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Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh Das VW-Gesetz bin ich

Bernd Osterloh wird neuer Traton-Personalvorstand. Quelle: REUTERS

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh wechselt auf einen Vorstandsposten bei der VW-Lkw-Tochter Traton und vervielfacht damit sein Gehalt. Welcher Deal dahinter steckt, ist nicht bekannt. Aber welche Unkultur dahinter steckt, schon – nämlich eine, die auch Osterloh selbst geschaffen hat. Ein Kommentar.

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Rund zehn Monate ist es her, da zeigte Bernd Osterloh, Betriebsratschef von Volkswagen, wie er sich selbst sieht: als Top-Manager des Autokonzerns. Und zwar als Vorstand – mindestens als Vorstand. Aus seinem Wolfsburger Büro heraus konferierte er den ganzen Tag via Skype mit rund 60 großen VW-Investoren aus Europa, den USA und Asien.

In anderen Unternehmen sind solche Roadshows den Vorstandsvorsitzenden oder Finanzchefs vorbehalten. Er könne sich nicht erinnern, da jemals einen Gewerkschafter erlebt zu haben, sagte damals ein Investor. Für Osterloh aber war die Aktion ganz normal: Er wolle mit allen Stakeholdern in Kontakt sein, hieß es in seinem Umfeld. Drei Jahre zuvor hatte er in London Investoren getroffen, eineinhalb Jahre zuvor in New York.

So ist das bei VW. Der Betriebsrat managt mit, im Guten wie im Schlechten: Er denkt mit, hinterfragt die Strategien des Vorstands, ist fachlich mit dem Topmanagement auf Augenhöhe, gibt gesellschaftlichen Belangen Gewicht, unterstützt den Wandel zum elektrischen und digitalen Konzern. Das ist gut.

Und er regiert selbstherrlich unter dem Schutz des VW-Gesetzes und des Landes Niedersachsen, das VW-Großaktionär ist. Er intrigiert bis weit über die Schmerzgrenze. Er ließ sich von der Konzernführung schmieren, ließ sich Gehälter zahlen, die so üppig ausfielen, dass sogar die vom Großaktionär Niedersachsen kontrollierte Staatsanwaltschaft Braunschweig aktiv werden musste. Und er tat trotz seiner tiefen Kenntnis der internen Abläufe nichts, um Dieselgate zu verhindern. Das ist aus Sicht des Bürgers, der Aktionäre, der Corporate Governance unerträglich.

Das ist die VW-Kultur und das bleibt sie offenbar auch bis auf Weiteres, wie der Wechsel von Osterloh auf den Posten des Traton-Personalvorstands zeigt. Der Mann, der sich immer als Vorstand sah, will nun bei der VW-Lkw-Tochter einer werden: „Der Gedanke hat mich schon immer gereizt, meine Qualitäten als Manager praktisch unter Beweis zu stellen“, sagte Osterloh in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit dem „Manager Magazin“.Will er sich nun wenigstens für ein paar Jahre das Millionengehalt holen, das ihm nach eigenem Dafürhalten als mächtigster Arbeitnehmervertreter der Welt schon seit Jahrzehnten zugestanden hätte? „Mir geht es nicht ums Geld“, so Osterloh im „Manager Magazin“, „wäre das mein Antrieb, hätte ich schon viel früher als Betriebsratsvorsitzender aufgehört“.

Wenn Osterloh dann bei Traton ist, wird er im Vorstand von dem Mann kontrolliert, den er selbst in diese Funktion bugsiert hat: Gunnar Kilian, jetzt Personalvorstand und Traton-Verantwortlicher des Konzerns, fungierte zuvor als Osterlohs Pressesprecher und rechte Hand im Betriebsrat. Keiner der beiden wäre ohne seine Betriebsratsvergangenheit auf dem hochdotierten Posten gelandet.

In einem Bericht der Frankfurter Investmentboutique MainFirst, die Osterlohs Roadshow im vergangenen Jahr organisiert hat, heißt es, dass Osterloh vor den Investoren klargemacht habe, „dass CEO Diess die volle Unterstützung des Betriebsrats hat und dass Betriebsrat und Management bei strategischen Fragen völlig einer Meinung sind.“ Wir reden von dem Osterloh, der ein paar Wochen zuvor in einem beispiellosen Machtkampf VW-Chef Herbert Diess vom Hof jagen wollte. Nun soll er plötzlich lammfromm sein und Diess auf ganzer Linie unterstützen? Rückblickend drängen sich Fragen auf: Hat Diess den Arbeiterführer mit der Aussicht auf den neuen Top-Job ruhiggestellt? Haben die beiden schon damals ausgehandelt, wie es mit Osterloh in diesem Jahr weitergehen wird? Und bekommt Diess im Gegenzug, was er seit Langem fordert – nämlich seine Vertragsverlängerung über das Jahr 2023 hinaus?

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Vielleicht ist es fies, so zu denken. Vielleicht ist alles ganz anders. Aber es ist die Kultur, die auch Osterloh geschaffen hat, die einen so denken lässt. 

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