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Volkswagen Die unselige Allianz von Politik und VW

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Das böse Erwachen nach Dieselgate

„Es ist erschreckend“, sagt ein Insider aus der niedersächsischen Regierung, „dass sich dieser Zustand über so viele Jahr halten konnte.“ Erst Dieselgate markiere den langsamen Beginn eines wenigstens vorsichtigen Umdenkens. Er spüre, so der Politiker, „ein neues, persönliches Verantwortungsgefühl bei allen“.

Compliance-Systeme als Lösung

Welche positiven Folgen ein Skandal haben kann, ist beim Konkurrenten Daimler zu besichtigen, ein Unternehmen, bei dem weder Staat noch Familien Aktienmehrheiten kontrollieren. Als die Schwaben 2010 von einer Korruptionsaffäre erschüttert wurden, reagierte das Unternehmen mit der Einführung eines umfassenden Compliance-Systems. Mit hohem Aufwand werden seither Entscheidungen auf sämtlichen Managementebenen auf ihre Rechtmäßigkeit abgeklopft. Teuer sei das und nicht selten lästig, sagen Daimler-Manager, aber wohl unerlässlich. „Das ist vergleichbar mit Qualitätsmanagement, es durchzieht das ganze Unternehmen“, meint ein Compliance-Manager des Konzerns, „man ist nie am Ziel, sondern muss immer nachhalten, sonst keimt schon irgendwo der nächste Skandal.“

„Hätte VW ein Compliance-System wie Daimler, wäre es vielleicht nie zu Dieselgate gekommen“, sagt ein Rechtsanwalt, der Daimler berät. Noch „viel wichtiger“ aber sei, dass mit den richtigen Vorkehrungen VW nach Bekanntwerden des Skandals richtig reagiert hätte. Davon kann bei VW nicht die Rede sein. Ausgerechnet ein Konzern, der von einem Bundesland mitregiert wird, mauerte gegenüber den US-Behörden und versuchte sie hinters Licht zu führen.

Die Quittung dafür ist saftig: Allein die Beilegung des Dieselskandals in den USA kostet den Autobauer mehr als 13 Milliarden Euro. Mit dem in der vergangenen Woche veröffentlichten Vergleich kann Volkswagen aber nur einen Teil der Klagen von Dieselbesitzern sowie Klagen von Behörden und US-Bundesstaaten aus der Welt schaffen. Weil ein Großteil der manipulierten Autos außerhalb der USA verkauft wurde und Anleger wegen angeblicher Marktmanipulation weltweit Milliarden von VW fordern, kommen weitere Belastungen auf VW zu. Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von Gesamtkosten bis zu 25 Milliarden Euro aus, der Automobilwirtschaftsprofessor Stefan Bratzel rechnet mit bis zu 30 Milliarden Euro, US-Analysten wie Richard Hilgert von Morningstar Equity Research erwartet einen Gesamtschaden von 50 Milliarden Euro.

VW als "Weltkostenführer"

Die hohen finanziellen Lasten des Dieselskandals treffen den Konzern zur Unzeit. In etlichen Märkten, gerade in Schwellenländern, läuft es schlecht für VW. Zudem hinkt das Unternehmen seinen Konkurrenten bei der Produktivität weit hinterher und muss die Kosten senken. „Wir wollten in einen Weltmarktführer investieren, bekommen haben wir den Weltkostenführer“, schimpfte bei der zurückliegenden Hauptversammlung Alexander Scholl von der Fondsgesellschaft Deka. Gleichzeitig muss der Konzern sich radikal verändern und mit Milliardenaufwand Produkte bei der Elektromobilität, dem autonomen Fahren und neuen Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing an den Start bringen. Nur so kann er sein vom Skandal ramponiertes Image wieder aufpolieren und fit werden für die automobile Zukunft. An radikalen Sparmaßnahmen, etwa Einschnitten beim Produktportfolio oder bei den Ausgaben und Personalkosten, führt da kein Weg vorbei. Vor allem in den heimischen Werken müsste gespart werden, weil die Rentabilität dort schon heute schlecht ist. Womöglich müssten sogar ganze Werke geschlossen werden.

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