Volkswagen-Abgas-Skandal „Pötsch ist die schwächste Personalie bei VW“

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Am Mittwoch sollen die personellen Wechsel an der VW-Spitze mit der Wahl von Hans Dieter Pötsch zum neuen Chefkontrolleur vorerst abgeschlossen sein. Seine Wahl wird nicht nur von Aktionärsschützern kritisiert.

Hans Dieter Pötsch soll am Mittwoch als Vorsitzender des Aufsichtsrats gewählt werden. Quelle: dpa

Der Medienmanagement-Professor Thomas Breyer-Mayländer von der Hochschule Offenburg sieht den neuen Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch als „die schwächste Personalie bei VW“. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass im Aufsichtsrat mit Herrn Pötsch die endgültige Lösung gefunden ist“, sagte Breyer-Mayländer der WirtschaftsWoche. „Einem amerikanischen Gericht zu erklären, warum die Person, die die Öffentlichkeit und Aktionäre über Wochen nicht informiert hat, jetzt die Aufklärung kontrollieren soll, wird – freundlich formuliert – eine spannende Aufgabe.“

Der Aufsichtsrat hatte zuvor den bisherigen Finanzvorstand Pötsch per registergerichtlicher Bestellung in das Gremium berufen und wird ihn am morgigen Mittwoch bei einer Sondersitzung im Stammwerk Wolfsburg zum Vorsitzenden wählen. Auch Aktionärsschützer hatten gegen die Berufung Bedenken geäußert.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

Zusammen mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller muss Pötsch nun die Abgasaffäre aufklären. Nach dem Stühlerücken in Vorstand und Aufsichtsrat sieht Breyer-Mayländer keinen großen Bedarf nach weiteren personellen Wechseln. „Ein Kulturwandel braucht Zeit, aber auch eine intensive Begleitung“, so der Autor mehrerer Bücher über Unternehmensführung und -strategien. „Es gibt im höheren und mittleren Management sicher Mitarbeiter, die mit dem bestehenden System zufrieden sind und keinen Wandel herbeisehnen. Deshalb kann es vorkommen, dass sich der Konzern noch von dem einen oder anderen Manager trennen wird. Es gibt aber keine Notwendigkeit, mit der Kettensäge durch die Führungsetagen zu laufen.“

Nachfolge-Frage nicht gelöst, nur verschoben

Besonders dem Vorstandsvorsitzenden Müller rät er, nicht dem autokratischen Führungsstil seines Vorgängers Martin Winterkorn und des ehemaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch zu folgen. „VW braucht mehr von dem Führungsstil mit Eigenverantwortung, wie er bei Porsche üblich ist und weniger von dem alten Wolfsburger Stil. Das verkörpert Herr Müller gut und glaubhaft“, sagte Breyer-Mayländer. „Einen 68-Jährigen durch einen 62-Jährigen abzulösen ist allerdings kein Generationswechsel, sondern ein Signal der Kontinuität. Deshalb muss VW immer noch schnell einen geeigneten Nachfolger aufbauen.“

Die Krisenkommunikation der Wolfsburger hält Breyer-Mayländer für katastrophal. „Wenn man bedenkt, dass andere Hersteller bei Fehlern, die bis zu 120 Tote zur Folge hatten, mit nur geringen Imageproblemen aus Krisen hervorgegangen sind, wird deutlich, wie katastrophal das Krisenmanagement und die Krisenkommunikation bei VW gelaufen sind“, so der Professor. „Diese bemerkenswerte kommunikative Fehlleistung war sicherlich mit eine Folge der autokratischen Herrschaftsstrukturen.“

Breyer-Mayländer ist promovierter Medienökonom und lehrt seit 2001 Medienmanagement an der Hochschule Offenburg mit dem Schwerpunkt Krisenkommunikation und Führung.

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