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Volkswagen-Abgasskandal VW-Kunden klagen über Probleme nach Abgas-Rückruf

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Werkstätten melden Probleme bei VW

Von diesen Mängeln sind nicht zwangsläufig alle Fahrzeuge betroffen, die jetzt ein Update bekommen. Volkswagen zufolge müssen für circa 1000 Fahrzeugarten individuelle Softwarevarianten entwickelt werden. Eine Rolle spielen Modell, Motorhubraum, Gewicht, Getriebetyp und Ausstattung. Vom scheckheftgepflegten Auto bis hin zur Schrottmöhre: Die Fahrzeuge haben alle einen anderen technischen Ausgangszustand. Kein Wunder, dass jedes Auto anders auf das Update reagiert und Fahrer kuriose Dinge erleben: So berichtet ein Halter aus Ahrensburg, dass nach dem Update die Klimaanlage seines drei Jahre alten Passats nicht mehr lief. „Der Temperaturfühler war fest auf ein Grad Celsius eingestellt“, sagt er. VW räumt ein, dass es „in wenigen Einzelfällen“ solche Beanstandungen gab. Man prüfe, ob das mit dem Update zusammenhänge.

Einige Kunden, die mit Problemen in ihrer Werkstatt bereits vorstellig wurden, fühlen sich abgewimmelt. Der 38-jährige VW-Fahrer Raab etwa bekam nach eigener Aussage zu hören, dass die Probleme an seinem Fahrzeug nichts mit dem Update zu tun hätten. Geprüft hatte sein Mechaniker das aber nicht. Stattdessen schlug er ihm vor, das Auto kostenpflichtig durchzuchecken.

Werkstattmitarbeiter berichten hinter vorgehaltener Hand, wieso sie zögerlich sind, wenn Kunden nach dem Update Probleme melden. Die Werkstatt koste es viel Zeit, dem nachzugehen, sagt ein Kfz-Meister. Die Autos müssten ausprobiert und durchgesehen werden, Beschwerden an die VW-Zentrale übermittelt werden. „Die Arbeit zahlt VW nicht und der Kunde auch nicht“, sagt er.

Die Werkstätten kennen den Zustand der Autos nicht

Der Leiter einer anderen Werkstatt gibt zu bedenken, dass vor dem Update keiner seiner Mitarbeiter mit dem Auto gefahren sei. „Wie sollen wir die Beschwerden nachvollziehen?“ Ein anderer meint, dass die Fahrzeuge womöglich vorher schon kaputt waren: „Manche Kunden wollen bloß Geld rausschlagen“, sagt ein Werkstattleiter.

So tricksen die Autobauer beim Diesel
VolkswagenSeit Monaten tobt der Dieselskandal bei Volkswagen. Der Auslöser: eine Software, die erkennt, ob ein Auto auf dem Prüfstand steht. Um die Abgasprüfer hinters Licht zu führen, erkannten die Fahrzeuge mit 1.2-, 1,6- und 2.0-Liter TDI-Motor beispielsweise ob das Lenkrad bewegt wurde. Mittlerweile müssen etliche Modelle des Konzerns, darunter auch Passat und Golf darum zurück in die Werkstatt. Quelle: dpa
VolkswagenAuch bei den Nachprüfungen des Kraftfahrtbundesamtes sind Modelle der Wolfsburger negativ aufgefallen. Fast 200.000 Fahrzeuge müssen zurück in die Werkstatt, weil eine gesetzliche Ausnahmeregelung wohl zu weit ausgelegt wurde. Bei einer zu hohen oder zu niedrigen Außentemperatur schalten die Fahrzeuge ihre Abgasreinigung ab. Die Hersteller begründen das mit dem Motorenschutz. Der Gesetzgeber sieht das offenbar anders. Betroffen sind der Amarok, aber auch der Lieferwagen Crafter. Quelle: dpa/dpaweb
AudiUnd auch die VW-Premiumtochter Audi spielt im Dieselskandal eine größere Rolle als zunächst angenommen. Das illegale Abschaltung der Abgasreinigung, die den Skandal auslöste, soll sogar in Ingolstadt mitentwickelt worden sein. Auch in den jüngsten KBA-Nachprüfungen überschritten einige Audi-Modelle den gesetzlichen Grenzwert für den Stickoxid-Ausstoß. Unter anderem muss der Q5 zurückgerufen werden. Quelle: obs
PorscheAuch bei Porsche gehörte der Betrug zum Geschäft. Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Dieselskandals musste auch der Sportwagenbauer eingestehen, dass seine 3-Liter-Dieselmotoren eine illegale Abschalteinrichtung enthalten. Auch bei den Nachprüfungen des KBA fiel ein Porsche-Modell unangenehm auf: ausgerechnet der kompakte Macan überschreitet die Stickoxid-Grenzwerte bei niedrigen Außentemperaturen. Quelle: AP
MercedesDie Sprachregelung bei Daimler wackelt: bisher hatten die Schwaben alle Vorwürfe, man habe beim Diesel betrogen weit von sich gewiesen. Doch bei den Nachprüfungen des KBA fielen A-Klasse, B-Klasse und V-Klasse aus dem Rahmen und müssen nun bei einem Rückruf überarbeitet werden. Alle haben übrigens eins gemeinsam... Quelle: dpa
Renault...Denn die Daimler-Diesel kommen aus einer Kooperation mit dem französischen Autobauer Renault. Der steht ohnehin schon unter Beobachtung der französischen Behörden, die nach dem Ausbruch des Dieselskandals mehrere Razzien bei Renault vornahmen. Der jüngste Bericht des KBA soll darum auch an die französischen Behörden weitergeleitet werden. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Quelle: REUTERS
OpelAuch in Rüsselsheim sind die Dieselmotoren offenbar schmutziger als der Konzern es bisher zugegeben hat. Bei Zafira, Insignia und Cascada sind die Abgase wohl deutlich schmutziger, sobald die Temperatur unter 17 Grad fällt. Den vereinbarten Rückruf nennt man in Rüsselsheim "freiwillige Serviceleistung". Wohl auch um sich vor Schadenersatzforderungen zu schützen. Künftig sollen alle Modelle des Autobauers mit einem Harnstoff-Katalysator ausgerüstet werden. Quelle: dapd

Die Mechaniker sind teilweise nicht besser dran als die Kunden. VW hat ein Chatprogramm eingerichtet, über das sie Probleme melden sollen. Wer das jedoch tut, wird von den Wolfsburgern teilweise abgebügelt. Das belegen Gespräche mit Werkstätten und Chatprotokolle, die der Redaktion vorliegen. Zwar versichern Mitarbeiter in Chats, dass der Hersteller Beanstandungen im Zusammenhang mit dem Update (VW-Kürzel: Aktion 23R7) „sehr ernst“ nehme. Dann lassen sie die Werkstattmeister jedoch wissen, dass in Tests alle Beanstandungen, die „technisch einwandfreie Fahrzeuge“ betreffen, entkräftet worden seien. Darauf folgt der Satz: „Bitte sehen Sie von Instandsetzungsversuchen ab.“ VW sagt, dass dies keinesfalls den Rückschluss zulasse, dass eine „sorgfältige Einzelfallprüfung des jeweiligen Vorgangs vermieden werden soll“.

In Europa wurden 8,5 Millionen Fahrzeuge mit der Betrugssoftware ausgestattet. Alle neuen Versionen müssen vom KBA genehmigt werden. Bislang hat die Behörde eine neue Software jedoch nur für 60 Prozent der betroffenen Fahrzeuge freigegeben. Laut VW werden zwar täglich „Tausende Fahrzeuge“ umgerüstet. Insgesamt waren aber erst gut 500.000 Autos in der Werkstatt.

Stellt sich heraus, dass die Probleme mit der Software flächendeckend existieren, wäre das ein Fest für Anwälte, die VW-Kunden dafür gewinnen wollen, den Autokonzern auf Schadensersatz zu verklagen. Allein Klägeranwalt Marco Rogert zählt 400 Mandanten. „Täglich kommen acht bis zehn hinzu“, sagt er. MyRight vertritt bereits eine fünfstellige Zahl VW-Kunden. Der Rechtsdienstleister zahlt die Kosten bei einem Prozess gegen VW und kassiert dafür im Erfolgsfall 35 Prozent des erstrittenen Schadensersatzes.

Kunden wollen VW verklagen

Wenn MyRight und Co. sich durchsetzen, dürfte es teuer für VW und unangenehm für die Autohändler werden. So hat das Landgericht Krefeld jüngst einen Händler verurteilt, zwei Fahrzeuge der VW-Tochter Audi, die mit der Betrugssoftware ausgerüstet waren, zurückzunehmen. Nachbesserungen seien dem Kläger nicht zumutbar, da er die „begründete Befürchtung“ hegen dürfe, dass das Update zu Folgemängeln führt. Es sei „nicht auszuschließen, dass die Beseitigung der Manipulations-Software negative Auswirkungen auf (...) den Kraftstoffverbrauch und die Motorleistung haben würde“. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Auch die VW-Kunden Bunger und Raab wollen zurückschlagen. Bunger will mit der Kanzlei KWAG auf Rücknahme des Fahrzeugs gegen VW klagen. Raab hat Schadensersatzansprüche an MyRight abgetreten.

Der Abgasskandal wird nicht nur Volkswagen, sondern auch die Gerichte wohl noch über Jahre beschäftigen.

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