Übernahme des Nokia-Kartendienst Here Deutsche Unternehmen wollen um die Ecke gucken

Das Kartellamt hat dem Kauf des Kartendienst Here durch Daimler, BMW und Audi zugestimmt. Mit Hilfe des Straßenverzeichnisses sollen die Autos bald ganz autonom fahren.

Der Firmenschriftzug des Kartenherstellers Here. Quelle: dpa

Wenn Entscheidungsträger deutscher Autokonzerne ein Zeichen setzen wollen, dass sie fit sind für die digitale Zukunft, dann lässt sich das schon an ihrer Kleidung erkennen: schwarzer Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte – so präsentierten sich die drei Manager von Daimler, BMW und Audi auf der gemeinsamen Pressekonferenz im Hauptquartier des Kartendienst Here. Die Vorstände Thomas Weber von Daimler, Klaus Fröhlich von Audi und Rupert Stadler von Audi gaben die Freigabe der Übernahme durch die Kartellbehörden bekannt. Damit könnten die Autokonzerne nun beginnen, „das Leben der Menschen zu verbessern“.

Es sind hehre Ansprüche, die sie mit dem Kauf von Nokias Kartendienst verbinden. Ein Jahr lang rangen die Konzerne mit Wettbewerbern um den Zuschlag. 2008 hatte der finnische Telekommunikationsdienst acht Milliarden Dollar für Here bezahlt. Nun hat Nokia Here für 2,5 Milliarden Euro wieder verkauft. Die Autobauer wollen Here nun als offene Plattform weiterentwickeln. Für die Unternehmen gilt Here als Schlüssel zum Erfolg auf dem Weg zum autonomen Fahren.

Das Ziel sind hochauflösende Karten, die das Umfeld auf der Straße noch genauer und in Echtzeit abbildet. Die Karten der Zukunft seien „zehn Mal präziser als heute“, sagte Audi-Chef Stadler auf der Veranstaltung in Berlin. Künftig würden die Navigationssysteme mit Hilfe von Here die Straßen auf wenige Zentimeter genau widergeben. Gleichzeitig sei es notwendig, die Karten ständig zu aktualisieren – „auch ohne Ortungsfunktion GPS“.

Möglich werden soll das durch die Einbindung von Daten, die über unzählige Quellen aggregiert werden. Schon heute greift Here auf Mobilfunkdaten, Transport- und Logistikdaten zurück. Künftig sollen auch Daten von Autofahrern verwendet werden, die sie während der Fahrt automatisch an die Zentrale von Here schicken. Dort lassen sich die Daten in Sekundenschnelle aufbereiten. Bewegen sich die Scheibenwischer, könnten Autofahrer in der Nähe auf nasse Straßen hingewiesen werden. Verursacht ein Fahrer einen Unfall, kann das System alle sich nähernden Autos warnen. Mit Hilfe von Here sollen Nutzer quasi in Echtzeit um die Ecke gucken.

Ein Traditionshandy kommt zurück
Nokia Quelle: dpa
Nokia Quelle: REUTERS
„Connecting people“ lautet der Slogan von Nokia. Und in der Tat hat das Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten Millionen von Menschen verbunden – früher mit den ersten, koffergroßen Telefonen für unterwegs, zwischendurch mit Bestsellern wie dem 5110, heute mit den Lumia-Smartphones. Auch wenn Nokia in den letzten Jahren an Marktanteil und Einfluss verloren hat und seine Gerätesparte nun an Microsoft verkauft: Der finnische Konzern hat die Mobilfunkbranche geprägt. Quelle: Presse
Mobira Senator1982 stellte Nokia sein erstes Mobiltelefon vor, das heute nicht besonders mobil wirkt: Das Modell Mobira Senator ließ sich mit einem Tragegriffs aus dem Auto heben. Zumindest wenn man kräftig zupackte, wog das Gerät doch knapp zehn Kilogramm. Nach wenigen Stunden musste es wieder aufgeladen werden. Damals war es indes eine Sensation. Quelle: Presse
MikroMikkoWenig bekannt: Nokia entwickelte bereits in den 1980er Jahren Computer, hier ein Gerät der vierten Generation. Anfang der 1990er Jahre verkaufte das Unternehmen die Sparte aber. Quelle: Presse
Nokia 1011Mit der Zeit wurden die Mobiltelefone immer kompakter – so auch das Nokia 1011, das Ende 1992 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Besonderheit: Es war das erste massentaugliche Gerät, das mit dem Mobilfunkstandard GSM lief. In den Speicher passten 99 Telefonnummern. Quelle: Presse
Nokia 5110Mit dem 5110 wurden die Nokia-Geräte massentauglich – dieses ab 1998 verkaufte Modell sah man überall auf der Straße. Die Vorteile: Es war relativ günstig, nahezu unverwüstlich und ließ sich mit Wechselschalen optisch aufwerten. Zudem hatte es als eines der ersten Handys das Spiel „Snake“ an Bord. Quelle: Presse
Nokia 8110Dieses Handy hat Filmgeschichte gemacht: Im Science-Fiction-Streifen „Matrix“ nutzt der Hacker Neo das Nokia 8110 – unter anderem in der dramatischen Szene, als er vor Agent Smith aus seinem Büro flieht. Weil es im geöffneten Zustand gebogen war, bezeichneten viele das Gerät auch als Bananenhandy. Quelle: Presse
Nokia 9210Nokia entwickelte mit der Modellserie Communicator die ersten internetfähigen Handys – hier die ab 1999 verkaufte Version 9210. Das Gerät vereinte Handy und Organizer, zudem erlaubte es Nutzern, im Internet zu surfen. Erst Jahre später entwickelte die Konkurrenz vergleichbare Modelle. Quelle: REUTERS
Nokia N-GageHandy und Spielkonsole in einem: 2003 brachte Nokia das N-Gage auf den Markt. Das erste echte Spiele-Handy des finnischen Konzerns machte zwar viele Schlagzeilen, fand aber nicht so viele Käufer. Nur wenige Entwickler schrieben Spiele für den Mini-Bildschirm, zudem war das Gerät nicht gerade billig. Geradezu absurd: Um Spiele auszutauschen, musste man den Akku herausnehmen. Nokia stellte die Serie später ein. Quelle: dpa
Nokia 6630Auch mit dem 6630 setzte Nokia Standards: Es handelte sich um das erste Handy der Finnen, das per UMTS ins Internet gehen und so größere Datenmengen herunterladen konnte – so das Netz es hergab. Standardmäßig war auch ein E-Mail-Programm installiert. Außerdem an Bord: eine 1,3-Megapixel-Kamera, die auch Videos aufnimmt, Bluetooth und ein Musik-Player. Für das Jahr 2004 eine beachtliche Ausstattung. Quelle: dpa
Lumia 800Mit der Einführung des iPhone 2007 verlor Nokia den Anschluss. Gegen das Apple-Gerät und die vielen Androiden sahen die Mobiltelefone alt aus, die Entwicklung eines eigenen attraktiven Betriebssystems dauerte zu lange – Nokia verlor immer mehr Marktanteile. Mit Microsoft und dessen Software Windows Phone fand das Unternehmen 2011 einen Partner mit internationalem Gewicht. Das erste Windows-Gerät war das Lumia 800, inzwischen hat der Hersteller eine ganze Palette an Geräten mit dem System entwickelt. Neben Smartphones... Quelle: Reuters
Lumia 2520... hat Nokia erstmals auch ein Tablet im Angebot: Das Lumia 2520 soll mit seiner Andock-Tastatur eine Alternative zum Notebook sein. Ob das Gerät eine Zukunft hat, ist jedoch ungewiss: Microsoft baut mit dem Surface ein ganz ähnliches Produkt – der Software-Konzern übernahm die Nokia-Gerätesparte im Jahr 2013. Das Unternehmen Nokia existiert übrigens weiter, allerdings konzentriert es sich auf Netzwerkausrüstung und digitale Landkarten, Verbraucher werden also nur noch selten direkt mit den Produkten in Kontakt kommen. Quelle: dpa
Lumia 930Es ist so etwas wie das Vermächtnis der finnischen Handyentwickler: Das Lumia 930 ist das letzte Smartphone, das noch von Nokia stammt – nun verkauft es Microsoft. Hier stellt der frühere Nokia-Chef und heutige Microsoft-Manager Stephen Elop das Gerät vor, das unter anderem mit seiner Kamera die Käufer überzeugen soll. Quelle: REUTERS

Doch noch ist das Zukunftsmusik. Denn obwohl sich die Unternehmen Daimler, Audi und BMW den Kartendienst zu gleichen Stücken aufgeteilt haben, bleiben Fragen offen. Derzeit sind mehr als zwei Millionen Fahrzeuge von Daimler, Audi und BMW unterwegs, die Echtzeitdaten an Here schicken könnten. Doch noch ist nicht ganz klar, wie diese Flottendaten, die mit unterschiedlichen Standards arbeiten, miteinander kombiniert werden können. „Die drei Unternehmen bewerten daher nun gemeinsame mit Here den Nutzen, die die Bereitstellung von Sensordaten aus ihren Flotten bringen würde“, heißt es in der Presseerklärung.

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Fraglich ist auch, ob die Konkurrenz weiter auf Here-Material setzt, wenn deren wichtigsten Wettbewerber die Anteile der einstigen Nokia-Tochter gehören. Immerhin nutzen vier von fünf Neuwagen in Europa und Nordamerika laut eigenen Angaben Navigationssysteme, die mit Here-Daten arbeiten. Und die Unternehmen Daimler, BMW und Audi wollen mit ihrer neuen Tochter künftig Geld verdienen. „Wir sagen Here eine große Zukunft voraus“, so Stadler. Zwar bekräftigten die drei Konzerne, dass sie Here als „offene Plattform“ vorantreiben wollen. Doch konkrete Absichtserklärungen der Konkurrenten, eigene Daten in das System zu schütten, gibt es bislang noch nicht. Möglich ist also auch, dass die Übernahme die Konkurrenz zu Kartenanbietern wie TomTom treibt.

Dennoch könnte die Strategie aufgehen. Immerhin war das Trio auch die Traumlösung von Here selbst. „Für uns ist das heute ein historischer Moment“, sagt Here-Geschäftsführer Sean Fernback. Der Kauf durch Daimler, Audi und BMW sei „unsere bevorzugte Variante“ gewesen. Die Unternehmen hätten zudem zugesagt, „Geld in die Hand zu nehmen, um unsere Vision zu realisieren“, so Fernback. „Karten werden nicht nur das Leben einzelner Menschen verändern, sondern das der ganzen Gesellschaft verbessern.“

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