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Verlassene Bugatti-Fabrik „Die letzten beiden Autos wurden gebaut, als die Zwangsvollstrecker schon vorm Tor standen“

Ehemalige Bugatti-Konzernzentrale Quelle: Daniel Wollstein

Bugatti feiert dieses Jahr seinen 110. Geburtstag. Die Historie der exklusivsten aller VW-Marken ist spektakulär – ebenso wie ihr größter Flop. Ein Besuch im verlassenen Werk für den Bugatti EB 110 in Campogalliano.

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Das schwere Stahltor öffnet sich längst nicht mehr elektrisch. Mit Muskelkraft schiebt man die rostige Metallwand quietschend zur Seite. Sie gibt den Blick frei auf einen grün bewucherten Garten, während auf der wenige Meter entfernten Autobahn die Lastwagen vorbeirauschen. Der Parkplatz links hinter dem Tor ist ebenso eingewachsen wie der Rest des 70.000 Quadratmeter großen Areals. Nach ein paar Schritten taucht hinter mächtigen Bäumen die blau verglaste Konzernzentrale auf. Sie hat schon bessere Zeiten gesehen. Ein paar Fenster sind gekippt, einige wurden durch Holzplatten ersetzt. Die letzte Reinigung des mächtigen Glaskubus ist rund ein Vierteljahrhundert her.

Seit September 1995 geht nichts mehr in Campogalliano, ein paar Kilometer westlich von Modena. Mitte der Achtzigerjahre von Autoliebhabern wie Romano Artioli und Marc Borel ersonnen, sollte im goldenen Automobildreieck im Norden Italiens nichts Geringeres als das beste Auto der Welt gebaut werden. Doch so beeindruckend der Bugatti EB 110, von 1990 bis 1995 dort in Handarbeit produziert, auch war; so sehr er Porsche, Ferrari, Maserati und Lamborghini auch düpierte – er floppte. Und wie.

Wie viele von den Bugatti EB 110 entstanden, weiß keiner genau. Offizielle Aufzeichnungen sprechen von knapp über 130 Fahrzeugen, 96 GT- und 34 bis 36 SS-Modelle. „Die letzten beiden Bugatti EB 110 wurden noch zusammengeschustert, als die Zwangsvollstrecker vor dem großen Eingangstor standen“, erzählt Bugatti-Chefdesigner Achim Anscheidt.

Die Zeit steht still in Campogalliano. Quelle: Daniel Wollstein

Der Bugatti EB 110 war der mit Abstand ungewöhnlichste Supersportwagen seiner Zeit. Er sollte der Beste sein und seine Technik war einzigartig, doch eben auch trotz des Kaufpreises von mehr als 700.000 D-Mark für die Firma dahinter unbezahlbar. Bereits beim Design hakte es, denn mit der eigentlichen Kreation war Firmenpatron Romano Artioli nicht zufrieden. Es gab eine Reihe von Verbesserungsversuchen, die alle nicht den gewünschten Erfolg brachten. Schließlich sorgte Giampaolo Benedini für den letzten Schliff.

Benedini, ebenfalls aus dem Dunstkreis der Artiolis stammend, war eigentlich der Architekt, der die Gebäude am Firmensitz in Campogalliano kreierte. Er legte Hand an und sorgte für das finale Design des Supersportwagens, der von einem einzigartigen Triebwerk befeuert wurde. Dem 3,5 Liter großen V12-Motor wurde von vier Turboladern Flügel verliehen. Damit die Kraft von anfangs 560 und später mehr als 600 PS und bis zu 630 Nm maximalem Drehmoment überhaupt auf den Boden kam, gab es einen Allradantrieb. Der EB 110 wurde mit 351 km/h schnellstes Serienfahrzeug der Welt. Und er fuhr ab dem ersten Fahrzeug Verluste ein. Dafür sorgten die astronomisch teure Fabrik und die noch teurere Technik des Wagens mit einem Materialmix aus Karbon, Aluminium und speziellen Kunststoffen.

Bugattis in leerer Bugattifabrik Quelle: Daniel Wollstein

Seit der Insolvenz im September 1995 steht die Sportwagenmanufaktur leer. Pläne für das Areal gab es viele, Eigentümerwechsel auch. Die ehemalige Bugatti-Fertigung ist heute eine Zeitkapsel, wie es im Norden Italiens eine ganze Reihe gibt. Doch nur bei wenigen ist die Geschichte derart lebendig wie beim alten Bugatti-Werk in Campogalliano. Dass alles nicht komplett zerfallen oder zerstört worden ist, dafür sorgt ein Vater mit seinem Sohn – seit Jahr und Tag unentgeltlich. Ezio Pavesi liebt die Bugatti-Fabrik wohl kaum weniger als seine Frau. Sein Vater war einer der 150 Angestellten in der Sportwagenmanufaktur, deren Existenz man bei Volkswagen nach der Übernahme und dem Neuaufbau der Marke in Molsheim allzu gerne verschweigt.

Ezio wohnt direkt gegenüber des rostigen Eingangstores und hat die Familienleidenschaft an seinen Sohn Enrico übertragen, der sich seitdem ebenso darum kümmert, dass der Geist Ettorio Bugattis hier nicht entschwindet. Als die Fabrik 1995 schloss, brach für die Arbeiter eine Welt zusammen. „Für sie war Bugatti mehr als eine Arbeit“, erzählt Ezio Pavesi durch seinen Sohn Enrico, „sie machten keinen Urlaub und wollten abends nicht nach Hause. So sehr haben sie sich mit der Marke identifiziert.“

Ezio Pavesi und sein Sohn Enrico sorgen dafür, dass das alte Bugatti-Werk in Campogalliano nicht völlig verfällt. Quelle: Daniel Wollstein

Das hat sich bis heute nicht geändert. Ehemalige Arbeiter kommen immer wieder an die Stätte eines automobilen Traumes, der nur kurz fliegen durfte. Ezio Pavesi hat mit dem Kapitel Bugatti bis heute nicht abgeschlossen. Jeden Morgen und jeden Abend macht er, der das Firmengelände und die Geschichte wie kein anderer kennt, einen Rundgang über das Areal. „Wenn es nachts stark regnet, geht mein Vater rüber und stellt Eimer unter die zahlreichen Löcher im Dach und leert die Eimer wenn es sein muss auch mehrfach aus“, lächelt sein Sohn Enrico.

Undichte Stellen gibt es zuhauf, wenn es stark regnet dringt Wasser ein. Quelle: Daniel Wollstein

Als der Volkswagen-Konzern die Marke 1998 unter Regie von Ferdinand Piech kaufte, hatten die Wolfsburger kein Interesse an der Produktionsstätte in Campogalliano, denn man wollte einen Neustart am ehemaligen Standort in Molsheim. So gab es die Auflage, das gigantische Bugatti-Signet außen an der blauen Fertigungshalle zu übermalen. „Das haben die Arbeiter nicht fertig gebracht und daher wurde es nur mit einer blauen Folie überzogen“, erzählt Enrico Pavesi, während seinem Vater die Tränen in die Augen treten.

Über die letzten 20 Jahre setzte die starke Sonneneinstrahlung der Folie mächtig zu und längst kann man das alte Bugatti Logo wieder erkennen. Nicht übertüncht werden konnten ohnehin die zahllosen eingemauerten EB-Signets, die sich auf vielen Wänden befinden und an den Gründer der Marke erinnern.

Bugatti-Logo an der Fabrik Quelle: Daniel Wollstein

In den Hallen selbst ist die Zeit stehen geblieben – vor fast einem Vierteljahrhundert. Die Maschinen sind verschwunden, die Scheiben sind ebenso verdreckt wie der Boden und an der Decke hängen noch die Bedieninseln für Strom, Licht und den Hebemechanismus, mit dem sich V12-Triebwerk und Karbonkarosserie einst aufwendig vermählten.

Firmenpatron Romano Artioli kreierte in den Achtzigerjahren eine Manufaktur, die nicht nur das beste Auto der Welt fertigen sollte. Auch die Fabrik sollte die beste und modernste auf der ganzen Welt sein. Die Maschinen waren die exquisitesten, die es für Geld zu kaufen gab, die Fertigung war offen, variabler und komfortabler als alle vergleichbaren. Topmanagement und Werker aßen zusammen mit einer lichtdurchfluteten Kantine im ersten Geschoss und plauderten bei sanfter Musik aus Hightech-Lautsprechern über die Erlebnisse des Alltags, während die frisch zubereiteten Speisen auf Porzellan mit Bugatti-Signet vertilgt wurden.

In der Kantine speiste man von eigenem Porzellan mit EB-Logo. Quelle: Daniel Wollstein

Bevor es im Produktionsgebäude zur Kantine hinauf geht, zeugt eine schwere Holztür von der Bugatti-Historie und dem Schulterschluss zwischen dem ehemaligen Firmensitz in Molsheim und der damals neuen Fertigung in Campogalliano. Seinerzeit wollte man so die enge Verbindung zwischen Molsheim und Campogalliano ausdrücken. Zwei große Designfresken in der Kantine sollten in der Vergangenheit schon mehrfach entfernt werden. Bugatti-Sammler hatten ebenso Interesse daran, wie die Bugatti-Designabteilung unter Achim Anscheidt. „Doch die Bilder lassen sich nicht entfernen“, erzählt Anscheidt mit Blick auf die beiden gigantischen Wandbilder, „im Laufe der Jahre sind sie mit der Wand verwachsen.“

Bilder von Bugattis im Gebäude Quelle: Daniel Wollstein

Wie schon beim einst mit Folie überklebten Bugatti-Signet an der blauen Außenwand scheint es, als ob das Werk in Campogalliano seinen Ursprung nicht preisgeben will und insgeheim auf eine Wiederbelebung hofft. Und so bleibt es an Ezio Pavesi und seinem Sohn Enrico, das Gedenken an die kurze italienische Hoch-Zeit im fast vergessenen Werk in Campogalliano lebendig zu halten. Einige der EB-110-Kunden kommen zum Service übrigens noch immer in den kleinen Ort an der Autobahn, weil hier zwei Werkstätten nicht nur die Experten, sondern auch das originale Werkzeug für die Wartung des wohl besten Sportwagens seiner Zeit haben.

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