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Umbruch in der Autoindustrie „15 Millionen E-Autos? Mathematisch schwierig!“

Umbruch in der Autoindustrie: Mit neuen Modellen ist auch Daimler nun mitten in der Elektro-Transformation. Quelle: imago images

Roman Zitzelsberger von der IG Metall kämpft im Autoländle Baden-Württemberg um die Jobs. Was er davon hält, dass die SPD 15 Millionen E-Autos auf der Straße will und wieso ihm die Verlagerung von Jobs nach Osteuropa noch mehr Sorge bereitet.

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WirtschaftsWoche: Herr Zitzelsberger, Sie sind hauptamtlich Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg – aber Sie sitzen auch im SPD-Landesvorstand. Was halten Sie da vom Parteiprogramm der SPD, in dem steht, dass im Jahr 2030 „mindestens 15 Millionen Pkw in Deutschland voll elektrisch fahren“ sollen?
Roman Zitzelsberger: Die Frage ist, was passieren muss, um dieses Ziel zu erreichen. 15 Millionen Elektroautos sind in etwa ein Drittel aller Fahrzeuge, die wir heute auf der Straße haben. Und die Menschen fahren ihre Autos immer länger, aktuell knapp zehn Jahre. Das heißt, dass ein Teil der Autos, die 2030 auf den Straßen fahren, bereits produziert worden ist. Und da beginnt die Mathematik...

Und wie geht die Rechnung? 
Das wird sicherlich sportlich, bis 2030 15 Millionen reine E-Autos auf die Straße zu bringen. Denn das würde bedeuten, dass spätestens im Jahr 2025 mehr als zwei Drittel der neu zugelassenen Fahrzeuge Stromer sein müssten. Und da stellt sich sofort die Frage: Was will die Politik tun, um das zu schaffen?

Was fordern Sie?
Zum Einen muss man die regenerativen Energien ausbauen –  es nützt ja nichts, wenn E-Autos mit Strom aus Braunkohle fahren. Zum Anderen muss die Ladeinfrastruktur massiv ausgebaut werden. Sollten darüber hinaus etwa Verbote für Verbrennungsmotoren auf den Tisch kommen, bekommt das Thema eine massive soziale Dimension und trägt nicht die Handschrift der Sozialdemokraten.

Roman Zitzelsberger ist seit Dezember 2013 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Quelle: dpa Picture-Alliance

Die SPD ist ja sehr gewerkschaftsnah. Wird so ein Punkt im Parteiprogramm nicht mit der IG Metall abgestimmt? 
Ich persönlich hatte da keine Aktien im Spiel – das ist schon Sache der Programmkommission der Partei. Ich denke aber schon, dass es in der IG Metall sicher den ein oder anderen gibt, der da eingebunden war.

Was würde es denn für die Beschäftigung in der Autoindustrie bedeuten, wenn es tatsächlich in diese Richtung ginge? 
Fakt ist, dass die Elektromobilität schon heute viel schneller Fahrt aufnimmt, als wir das noch vor drei bis vier Jahren gedacht haben. Dennoch sind nicht alle Mitarbeiter von Autokonzernen gleichermaßen betroffen. Ein Beispiel: In Baden-Württemberg arbeiten etwa 470.000 Menschen in der Autoindustrie – dazu gehören auch solche in Kfz-Werkstätten und Zulieferer aus dem Maschinenbau. Direkt am Verbrennungsmotor hängen davon aber ‚nur‘ 160.000 Arbeitsplätze, mit unterschiedlichen Zukunftsperspektiven: In der Montage etwa können auch E-Autos montiert werden – während es für Menschen etwa in Motor- oder Getriebewerken enger wird, weil E-Autos keinen komplexen Verbrennungsmotor und kein Getriebe mehr haben. Auf Entwickler von Dieselaggregaten hat der Wandel schon heute Auswirkungen, teilweise wird keine neue Aggregate-Generation mehr entwickelt.



Was fordern Sie?
Die Unternehmen müssen noch stärker an Alternativen für wegfallende Beschäftigung arbeiten. Teilweise kann man mit einer Maschine, die Teile für Autos mit Verbrennungsmotor produziert, etwas ganz Anderes herstellen. Dazu muss man sich aber jeden einzelnen Standort genau anschauen und überlegen, welche Perspektiven es geben könnte. Die IG Metall Baden-Württemberg hat dafür bereits vor zwei Jahren ein eigenes Team ,Transformation‘ gegründet und unterstützt die Unternehmen bis zum Abschluss von Zukunftstarifverträgen. Ein schönes Beispiel ist ZF Friedrichshafen: Dort haben wir letzten Sommer vereinbart, dass für jeden Standort Zielbilder entwickelt werden. Dazu wird analysiert, welche Alternativen an jedem Standort möglich wären. Am meisten Sorgen bereitet mir derzeit aber nicht die Elektromobilität.

Sondern?
Die Verlagerung vieler Produktionsstandorte oder Produkte nach Osteuropa. Darin sehe ich eine große Bedrohung: Aktuell fällt mindestens eine vierstellige Zahl von Arbeitsplätzen in Baden-Württemberg weg. 

Was kann die IG Metall tun?
Wir gehen zur Not auch in den Konflikt, im Zweifel bis hin zu Arbeitsniederlegungen. Grundsätzlich müssen mehr Menschen für neue Aufgaben qualifiziert werden. Und auch die Politik muss Veränderungsprozesse fördern.

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