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Tesla-Werk in Grünheide Gericht stoppt einen Teil der Rodung auf der Tesla-Baustelle

In der Tesla-Fabrik sollen ab Juli 2021 maximal 500 000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band rollen. Quelle: dpa

Seit dem Baustart der neuen Tesla-Fabrik bei Berlin geht es dort rasant vorwärts. Kurz vor Weihnachten hat nun ein Gericht einen Teil der Rodungsarbeiten gestoppt. Und dann gibt es da noch ein Problem.

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Der US-Elektroautobauer Tesla ist beim Bau seiner Fabrik in Grünheide bei Berlin bei der Waldrodung teilweise ausgebremst worden. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entschied, dass Tesla bestimmte Randbereiche von Flächen nicht roden dürfe, die das Land Brandenburg zur Abholzung vorzeitig genehmigt habe (OVG 11 S 127/20). Damit hatten der Naturschutzbund (Nabu) und die Grüne Liga Brandenburg mit einem Eilantrag teilweise Erfolg. Die Rodung ist auch gestoppt, weil Tesla eine von Brandenburg geforderte Sicherheitsleistung für mögliche Rückbaukosten nicht bis 17. Dezember erbracht hatte. Ob sich der Bau damit verzögert, ist unklar.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer geht davon aus, dass das Projekt „im groben Zeitplan“ bleibt. „Elon Musk ist auf der einen Seite dafür bekannt, dass sich Dinge und Ankündigungen auch verzögern können. Aber letztendlich hat er immer geliefert“, sagte der Direktor des CAR-Center Automotive Research in Duisburg der Deutschen Presse-Agentur. „Und er wird in Berlin auch liefern.“ Tesla will sein erstes europäisches E-Auto-Werk in Grünheide in Brandenburg ab Sommer 2021 in Betrieb nehmen. Dort sollen in einer ersten Phase rund 500.000 Fahrzeuge im Jahr produziert werden.

Der Nabu Brandenburg dringt darauf, dass Tesla die weitere Rodung aufgibt. „Tesla müsste intensiv darüber nachdenken, ob sie nicht darauf verzichten können, die Flächen zu roden“, sagte Landesgeschäftsführerin Christiane Schröder am Samstag. Sie fragte: „Muss da wirklich alles plattgemacht werden?“ Der Landesgeschäftsführer der Grünen Liga Brandenburg, Michael Ganschow, forderte von dem Unternehmen Nachbesserung beim Artenschutz.

Satellitenaufnahme der Baustelle des Tesla-Werks in Grünheide

Der Werksbau von Tesla in Brandenburg läuft etwas langsamer, als der Zeitplan es vorsieht. Das Projekt hat bereits den ersten Bauleiter und andere Manager verschlissen. Auch die finalen Baugenehmigungen lassen weiter auf sich warten – dennoch prescht der US-Autobauer in Grünheide mit der ihm eigenen, enormen Geschwindigkeit voran. Das zeigt die Auswertung von Satellitenbildern von LiveEO, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegen.

Erst im Februar hatten die Rodungen auf dem Tesla-Grundstück in Grünheide begonnen. Eine WirtschaftsWoche-Analyse der Baufortschritte mithilfe von Satellitenbildern zeigte im Juni, dass die in der ersten Ausbaustufe benötigten 90 Hektar Wald komplett gerodet waren. Die Böden waren damals schon planiert, Fundamente gegossen und zahlreiche Straßen auf dem Firmengelände angelegt.

Gut 200 Hektar Wald stehen noch auf dem Grundstück. Sie sollen in den kommenden Jahren einem weiteren Ausbau des Werks zum Opfer fallen. Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass Tesla weitere 82,8 Hektar Wald roden darf. Die Arbeiten begannen am Dienstagmorgen.

Neun Monate nach Beginn der Erschließungsarbeiten scheinen die Fundamente fertiggestellt zu sein. Von einigen Produktionshallen stehen die Wände, wie Aufnahmen von September und November belegen: Dort sind klar die Schatten zu erkennen, die diese werfen.

Inzwischen ist die endgültige Form des Werks, wie sie in den Bauanträgen dargestellt ist, auch aus dem Weltall gut erkennbar. Links begrenzt die gerade verlaufende Autobahn A10 das Werksgelände, rechts ist es eine geschwungene Bahnlinie (siehe Grafik unten). Auf den Tesla-Plänen sind drei weitgehend identische, riesige Produktionshallen verzeichnet. In jeder dieser Hallen sollen sich unter einem Dach die maßgeblichen Produktionsstufen wie Lackiererei, Gießerei, Kunststofffertigung, Presswerk, Karosserierohbau und Endmontage befinden.

Skizze des Tesla-Werks in Grünheide

Nur die erste von maximal drei Hallen baut Tesla derzeit (Ziffer 1 in der Grafik). In späteren Ausbaustufen könnten die beiden weiteren Hallen hinzukommen. In einer separaten, kleineren Einheit (Ziffer 7 in der Grafik) gegenüber der großen Produktionshalle will Tesla die Antriebe fertigen. Dort wird der Autobauer also den Elektromotor bauen und die Batterien aus vielen einzelnen Batteriezellen montieren.

Große Teile des Erdgeschosses der großen Produktionshalle haben die Bauunternehmen seit dem Spätsommer bereits hochgezogen. Zudem bekam die separate, kleinere Halle, in der Tesla den Antrieb fertigen wird, im August und September ihr Dach, wie auf den Bildern zu erkennen ist.

Auf wettergeschützten Flächen, die schon mit einem Dach versehen sind oder die schon vom Boden des nächsten Stockwerks überspannt sind, hat Tesla mit dem Innenausbau begonnen und errichtet die ersten Produktionsanlagen. So läuft etwa schon der Aufbau der Lackiererei.

Die Fabrik ist aber noch lange nicht fertig, geschweige denn voll funktionsfähig. Dafür fehlt es nicht nur an Technik, sondern auch an Mitarbeitern. Tausende Menschen, darunter hunderte Ingenieure, muss Tesla noch einstellen, soll der Betrieb der Fabrik wie geplant im Sommer losgehen. Außerdem fehlt noch die Infrastruktur rund um das Werk, wie ein Bahnhof und Zufahrtsstraßen.

Trotzdem denkt Tesla-Gründer Elon Musk schon weiter. In Zukunft könnten 40.000 Menschen in Grünheide zwei Millionen Autos pro Jahr bauen, ließ der Autobauer bereits verlauten. Dann würde dort wohl nicht nur der kompakte Geländewagen Model Y produziert, sondern auch ein Kompaktauto für rund 25.000 Euro. Ebenfalls angekündigt ist eine Batteriefabrik, die wohl auf dem noch nicht verplanten Gelände unterhalb des neuen Bahnhofs (Ziffer 10 in der Grafik) platziert werden soll. Die Fabrik soll zunächst rund vier Mal so viele Batteriezellen herstellen wie die angekündigte Fabrik von Volkswagen in Salzgitter. Voll ausgebaut könnte die Batteriefabrik sogar zehn Mal größer sein als die von VW.

So real der Fortschritt auf der Baustelle ist und so hochtrabend die Pläne von Elon Musk auch sein mögen – rechtlich ist die Situation in Grünheide noch wackelig. Denn Tesla hat noch keine endgültigen, sondern baut allein auf der Grundlage vorläufiger Genehmigungen. Theoretisch könnte es passieren, dass das Werk im Sommer fertig ist und dann aufgrund abgelehnter Baugenehmigungen wieder abgerissen werden muss. Tesla hat sich verpflichtet, die Kosten dafür zu tragen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist allerdings sehr gering – zu groß ist der politische Wille in der Region, dass das Projekt ein Erfolg wird. Zudem ist das Vorgehen von Tesla nicht neu. Immer wieder werden in Deutschland Fabriken auf der Basis vorläufiger Genehmigungen errichtet.

Der Grund für die Eile von Tesla liegt auf der Hand. Der technische Vorsprung auf die größten Wettbewerber wie etwa Volkswagen beträgt einige Jahre. Je schneller Tesla zu einem echten Massenhersteller wird, der beim Absatz mit etablierten Autobauern mithalten und der sich aus den Gewinnen seines operativen Geschäfts finanzieren kann, umso besser kann Tesla diesen Vorsprung halten.

Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.


Das OVG entschied, wegen des Schutzes von dort überwinternden Zauneidechsen sei das Fällen in Randbereichen der geplanten Flächen vor allem parallel zu Gleisanlagen untersagt. Tesla habe die Reptilien zwar einsammeln und umsetzen lassen, aber zu einer Zeit, als zumindest erwachsene Männchen schon im Winterquartier gewesen seien.

Das Gericht sieht die Gefahr, dass das Tötungsverbot für die geschützten Arten Zauneidechse und Schlingnatter wegen der Rodung verletzt wird. Das Baumfällen sei zudem vorläufig gestoppt in einem Streifen längs der Autobahn 10, weil nicht ersichtlich sei, warum diese Fläche nötig sei. Das Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder) hatte in der Vorinstanz die Fällung von knapp 83 Hektar Wald genehmigt.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnte davor, dass Unternehmen wegen rechtlicher Unsicherheiten aus Deutschland vertrieben werden könnten. „Der Fall Tesla zeigt, dass selbst die Gerichte sich nicht einig sind und es keine zuverlässigen Regeln gibt“, sagte Fratzscher dem „Handelsblatt“. „Das macht eine verlässliche Planung unmöglich.“

Die umweltrechtliche Genehmigung des Landes Brandenburg für den Bau der Fabrik steht noch aus, deshalb baut das Unternehmen mit vorzeitigen Zulassungen. Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) halte eine Genehmigung im Januar für möglich, sagte seine Sprecherin Frauke Zelt. Ein konkreter Zeitpunkt sei aber offen. Derzeit werde noch eine Anhörung von Kritikern ausgewertet.

Der Autoexperte Dudenhöffer kann sich nicht vorstellen, dass die Genehmigung scheitern könnte: „Da würde sich Deutschland weltweit lächerlich machen. Investoren, die wir für Deutschland gewinnen wollen, wären mit Sicherheit verloren.“ Das Projekt sei für Deutschland „ein Wunderwerk“. Die Ansiedlung kann aus seiner Sicht ein Gewinn auch für deutsche Hersteller sein.

Naturschützer und Anwohner befürchten mit dem Projekt negative Folgen für die Umwelt. Bei einer ersten Rodung war bereits eine Fläche von 92 Hektar abgeholzt worden. Das OVG hatte im Februar die Eilanträge zweier Umweltverbände zurückgewiesen. Weil Tesla eine Sicherheitsleistung für mögliche Rückbaukosten von 100 Millionen Euro nicht fristgerecht erbracht hat, steht neben dem weiteren Baumfällen auch der Einbau von Maschinen in der Lackiererei still. Nun hat Tesla Zeit bis zum 4. Januar für das Geld.

Mehr zum Thema: Beim Bau des Tesla-Werks in Brandenburg läuft es nicht mehr so rund, wie zu Beginn der Arbeiten im Frühjahr.

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