautos gebaut und in einem Jahr werde es rund eine Million sein, sagte Musk. Dabei sei es noch nicht lange her, dass „Elektroautos wie eine sehr dumme Idee wirkten“. In zehn Jahren könnten Tesla auf dem Mars unterwegs sein, sagte er - und es blieb unklar, ob Musk, dem auch die Raumfahrtfirma SpaceX gehört, dabei scherzte. Quelle: dpa
In seiner spitzbübischen Art erwähnte Musk erneut, dass die Buchstaben im Namen der Tesla-Modelle ursprünglich das Wort S-E-X-Y ergeben sollten. Beim „E“ machte ihm Ford einen Strich durch die Rechnung, weil der Autoriese die Rechte am Namen „Model E“ nicht hergab. „Ford drohte, uns zu verklagen“, sagte Musk. „Ford hat Sex getötet“, versuchte er sich an einem Wortspiel. Tesla war deshalb auf eine 3 ausgewichen, die ursprünglich im Modellnamen mit drei waagerechten Strichen dargestellt werden sollte. Erst später wechselte Tesla zur Zahl „3“ auf dem Fahrzeugheck. Quelle: AP

Nun wird klar, warum Musk Ende Februar überraschend mit der Ankündigung vorpreschte, die 35.000 Dollar Basisvariante des Model 3 ab sofort zu offerieren (zumindest für US-Kunden). Und nicht erst ab Sommer wie noch ein paar Wochen zuvor von ihm angedeutet. Damit sind die Preisspannen und das Angebot klar definiert. Wer sich das Model Y trotz höherem Nutzwert nicht leisten kann, hat es so leichter, im Model-3-Sortiment fündig zu werden. 

Wem das Model Y zu kompakt ist, kann zwischen Model S und Model X wählen. Hinzu kommen bald ein Pickup-Truck und – die teuerste Offerte – der Roadster ab 200.000 Dollar. Auch ein Sattelzug, angeblich ab 150.000 Dollar, ist geplant. 

Tesla hat so beim Start des neuen Jahrzehnts eine breite Palette von Elektroautos im Programm, ab 35.000 Dollar plus Steuern. Nicht schlecht für ein Unternehmen, dem seit Start vor 16 Jahre regelmäßig die baldige Pleite prognostiziert wurde. Sexy ist es trotzdem geblieben.

Vor zwei Jahren stand der kalifornische E-Auto-Pionier Tesla auf der Kippe. Dann baute ausgerechnet ein Deutscher den Nischenanbieter zum Massenhersteller um. Die WirtschaftsWoche hat Fertigungschef Peter Hochholdinger im Tesla-Stammwerk besucht.

Von einem Deutschen, der auszog, die deutschen Autobauer das Fürchten zu lehren, lesen Sie in der großen WirtschaftsWoche-Geschichte. Unser Interview mit Peter Hochholdinger finden Sie hier.

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