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Unbeliebte US-Aufpasser Die heikle Mission des Larry Thompson bei VW

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In Wolfsburg geht die Angst um

Über Thompsons Vorgehen können die Manager in Wolfsburg derzeit nur spekulieren. „Wir wissen nicht, was uns erwartet“, sagt einer. Konzerninsider rechnen damit, dass er darauf drängen wird, die Motorentwicklung organisatorisch von der Abgasmessung abzukoppeln. Die fehlende Trennung habe den Betrügereien schließlich Tür und Tor geöffnet. Künftig werde eine unabhängige Abteilung über die Einhaltung von Grenzwerten wachen, meint ein VW-Manager, der Thompson zuarbeiten soll.

Die Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung bereiten sich innerlich bereits auf kritische Verhöre vor. „Thompson wird interessieren, warum die Manipulationen nicht früher auffielen“, sagt ein Insider.

In Wolfsburg geht die Angst um, und sie kann durchaus lähmend wirken. Denn viele Fragen sind offen. Was, wenn man zum Gespräch beim Monitor antreten muss? Wird einem das Unternehmen zur Seite stehen? Sollte man gleich den eigenen Anwalt mitbringen?

Dass diese Fragen berechtigt sind, zeigt der Fall der Commerzbank. US-Richter Lawsky zwang die Bank dazu, fünf Mitarbeiter zu entlassen, die in die verbotenen Geschäfte involviert waren. Einer davon war Lars Christiansen, der in Hamburg den Zahlungsverkehr für einen iranischen Kunden abwickelte. „Ich habe mich nie eines Vergehens strafbar gemacht“, sagt er. Die Geschäfte mit dem Iran wickelte Christiansen im Auftrag seines Arbeitgebers ab. Trotzdem erhielt er im März 2015 seine Kündigung – weil die Commerzbank im Vergleich mit den US-Behörden eingeknickt war.

Welche Schadstoffe im Abgas stecken

Nach deutschem Recht war die Kündigung wohl unzulässig. Einen Prozess vor dem Arbeitsgericht hat Christiansen jedenfalls gewonnen, die Anwälte der Bank räumten sogar ein, dass es „erheblichen Druck aus den USA“ gegeben habe. Die Commerzbank hat trotzdem Revision eingelegt – weil der US-Vergleich sie dazu zwingt. Ende Juni wird der Fall vor dem Bundesarbeitsgericht erneut verhandelt.

Clash der Kulturen

Arbeitsrecht, Tarifrecht, Datenschutz – bei den exterritorialen Aktionen der Amerikaner prallen Rechtssysteme aufeinander. Regelmäßig kommt es etwa zu Konflikten über Betriebsvereinbarungen: „In den USA haben Betriebsräte eine viel geringere Bedeutung“, sagt ein Anwalt, der in die Arbeit von Monitoren eingebunden war. Zudem kollidieren die Aufklärungsbemühungen regelmäßig mit deutschen Geheimhaltungsvorschriften. So habe der frühere FBI-Chef Louis Freeh, der als Monitor bei Daimler fungierte, den „Datenschutz nicht sonderlich ernst genommen“.

Dabei sieht selbst Freeh die US-Machtdemonstration mittlerweile kritisch. Das Pendel sei „zu weit ausgeschlagen“, sagte er kürzlich dem „Handelsblatt“.

Zaghaft formiert sich selbst bei VW Widerstand. „Nur weil ein Herr Thompson eine Abteilung verändern oder verlagern will, muss das noch lange nicht heißen, dass das rechtlich auch machbar ist“, sagt ein Manager. Und Betriebsratschef Osterloh lässt seinen Einfluss spielen. Er hat bereits verhindert, dass der Konzern Freeh als Berater installiert. Nun will er penibel darüber wachen, dass Thompson nicht gegen deutsche Mitarbeiterrechte verstößt.

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